Alles, ausser Langeweile

Bis eben noch im Fotomuseum Winterthur als eine von acht «Fotografinnen an der Front», intensiviert sich aktuell die Möglichkeit einer Beschäftigung mit Leben und Werk von Lee Miller (1907 – 1977). Arte zeigt eine biografisch orientierte Dokumentation, das Museum für Gestaltung stellt ihr fotografisches Werk in einer Ausstellung in den Mittelpunkt und offenbar wird ihr legendenumranktes Leben derzeit auch noch zum Hollywoodstoff.

 

Es sind so viele leicht dramatisierbaren Anekdoten aus dem Leben von Lee Miller bekannt, dass unter Fachpersonen ein regelrechtes Ringen um die Deutungshoheit ausgebrochen ist. Gestützt wird eine gewisse Diskrepanz in der Einordnung auch durch die verschiedene Wahrnehmung ihres 1947 geborenen Sohnes Antony Penrose, der sie als ihn vernachlässigende Mutter wahrgenommen und über ihr an Rollenwechseln reichem Vorleben lange keine Kenntnis hatte, und der posthumen Auseinandersetzung mit Leben und Werk durch die Enkelin Ami Bouhassanne, die ihre Grossmutter nicht mehr bewusst kennengelernt hatte. Zusammen betreiben sie das private Lee Miller-Archiv.

Für eine Einordnung ist ihr wirtschaftlicher Hintergrund nicht unerheblich. Sie stammt aus einer Industriellenfamilie nahe New Yorks, heiratete zweimal sehr wohlhabende Männer (Aziz Eloui Bey, Roland Penrose) und blieb dabei stets auf ihre eigene Unabhängigkeit bedacht. Sie betrieb in New York, Paris und London erfolgreiche, eigene Fotostudios, verdiente ihr Geld als Fotomodell, Fotografin und Fotoreporterin. Ihr Hintergrund ermöglichte bereits früh Bekanntschaften mit grossen Namen wie etwa der Fotografieikone Edward Steichen. Ihr Mut, sich aus der damals allen Frauen angedachten Rolle als Hausfrau und Mutter auszubrechen und ihr ausgeprägtes Selbstvertrauen, nach Paris zu fahren, um sich Man Ray als Fotoschülerin regelrecht aufzudrängen, ist in den Zwischenkriegsjahren dennoch aussergewöhnlich und kann nicht überschätzt werden. Dass sie bei den Surrealisten in Paris, dem damaligen Nabel der Welt, allem begegnete, was Rang und Namen hatte, ist dem gegenüber praktisch eine blosse logische Folge. Optisch entsprach sie dem Schönheitsideal der Zeit, was ihre erste Karriere als Fotomodell befeuerte und auch (mit)erklärt, weshalb ihr die Männer in Scharen zu Füssen lagen. Das war ihr aber bei weitem nicht genug. Sie wechselte auf die andere Seite der Linse und hatte bereits in frühen Bildern als Modefotografin einen – auch frechen – Blick für die Szenographie. Eine Frau, die ihr Altpapier entsorgt oder eine andere, die Arbeitern beim Stühle verladen zuschaut als solche zu inszenieren und erfolgreich in Publikationen zu placieren, war extraordinär.

 

Kriegsfotografin

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs – die wilden Pariser Jahre und eine offenbar sie langweilende Episode als reiche Dame mit Hofstaat in Kairo lagen hinter ihr – realisierte sie mitten im Blitz genannten Bombardement von London durch die Nazis eine aufsehenerregende Fotoreportage und dokumentierte aus Interesse wie auch per Auftrag das Leben der Frauen im Krieg. Sie muss eine unbändige Wut gegen die Krauts im Bauch gehabt haben, als sie sich bei der U.S.-Army (die britische Armee liess keine Frauen dafür zu) für eine Akkreditierung als Kriegsberichterstatterin bemühte und die Niederschlagung der Naziherrschaft über Europa ablichten wollte. Auch hier vermengen sich Zufälle und Gelegenheit zu Legenden: Dass St. Malo noch gar nicht befriedet war, beruht auf einer Fehlinformation mit dem Resultat, dass sie als erste Frau Bilder an der Front aufgenommen hat. Es folgte eine lange Reise in Richtung Deutschland mit derselben Armeeeinheit und im freundschaftlichen Gespann mit dem ‹Life›-Reporter David E. Sherman. Dass sie exakt einen Tag nach der Befreiung des KZ Dachau vor Ort waren und just im Augenblick des Suizids Hitlers im Führerbunker, in dessen Münchner Residenz, sich den Dreck mehrerer Wochen in dessen Badewanne vom Leib wuschen und mit diesem Fotos erneut internationale Berühmtheit erlangten, ist auch so eine Mixtur.

 

Rückzug ins Private

Vor allem über die letzten Jahrzehnte auf ihrem Landsitz in Sussex herrscht Uneinigkeit. Für die hollywoodeske Version passt, dass ihre posttraumatische Belastungsstörung sie in Apathie und Alkohol versinken liess, während die wissenschaftlich belegbare Variante, sie habe sich als Gourmetköchin und Gastgeberin von Tafelrunden zum wiederholten Mal neu erfunden, halt sehr viel weniger in eine stringente Aufstieg-und-Fall-Geschichte betten lässt. Die Co-KuratorInnen am Museum für Gestaltung, Karin Gimmi und Daniel Blochwitz, stellen die Fotografien monothematisch zusammen, was stellenweise ihrer Chronologie widerspricht. Die Ausstellungsarchitektur mit den an Tapeten erinnernden Stellwänden wirkt mehr wie ein bürgerliches Wohnzimmer, das die Kunstpreziosen als Trophäen versteht und präsentiert. Viele Zusammenhänge und Zwiespälte wurden für die Ausstellung absichtlich unterschlagen, um die fotografische Qualität der Arbeiten für sich stehend wirken zu lassen. Dass hier jemand einen geschulten Blick durch den Sucher hatte, wird genauso manifest, wie dass es sich bei Lee Miller um eine aussergewöhnliche Frau gehandelt hat. Was sie sich vornahm, setzte sie zielgerichtet um. 

 

«Lee Miller – Fotografin zwischen Krieg und Glamour», bis 3.1.21, Museum für Gestaltung, Campus Toni, Zürich.
Teresa Griffiths: «Lee Miller. Supermodel und Kriegsfotografin», bis 27.11., auf arte.tv

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