Als in Zürich noch von der Revolution geträumt wurde

Eine Ausstellung in der Universitätsbibliothek Basel erzählt die Vater-Sohn-Beziehung zwischen Fritz Platten und Fritz N. Platten, in der viel Weltgeschichte steckt. 

 

«…wenn es sich herausstellen sollte, dass mein Vater Trotzkist sei, so solle man ihn erschiessen…»

Das sind die ersten Worte, die die BesucherInnen der Ausstellung «Auf der Suche nach Fritz Platten» lesen, wenn sie den Raum in der Universitätsbibliothek Basel betreten. Sie stammen vom zweiten Sohn Plattens, Fritz Nicolaus. Der damals glühende Stalinist rechtfertigte mit diesen Worten gegenüber seinem Pflegevater die Schauprozesse in der Sowjetunion, mit denen Josef Stalin seine GegnerInnen unter fabrizierten Vorwänden aus dem Weg geschafft hatte. Eines der Opfer: sein Vater Fritz Platten. Der Raum, in dem sich die Ausstellung befindet, ist klein; die Geschichten, die darin erzählt werden, sind dafür umso grösser: Überall hängen sowjetische Propagandaplakate, Zeitdokumente versetzen die BesucherInnen zurück in eine Zeit, in der in Zürich noch das Herz der Weltrevolution schlug. 

 

Wer war dieser Fritz Platten? Diese Frage trieb Fritz Nicolaus Platten zu Lebzeiten an – zuerst als Versuch der persönlichen Abgrenzung, später als historische Spurensuche. 

 

Der «rote Fritz»

Tatsächlich glänzte Fritz Platten im Leben seines Sohnes vor allem durch Abwesenheit: Kurz nach der Geburt von Fritz Nicolaus 1918 nahm sich seine Mutter das Leben, sein Vater war zu dieser Zeit viel in Sowjetrussland unterwegs, und so landete das Kind bei einer Pflegefamilie. Tatsächlich hat Fritz Nicolaus Platten seinen Vater nach seiner Geburt nur noch einmal persönlich getroffen, 1931, beim letzten Aufenthalt von Fritz Platten in der Schweiz. In einem Aufsatz in der Zeitschrift ‹Turicum› aus dem Jahr 1972 erinnerte sich sein Sohn an diese Begegnung: 

«Plattens Zürcher Aufenthalt war keine erfreuliche Zeit. […] Auch an mir hatte er keine Freude, weil ich meine Pflegefamilie nicht verlassen wollte, um mit ihm nach Russland zu gehen. […] Er sagte einmal zu mir, wenn ich in seinen Fingern wäre, so würde ich viel autoritärer erzogen.» 

 

Trotzdem war Fritz Platten im Leben seines Sohnes allgegenwärtig. Im Schatten seines Vaters wurde Fritz Nicolaus in Zürich zwischen den politischen Polen zerrieben: Für die Sozialdemokratinnen, als auch die Kommunisten war er eine Bezugsfigur, ein Idol; die Bürgerlichen sahen im «rote Fritz» hingegen ein Schreckgespenst. Das zeigte sich exem­plarisch beim Abstimmungskampf zur SP-Initiative für eine «einmalige Vermögensabgabe» 1922. Mit der Initiative sollten die Schulden aus dem Ersten Weltkrieg durch eine Vermögensabgabe beglichen werden. Auf einer Abstimmungspostkarte aus dieser Zeit wird die Initiative in Form von Fritz Platten dargestellt, der die ArbeiterInnen dazu antreibt, die Steuern auf das Volksvermögen zu erhöhen.

 

Legenden und Mythen

Überhaupt ranken sich viele Mythen und Heldenerzählungen, vielleicht auch Verklärungen um Fritz Platten. So soll er als Lehrling in seiner Schlosserlehre bei der Escher-Wyss-Maschinenfabrik den ersten Schweizer Lehrlingsstreik organisiert haben – so will es zumindest die sowjetische Geschichtsschreibung. Fritz Nicolaus erzählte im bereits zitierten Aufsatz eine weitere Anekdote aus der Lehrlingszeit seines Vaters: Bei einer handgreiflichen Auseinandersetzung soll Fritz Platten einen Polizisten in einen Brunnen geworfen haben. Vor Gericht plädierte er dann auf unschuldig und zeigte als Beweis seinen verletzten Ellenbogen, der es ihm unmöglich gemacht hätte, den Polizisten in den Brunnen zu werfen. Der Richter sprach ihn frei – und der Polizist sei ob der Schlagfertigkeit des jungen Plattens so beeindruckt gewesen, dass er ihn anschliessend zum Trinken einlud. 

