- Kultur
Alles nur geträumt
Da lebt Tannhäuser im Venusberg, einem Sündenpfuhl von Erotik, Lust und verlockend Verbotenem – und langweilt sich doch. Zurück in der im Opernhaus sehr bürgerlich gezeigten ritterlichen Welt der Wartburg gehts ihm aber gleich: Dort wo du nicht bist, ist das Glück! Was will der Mann? Welche Art von Liebe erfüllt? Die Fragen, die Richard Wagner in seinem Tannhäuser stellt, sind keineswegs nur vom 1845 und die Neuinszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson holt sie ins Heute. Zur Ouvertüre wabern Nebel und eine ganze Menge Tannhäusers liegen, kauern, zittern vor einer zerstörten Alabasterstatue. Das Bild wird ganz am Schluss aufgelöst, schon rasch nach Tannhäusers Abreise aus dem Venusberg aber wird klar, dass diese in Anmut versteinerte Statue Elisabeth ist, die Gegenfigur zur sinnlichen Venus.Damit sind die Eckpunkte der Inszenierung gesetzt. In die schwarze Leere des Anfangs (Bühne: Erna Mist) wächst der Venusberg: Sonderlich sinnlich wirkt das nicht, so wie auch Rachel Wilsons Venus eher handfest agiert. Der Tisch wird, als Tannhäuser diese Welt verlässt, von einem Leichenwagen gerammt: Der Landgraf und seine Entourage brechen saufend und koksend ein, ein überraschender Stilbruch. Ihre Welt erweist sich als lebensfreudiger und bunter als der verruchte Venusberg, auch wenn die goldenen Wände zu erdrücken scheinen. Nur Elisabeth, die ehemalige Geliebte, der sich Tannhäuser immer noch verbunden fühlt, ist eben das erstarrte Ausstellungsstück. Christina Nilsson muss erst minutenlang unbewegt Statue spielen, bevor sie direkt in ihre grosse Einstiegsarie springen muss. Sie singt sie überlegen schön und sicher, aber noch nicht mit der musikdramatischen Kraft, die sie im dritten Akt erreichen wird. Vorher wirkt das Orchester oft laut und Dirigent Tugan Sokhiev wählt eher langsame Tempi, gerade in den Ensembles – wie die Regie machts das den Solist:innen nicht immer leicht. Wieviel mehr mit Nilsson, mit Eric Cutler in der Titelpartie (sie gilt als anstrengendste Tenorpartie des Repertoires, was man Cutler in keinem Moment anhört) und mit dem grossartig fein- und leisezeichnenden Christian Gerhaher als Wolfram, wie auch mit dem starken Chor möglich wäre, zeigt der dritte Akt, in dem sich vieles verdichtet, was vorher szenisch wie musikalisch etwas unentschieden wirkte. Einmal mehr: Zurücknahme schafft Intensität.
«Tannhäuser», bis 11.7., Opernhaus, Zürich. Sa, 27.6., Oper für alle.