Altern und Sterben – ein Maxim-Theaterabend

Das interkulturelle Theater Maxim hat sich mit seiner ersten Produktion nach dem Lockdown dem grossen, universellen Thema Altern, Sterben und Tod angenommen. Nach 14 Jahren künstlerischer Leitung verabschiedet sich mit «I’ m walking on sunshine» die Regisseurin Jasmin Hoch vom Maxim.

 

Hannes Lindenmeyer

 

Euripides liess im 5. Jahrhundert v.d.Z. den Chor singen, «Das Alter lastet über dem Haupt drückender stets als die Felsen Ätnas». Ganz anders 400 Jahre später der Römer Cicero: In seinen Dialogen über das Alter heisst es: Im Alter sind die Menschen besser dran, weil sie erreicht haben, was sie in der Jugend nur hoffen konnten. Ein Soziologe unserer Zeit behauptet, der nahende Tod fördere im Alter das Interesse an der Vergangenheit, an der Kunst, am Unzerstörbaren. Ob im Altertum oder heute, ob Frau, ob Mann, ob in Afrika, Europa oder den USA: Menschen altern und wissen, «dass die Zukunft zwar ungewiss, das Ende aber immer nah ist», wie ein Spieler auf der Bühne konstatiert. Alle Menschen machten und machen sich Gedanken, ob und wie Altern gut sein könnte.

Ihre Dialoge und Monologe über das Altern führen die elf Maxim-Spielerinnen zwischen 28 und 80 in der Kanzleiturnhalle in einem «All Ages» Fitnessprogramm. Nach dem Warm-up bricht die Musik unvermittelt ab, der Trainer steckt sich eine Blume ins Haar und erzählt «seine» Migrationsgeschichte – jetzt als Brasilianerin Janaina, die nach Jahren in der Schweiz ins Heimatland zurückkehrt, in ein Land, in dem für sie inzwischen vieles «nicht stimmt», aber wieder zurück in die Schweiz, «das geht auch nicht mehr». Altern zwischen Stuhl und Bank, ein Schicksal, das viele migrantische Lebensläufe prägt.

Der dramaturgische Kunstgriff, dass Männer Frauenschicksale erzählen, Zugewanderte als Ansässige und umgekehrt auftreten, verfremdet die Einblicke in die einzelnen Biographien; dem verblüfften Zuschauer wird so das Universelle des Themas Altern und Tod nach und nach bewusst. Ob Altern positiv erlebt wird: «Das Alter ist ein Schatz. Wir müssen es geniessen», wie eine Spielerin sagt – oder, wie eine andere sagt: in erster Linie «als Zeit der Einsamkeit: alles fühlt sich leer an, überall, auch innen» – das hängt weder vom Geschlecht noch vom kulturellen Hintergrund ab. Allerdings: Bezüglich der Bedeutung der Familie als Ort des Geborgenseins, oder zumindest der Sehnsucht, dass es so sei, unterscheiden sich die Aussagen je nach Herkunftskultur: Für die eine ist Familie «ein notwendiges Übel», für eine andere ist «Blut eben dicker als Wasser».

Altern ist die Lebenszeit mit dem Ausblick auf den Tod. «Soll der Tod eine Überraschung sein oder will ich bewusst sterben?», fragt sich eine junge Spielerin. Sie hat gelesen, «wenn man keine Angst vor dem Tod hat, lebt man im Moment. Das will ich lernen». Exit ist ein Thema, auch die Frage: Wer wird mich beerdigen? Das Stück endet mit dem Entwurf einer Rede fürs eigene Begräbnis. «Daran muss ich noch arbeiten», meint der über 70-jährige Redenentwerfer zum Schluss, «ich habe ja noch einige Jahre vor mir». Und das Fitness-Training geht weiter.

Wie so oft in den Produktionen von Jasmin Hoch haben die SpielerInnen ihre Texte selber erarbeitet. Sie hatten im Lockdown viel Zeit zum Nachdenken, wegen Corona konnten aber die für das Thema wichtigen Auskunftspersonen in Alterseinrichtungen nicht besucht werden. Über weite Strecken sind die Texte autobiographisch. Da werden dann auch einige Clichés aufgetischt: Die starrköpfige betagte Mutter, die den Versuch des Sohnes, sie ins Altersheim abzuschieben, abwehrt bis zum Familienkrach. Die Schwärmerei über die süssen Enkelkinder, die glückliche Oma – die dann aber doch zugibt, dass sie am Abend froh ist, wenn die Kleinen wieder abgeholt werden. Der Fernseher, der die Einsamkeit übertönt – und dem Stück zu einer wunderbaren Klamaukszene verhilft. Gabi Mengel – wie Jasmin Hoch ein ‹Urgestein› im Maxim – erntet einen Szenenapplaus für ihre Gesangseinlage mit dem 70er-Jahre-Song «Über sieben Brücken musst du gehen».

 

«Sehr viel zu verdanken»

Jasmin Hoch hat seit der Gründung die künstlerische Qualität, speziell die transkulturelle Methodik des Maxim, wesentlich geprägt. Sie hat sich in ihrer Regiearbeit auch an Klassiker wie Antigone oder Medea gewagt und es verstanden, deren universelle Figuren in eindrücklicher Weise mit den Biographien der SpielerInnen zu aktualisieren. Unvergesslich die schwungvolle Komödie «Schweizerpass – Superstar», ein glanzvoller Höhepunkt in der Maxim-Geschichte. Vielleicht das Wichtigste: Jasmin Hoch hat viele SpielerInnen auf ihrem Weg auf und neben der Bühne begleitet und gefördert. Das Maxim hat der Persönlichkeit und der Kompetenz ihrer langjährigen Regisseurin sehr viel zu verdanken.

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