- Kultur
Alles riecht
Scheinbar unmerklich und ohne jede Möglichkeit zur Gegenwehr erobern Düfte via die Nase Gehirnregionen, die Erinnerungen bergen, Kaufentscheide beeinflussen und Entscheidungen über Sympathie oder Antipathie fällen, noch bevor ein klarer Gedanken gefasst werden konnte. Franziska Bruecker, Gerhard Meister und Anna Trauffer widmen der Kraft von Düften – auch Gerüchen, Gestank und Gschmäckle – einen ihrer Worttonabende. Genauso wie ein Duft betören wie verstören kann, changieren auch sie zwischen Liebreiz und Ekel. Sie verstehen es, das quasi Heimtückische im Wesen des Duftes, sich ungefragt zu manifestieren und dabei nachhallend zu wirken, auf ihre Darbietungsform von Klang zu übersetzen. Worte schleichen neben Tönen, verbinden sich zu Bildern, die genauso beiläufig Abgründe ausloten, wie sie Euphorie glätten können. Die Geschichten einer Suppe, die erst ihr volles Aroma entwickelt hat, nachdem der Koch mitgesotten worden ist, dient als ohrenscheinlich erkennbar absurder Einstieg, um darüber ins Fach der real unliebsamen Zusammenhänge wechseln zu können. Wohlgeruch ist Luxus, das versinnbildlicht schon der Sonnenkönig, weshalb sich der Begriff des französischen Duschens bis heute im Gebrauchsjargon gehalten hat. Zwei der zentralen Stoffe in der Parfümherstellung, weshalb der Abend auch «Noten von Vanille und Ambra» heisst, bergen Geheimnisse bezüglich ihrer Gewinnung, die so überhaupt nichts mit der Verlockung eines Werbeversprechens gemein haben. Wenn sich hier die drei Klangpoet:innen als regelrechte Spassbremsen installieren, winden sie dem Vermögen unser aller Gehirnwindungen erst recht das Kränzchen, dass sie zeitgleich in der Lage sind, sowohl das Augenscheinliche als auch den Hintersinn zu erkennen und zu verarbeiten. Erst die Bequemlichkeit verwandelt das in eine Gewöhnung, wogegen sich jeder Duft erfolgreich verwehrt. Vielleicht wärs ja ganz allgemein angebracht, mehr auf die eigene Nase zu setzen.
«Noten von Vanille und Ambra», 29.9., Sogar Theater, Zürich.