 

Wo die historische Figur endet und der Mythos beginnt, ist bei Fritz Platten oft unklar. «Das ist das Interessante an seiner Figur: Man ist schnell im Reich der Legende», erklärt Rhea Rieben, die gemeinsam mit Benjamin Schenk und StudentInnen der Geschichte die Ausstellung kuratiert hat. Immer wieder würden historische Ereignisse aufgenommen und dann symbolisch aufgeladen. Dazu hat Fritz Platten zeitlebens auch selbst beigetragen. Am bekanntesten ist Platten für die Organisation von Wladimir Iljitsch Lenins Reise nach Russland am Vorabend der Oktoberrevolution 1917. Im russischen Zarenreich war soeben die Februarrevolution ausgebrochen, Lenin sowie eine ausgewählte Gruppe von russischen EmigrantInnen in Zürich wollten die Gunst der Stunde nutzen, um endlich nach Russland zurückzukehren und ins revolutionäre Geschehen einzutreten. Lenin beauftragte Fritz Platten mit der Organisation der Reise, er legte die Einzelheiten für die Durchreise durch Deutschland mit dem deutschen Botschafter in der Schweiz fest. 

 

Dabei soll jener Zugwagen, in dem Lenin, Platten und die rund 30 russischen Emi­grantInnen reisten, «plombiert», also versiegelt gewesen sein. So sollte verhindert worden sein, dass die RevolutionärInnen sich auf der zweiwöchigen Reise mit den anderen Fahrgästen durchmischten. Sowohl Vater als auch Sohn verarbeiteten die Reise später: Fritz Platten schrieb 1924 ein Buch mit dem Titel «Die Reise Lenins durch Deutschland im plombierten Wagen», Fritz Nicolaus 1967 eine Artikelserie in der sozialdemokratischen Zeitung ‹Volksrecht›, deren Nachfolgerin auf Umwegen die unabhängige P.S.-Zeitung ist. Jedoch sei der Zug nicht wirklich plombiert gewesen, meint Historikerin Rieben. Die Geschichte sei vielmehr ein Ablenkungsmanöver. Lenins GegnerInnen hätten ihm schon bald vorgeworfen, er habe mit den Deutschen paktiert, damit er nach Russland gelangen und die Revolution anführen konnte. «In diesem Zusammenhang muss man den Mythos um den plombierten Zug verstehen: So konnten Lenin und Platten glaubhaft machen, dass mit den Deutschen kein Austausch stattgefunden hat.» 

 

In Stalins Kerkern

Nach seiner Inhaftierung im Zuge der stalinistischen Schauprozesse hörte die Schweizer Öffentlichkeit lange nichts mehr von Fritz Platten. Die durch Stalin angeordnete Verhaftung Plattens zerriss auch die Schweizer Linke: 1947 demonstrierte eine Gruppe der sozialdemokratischen Jugendorganisation am 1. Mai mit der Losung «Befreit Fritz Platten aus Stalins Kerkern». Wütende KommunistInnen schlugen das Transparent zusammen. Erst als Stalin 1953 starb, konnte offen über die Gräueltaten der Stalinzeit und die Opfer der Schauprozesse gesprochen werden. Der 20. Parteitag der KPdSU unter Nikita Chruschtschow markierte den Startpunkt der Entstalinisierung. Fritz Nicolaus schrieb kurz darauf an den damaligen Ministerpräsidenten Marschall Bulganin und bat um Nachforschungen über das Schicksal seines Vaters. Die Antwort: Fritz Platten war bereits 1942 unter ungeklärten Umständen im Gulag gestorben Am 6.10.1956 schrieb das ‹Volksrecht› mit spitzer Feder:

«Fritz Platten rehabilitiert […] Die kommunistische PdA wird nicht länger den jämmerlichen Standpunkt einnehmen können, Ich weiss nichts – mein Name ist Hase […] Der plötzliche Tod Fritz Plattens im Konzentrationslager belastet nicht nur das Gewissen der russischen, sondern ebenso sehr dasjenige der schweizerischen Kommunisten.»

