Schliesslich durften die während Tagen vermissten Pfadis neben der Etzlihütte einen Helikopter der Rettungsflugwacht besteigen, der sie nach Sedrun ausflog. (Bild: Pfändler © Staatsarchiv Aargau/Ringier Bildarchiv 1-1-18925_2)

Als die halbe Schweiz um das Leben von Zürcher Pfadis bangte

Sie sorgten landesweit für dramatische Schlagzeilen und mit ihren Eltern bangte auch die breite Bevölkerung um ihr Schicksal: An Ostern vor 60 Jahren wurde eine Gruppe Pfadfinder:innen aus Horgen und Oberrieden in den tiefverschneiten Urner Bergen tagelang vermisst. Bis die Pfadis schliesslich auf über zweitausend Metern von einer wagemutigen Rettungskolonne gefunden und evakuiert werden konnten.

Die ganze Nacht über hatte es geschneit und gestürmt. Vor der Etzlihütte auf 2052 Meter über Meer im Urnerland liegt an diesem Ostersonntag, dem 18. April 1965, eine gewaltige Schneedecke. Und es schneit fast unaufhörlich weiter. Drinnen in der SAC-Hütte ahnt die Gruppe von sechs Pfadfindern und zwei Pfadfinderinnen aus Horgen und Oberrieden – alle im Alter zwischen 15 und 21 Jahren – allmählich, dass der vermeintlich unbeschwerte österliche Skiausflug womöglich eine unerwartete Wende nehmen könnte. Am Vortag waren die jungen Pfadis mit ihrem 21jährigen Leiter mit Skiern, Sack und Pack vom Urner Bergdorf Bristen im Maderanertal noch bei Sonnenschein hochgestiegen. «Wir mussten die Skier erst ein gutes Stück das Etzlital hochbuckeln, weil erst in höheren Lagen Schnee lag», sagt der heute 78jährige Horgner Hans-Jörg Huber. Als 18jähriger mit dem Pfadinamen Pinoc war er bei diesem damals aufsehenerregenden Abenteuer mit dabei. «Wir waren alles relativ gute Tourenskifahrer und mit entsprechend wetterfester Kleidung, Skifellen und auch mit Lawinenschnur, Sondierstangen und Schaufeln ausgerüstet und hatten uns seriös auf das Vorhaben vorbereitet», erinnert er sich. Mit dem kurz vor dem Eintreffen in der Etzlihütte einsetzenden Schneefall hatten die jungen Pfadis dann allerdings nicht gerechnet. «Und schon gar nicht mit den in den Folgetagen immer gewaltigeren Neuschneemassen und der damit einhergehenden hohen Lawinengefahr», wie Huber sagt. «Am Ostersonntagmorgen türmte sich der Schnee schon anderthalb Meter hoch auf der Hausterrasse.» Als das Wetter gleichentags vorübergehend aufklarte, habe man die Schneemassen zwar weggeschaufelt, «doch am Montagmorgen lag dort erneut anderthalb Meter Neuschnee», erinnert sich Huber.

Die Pfadis erkennen den Ernst der Lage – an eine Abfahrt am Ostermontag ins Maderanertal nach Bristen ist angesichts der akuten Lawinengefahr und des anhaltenden Schneegestöbers nicht mehr zu denken. Stattdessen müssen die nunmehr eingeschneiten jungen Gäste in der einfachen und einsamen Berghütte ausharren. Dort gab es damals – lange vor dem Handyzeitalter – weder Telefon noch Funkverbindung. Und der Hüttenwart war noch vor dem Eintreffen der Pfadis am Karsamstag zusammen mit Armeeangehörigen per Helikopter nach Sedrun geflogen, weil er nicht mehr mit Gästen gerechnet hatte.

Tage quälender Ungewissheit

Als die Jugendlichen vom Zürichsee am Ostermontagabend nicht vom Pfadiweekend im Urnerland heimkehren, schlagen die Eltern Alarm. Die halbe Schweiz bangt nun mit den besorgten Angehörigen um das Schicksal der in den tiefverschneiten Urner Bergen vermissten Pfadfinder. Sind sie womöglich in eine Lawine geraten? Haben sie sich im Schneetreiben verirrt und sind erfroren?  Oder haben sie die rettende Etzlihütte doch noch rechtzeitig erreicht? Es beginnt eine Zeit marternder Ungewissheit. Wegen Nebel, Sturm, heftigem Schneefall und Lawinengefahr müssen Rettungshelikopter während Tagen am Boden bleiben und Rettungstrupps auf Skiern die Suche vorzeitig abbrechen und umkehren. Über das ungewisse Schicksal der Vermissten und die verzweifelten Rettungsversuche berichten Radio, Fernsehen und Presse in immer dramatischeren Worten. 

