Allmacht 2.0

Bryan Fogel rekonstruiert in «The Dissident» die Hintergründe und Beweisführung der staatlich höchstrangig verordneten Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Kashoggi in der saudischen Botschaft in Istanbul am 2. Oktober 2018 – und wie sie bis heute für die faktisch überführten Schuldigen komplett folgenlos blieb.

 

«In Saudi-Arabien eine eigene Meinung zu haben, gilt bereits als Verbrechen», sagt der 27-jährige Omar Abdulaziz, der in Kanada politisches Asyl geniesst, aber dort keineswegs frei von einer realen Bedrohung leben muss. Er hat es gewagt, öffentlich – also digital – auf Konfrontationskurs mit dem Hause Al-Saud, der absolutistisch herrschenden Königsfamilie Saudi-Arabiens, zu gehen. Wie? Er hat sie kritisiert. Im Gegensatz zu ihm war Jamal Kashoggi (1958 – 2018) während seiner Jahre als Journalist in Riad ein Teil des Establishments und sogar nach seiner ‹Abreise› in die USA, wo er als Korrespondent für ‹The Washington Post› arbeitete, alles andere als ein Regimekritiker. Im Gegenteil. Er begrüsste die Reformagenda des faktischen Herrschers MBS – Kronprinz Mohammad Bin Salman –, die eine verhältnismässige Besserstellung der Rechte der Frauen versprach sowie Kinos und sogar die öffentliche Verlustigung beim Tanz zu erlauben in Aussicht stellte. Aber… der sechzigjährige Journalist Kashoggi vernetzte sich digital mit jüngeren Journalisten, indem er ihnen auf Twitter folgte. Einem Medium, dem in Saudi-Arabien acht von zehn Personen ihre Aufmerksamkeit schenken (USA: zwei von zehn) und wofür das Herrscherhaus eine Armee an Trollen engagiert, damit unliebsame Hashtags und Tweets im Ranking von positiven Nachrichten überholt und verdrängt werden können, diese also im Nachrichtenmeer zu einem kaum mehr auffindbaren Tropfen verkleinert werden. 

Das saudische Herrscherproblem besteht darin, dass dazu eine dezentrale Gegenbewegung entstanden ist, die es mit dem Hashtag «was weisst du über die Bienen» tatsächlich geschafft hat, zuoberst aufs Ranking zu gelangen und dort zu bleiben. Ein unvorstellbarer Affront. Jamal Kashoggi hatte fünftausend Dollar gespendet, damit SIM-Karten in Kanada und den USA gekauft werden und diese Kampagne überhaupt gestartet werden konnte. Ein Solidaritätsakt, der ihn das Leben kosten sollte, weil er fortan als Staatsfeind galt.

 

Erdrückende Beweislast

Welche Funktionsträger Bryan Fogel alles für sehr offene Worte vor laufender Kamera gewinnen konnte ist mindestens so beeindruckend wie die Tatsache, dass sich die versammelten Aussagen unisono in Richtung Gewissheit bewegen. Shane Harris, der Fachredaktor für Geheimdienste und Staatssicherheit der ‹Washington Post›, kennt nach zwanzigjähriger Spezialisierung keinen anderen Fall, «in dem sich die CIA dermassen sicher war». Für die UNO-Sonderberichterstatterin Agnès Callamard sind sämtliche Voraussetzungen erfüllt, um gegen MBS strafrechtlich vorzugehen und eine Untersuchung zu eröffnen. Der Oberstaatsanwalt von Istanbul Irfan Fidan wie auch der türkische Justizminister Abdülhamit Gül wären sofort bereit, alles in ihrer Macht Stehende zu unternehmen, um die Täterschaft zur Rechenschaft zu ziehen. Sie waren es auch, die nach Rücksprache mit dem Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan die Audioprotokolle aus dem Innern des saudischen Konsulates internationalen Medien und den Regierungen in bspw. Paris und London zur Verfügung gestellt hatten, worauf nun auch der Film zurückgreifen kann. Das offizielle Saudi-Arabien stellt sich auf den Standpunkt, dass es sich um Handlungen auf eigenem Hoheitsgebiet handle und darum jede äussere Einflussnahme mit einer kriegerischen Aggression gleichzusetzende nicht statthafte Einmischung in innerstaatliche Angelegenheiten handle. Punkt. Kurzzeitig zeigte sich die internationale Diplomatie etwas irritiert, was sich aber schon beim G20-Gipfel im vergangenen November (!) in Riad ganz offensichtlich soweit gelegt hatte, dass die Tagesordnung ohne nennenswerte Störung eingehalten werden konnte.

Die Gretchenfrage einer möglicherweise notwendigen Neudefinition von Freund und Feind im Nahen und Mittleren Osten wird als letzte Konsequenz auch im Film so natürlich nie gestellt. Dafür zeigt die faktenreiche Dokumentation wie die kulminierte Macht in der Figur des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, hier Donald Trump, dem saudischen De-facto-Herrscher MBS als omnipotenten Waffenkäufer medial-öffentlich den Hof macht, derweil US-amerikanische Senatoren und Ausschüsse in Brandreden lückenlose Aufklärung inklusive Ergreifung von Konsequenzen fordern. Allein es ändert nichts. Alle wissen alles und die Welt dreht sich weiter, wie wenn nie nichts passiert wäre.

 

«The Dissident» spielt im Kino Movie.

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