 

Noch heute eine Projektionsfläche

Über die Nachricht zum Tod seines Vaters war Fritz Nicolaus, der inzwischen aus der kommunistischen Partei ausgetreten war, schockiert. In den nächsten Jahren trat er vermehrt öffentlich als sozialdemokratischer Anti-Kommunist auf, während in der Schweiz eine hitzige Debatte über die Mitverantwortung der PdA an der Stalinzeit entbrannte. In der Sowjetunion entwickelte sich hingegen nach Fritz Plattens Rehabilitierung ein regelrechter Platten-Hype: Strassen wurden nach ihm benannt, Biografien geschrieben, Dokumentarfilme gedreht. «Den Kult um Fritz Platten in der Sowjetunion nach 1956 muss man im Zusammenhang mit dem Wiedererstarken des Leninkults verstehen. Nach dem Ende des Stalinismus wollte man die menschliche Seite des Kommunismus in den Vordergrund stellen und zeigte vermehrt Menschen, mit dem sich die SowjetbürgerInnen identifizieren konnten. Fritz Platten, ein enger Begleiter Lenins, wurde zur Heldenfigur gemacht», sagt Rhea Rieben. Wer sich zu dieser Zeit in Verbindung mit Platten bringen konnte, war indirekt mit der Oktoberrevolution verbunden. 

 

Noch heute, gut 80 Jahre nach seinem Tod, funktioniert Fritz Platten als eine Projektionsfläche, noch immer kristallisieren sich an seiner Person grobschlächtig die politischen Programme. In einem Kommentar zur Ausstellung an der Universität Basel echauffiert sich der ehemalige SVP-Nationalrat und ‹Weltwoche›-Kolumnist Christoph Mörgeli, dass hier einem Sowjetfanatiker goldene Kränze gewunden würden – auf Kosten der SteuerzahlerInnen. Mit anderen Augen blickt hingegen der ehemalige SP-Nationalrat und Soziologe Jean Ziegler auf das Leben von Platten. Im Sammelband «Projekt Schweiz» schrieb Ziegler ein wohlwollendes Porträt über Platten. Sein Fazit: Angesichts des herrschenden Raubtierkapitalismus brauche es mehr Menschen wie Fritz Platten in dieser Welt. Die beiden Episoden stehen stellvertretend für das, was seit spätestens 1917 mit der Figur Platten passiere, meint Rhea Rieben dazu: «Fritz Platten wird zu einer Identifikationsfigur. Über ihn kann man sich politisch selbstverorten, in einen politischen Kampf einschreiben – einen Kampf, den man befürwortet oder ablehnt.»

 

Die Ausstellung an der Universitätsbibliothek verwehrt sich solchen Vereinnahmungen und jeglichem Heldenepos. Wer sich durch die dichte Ausstellung durcharbeitet, findet in der Figur vor Fritz Platten vor allem Ambivalenzen: Ein Mann, der verbissen für die Weltrevolution und Gerechtigkeit kämpfte, gleichzeitig aber die mörderischen Auswüchse des Kommunismus verteidigte und an ihnen zugrunde ging; ein charismatischer Redner, von vielen verehrt; ein strenger, unnachgiebiger Vater, der auch nach seinem Tod im Leben seines Sohnes allgegenwärtig war: Als die PdA zum 40. Gründungstag eine Broschüre veröffentlichte und auf der Titelseite Fritz Platten ehren wollte, wurde versehentlich ein Porträt von Fritz Nicolaus verwendet.

 

Auf der Suche nach Fritz Platten. Universitätsbibliothek Basel, bis 23. Februar 2022. Für weitere Informationen siehe Flyer auf www.ub.unibas.ch/de/ausstellungen.

 

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