Aus der ganzen Schweiz waren zahlreiche Reporter nach Sedrun angereist, um die Horgner und Oberriedner Pfadis, deren Angehörige, aber auch die Rettungskräfte (Bild) zu interviewen. (Bild: Pfändler © Staatsarchiv Aargau/Ringier Bildarchiv 1-1-18925_3)

Aufrufe übers Radio

Einer der Pfadis hatte glücklicherweise ein Transistorradio eingepackt. «Trotz schwacher Batterieleistung des kleinen Gerätes konnten wir damit Radio Beromünster empfangen und waren so immerhin stets über die laufenden Rettungsbemühungen orientiert», betont Hans-Jörg Huber. In einer speziellen Einschaltsendung nach den Mittagsnachrichten sei jeweils am Landessender über den aktuellen Stand orientiert und seien die Jugendlichen auch wiederholt und eindringlich vor dem Verlassen eines sicheren Standorts gewarnt worden.

Als der Radiosprecher ein erstes Mal über die verschwundenen Pfadis und über den in Sedrun auf besseres Wetter wartenden Rettungshelikopter berichtet hatte, war offenbar in der eingeschneiten Berghütte «wie auf Kommando ein Freudengeheul losgebrochen». So jedenfalls schilderte es später ein anderer Beteiligter, der damals ebenfalls 18jährige «Quick» aus Horgen, in einem im Nachgang zu den abenteuerlichen Tagen in der Etzlihütte von der Gruppe verfassten «Tagebuch»: «Wir umarmten uns und sprangen umher, aber im Innern musste jeder gegen die Tränen kämpfen.» Während der langen Tage in der Hütte habe man sich mit Jassen und andern Spielen oder mit Lesen, Kochen und Heizen bei Laune gehalten, sagt Huber. «Wir waren ja in Sicherheit, wussten aber natürlich, dass unsere Eltern in grosser Sorge waren, was die alles in allem recht gute Stimmung natürlich schon etwas gedämpft hat.» Als der mitgebrachte Proviant nach zwei Tagen zur Neige geht, schlagen die Pfadis einen kleinen Fensterflügel zum Vorratszimmer ein. Um so an Lebensmittel zu gelangen, die der Leiter der Gruppe bei der Rekognoszierung dort zwei Wochen vor Ostern deponiert hatte.

Spektakuläre Rettungsaktion

Dann, am Donnerstag, 22. April gelingt es dem Österreicher Helmut Hugl, den von ihm gesteuerten Bell-Helikopter der Rettungsflugwacht bei schwierigsten Verhältnissen auf dem 2350 Meter über Meer gelegenen Chrüzlipass am Übergang vom Urnerland nach Graubünden aufzusetzen. Während der Landung habe «starker Wind von bis zu 70 Stundenkilometern, schlechte Sicht und grosse Lawinengefahr» geherrscht, heisst es in damaligen Medienberichten dazu. Und die sechs Bergführer und Skilehrer aus Sedrun und Disentis, die mit Skiern und einem Lawinenhund dem Heli entsteigen, haben angesichts der gewaltigen Schneemengen, die meterhoch an den Bergflanken klebten und wegen der misslichen Witterungsbedingungen eine nicht minder riskante Mission vor sich. Für den Abstieg und kurzen Gegenanstieg zur in rund drei Kilometer Distanz und rund 300 Meter tiefer gelegenen Etzlihütte benötigt die Rettungskolonne volle zwei Stunden. «Wir wussten aus dem Radio, dass die Helilandung geglückt war, konnten die Maschine wegen der trüben Wetterlage aber von der Hütte aus nicht sehen», erzählt Huber. Erst einige Zeit später, als die Kolonne schon ein Stück weit abgestiegen sei, seien plötzlich ein «halbes Dutzend schwarze Figuren» aus dem schier endlosen Weiss der Landschaftskulisse aufgetaucht. Unterwegs löst die Rettungskolonne dann an einer besonders gefährlichen Stelle auch noch eine Schneesprengung aus, um den weiteren Vormarsch zu sichern. Von der Detonation hören die vor der Hütte gespannt wartenden Pfadis allerdings bloss ein gedämpftes «Wuff» – so Huber – wohl, weil die Schallwellen grösstenteils von den gewaltigen Schneemassen verschluckt worden waren.

Zeit- und Augenzeuge von damals: der Horgner Hans-Jörg Huber. (Bild: Arthur Schäppi)

«Sie leben!»

 Um 12.34 Uhr melden die Rettungskräfte dann per Funk: «Ankunft bei der Hütte.» Und bange sechs Minuten später kommt schliesslich die erlösende Botschaft: «Alle acht wohlauf.» Die Nachricht lässt die bekümmerten Eltern, die in Bristen und Sedrun sehnlichst auf ein Lebenszeichen ihrer Kinder gewartet hatten, erleichtert aufatmen. Die Nachricht verbreitet sich in Windeseile. «Sie leben!», titelt der ‹Blick› auf der Frontseite in grossen roten Lettern. Bis die Eltern ihre Söhne und Töchter überglücklich in die Arme schliessen können, müssen sie sich aber noch etwas gedulden. Wegen des anhaltend schlechten Wetters können die Pfadis und in einem zweiten Flug dann auch ihre Retter nämlich erst am Folgetag mit einem Heliswiss-Helikopter der Flugwacht nach Sedrun ausgeflogen werden. Dort wurden sie nicht nur von ihren Angehörigen, sondern auch von einem für die damalige Zeit gewaltigen Tross von Medienschaffenden empfangen.

(P.) S. O. S. !

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