Alles auf Zucker? (2)

Ich nehme an, dass Sie die Null­Zu­cker­Challenge, die ich vor drei Wochen ausgerufen habe, ausgeschlagen haben. Dann bin ich also Siegerin, tadaa! Ich habe nicht nur keinen Zucker gegessen (einschliesslich aller getarnter Formen wie Alkohol, Fruchtsaft, Dörrobst, Honig, künstliche Süssmittel etc.), sondern auch kein Mehl (nein, auch kein Vollkornmehl). Der Hauptpreis – bunte Rohkost nach Wahl – geht daher an mich. Juppii! Ich gönn’ mir einen Fenchel, ein Rüebli und eine rote Peperoni, gleich morgen zum Zmittag.

 

Dass Sie solchen Verzicht als extremes oder gar krankhaftes Essverhalten ansehen, kann ich mir schon denken. Es kratzt mich aber nicht (jedenfalls nicht persönlich), sondern ich setze gleich noch einen drauf: Ich esse auch nur dreimal am Tag und nur am Tisch, also ohne Znüni, Zvieri, Apéro, Fernsehsnack etc. Somit bin ich nach klinischer Definition tatsächlich orthorektisch, mithin psychisch krank. Es würde ärztlich begrüsst, wenn ich Nachmittags um drei spontan eine Butter­ brezel, einen Schokoriegel oder ein Stück Ku­chen verzehrte, weil es grad so gut duftet aus der Bäckerei, oder weil ich an einem Kiosk vorbeigehe, oder weil jemand Geburtstag hat. Ein Päckli Chips täte es auch. Salznüsse wären gemogelt, die sind ja fast gesund.

 

Nun haben Sie wahrscheinlich Lust auf Essen. Denn schon die blosse Erwähnung von Ess­waren mit Suchtpotenzial löst in anfälligen Gehirnen ein Verlangen aus (während die Rohkost Sie wohl eher kalt gelassen hat).

 

Und hier kratzt es mich doch, nämlich bei der ernährungs­ und gesellschaftspolitischen Dimension industriell zu Tode verarbeiteter Lebensmittel: Mit positiven Emotionen aufgeladene Anreize zum Konsum von «Frankenfoods» sind allgegenwärtig! Wir werden auf Schritt und Tritt zum Naschen verleitet; die richtige Dosierung jedoch ist unsere Sache. Wir sollen jederzeit etwas «geniessen», aber «vernünftig» masshalten dabei. «Übertreibs, aber übertreibs nicht damit!» Wie unmöglich das ist, zeigt ein Blick auf andere süchtig machende Substanzen: Für Alkohol und Tabak gilt ein Werbeverbot und eine Altersgrenze. «Harte Drogen» wie Kokain sind rundweg verboten. Im Gegensatz zu Alkohol oder Tabak können wir beim Essen aber kaum Totalverzicht üben, wenn wir feststellen, dass wir den Konsum nicht unter Kontrolle haben. (Sollten Sie noch nie unkontrolliert gegessen haben, dann gehören Sie wohl zu den Glücklichen, denen auch ein einziges Glas Wein und drei Zigaretten täglich genügen – weil Ihr Gehirn nicht suchtanfällig ist.)

 

Da stellt sich die Frage: «Cui bono – wem nützts?» Natürlich den Lebensmittel­ konzernen und der Agrarindustrie. Zucker, Maissirup und Mehl sind die billigsten Zutaten überhaupt. Sie lassen sich industriell herstellen, über lange Zeit lagern und überall hineinschmuggeln, um Esswaren zu strecken oder ihre Konsistenz so zu verändern, dass sie besser hinunterrutschen und nach mehr schmecken. Sogar im Schinken steckt Glucosesirup! Daneben dienen Zucker­ arten der Haltbarmachung – das senkt das unternehmerische Risiko von Herstellern und Händlern abgepackter Lebensmittel im Vergleich zum Handel mit verderblichen Frischwaren enorm.

 

Gerade als ich dachte, an pervertierten Lebensmitteln hätte ich schon alles gesehen, entdeckte ich im Coop Tütensnacks, so ähnlich wie Erdnuss­Flips – für Babys ab 6 Monaten. Früh übt sich, wer ein Junk­food­Junkie werden will! Braucht jemand noch mehr Beweise?

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