AKW-Träumereien vs. Realität

Am Dienstag war in der gedruckten NZZ eine ganze Seite zu lesen über eine Studie der Axpo, die für alle anderen erst am Dienstag unter dem Titel «Axpo Energy reports: So sichert die Schweiz ihre Stromversorgung» online verfügbar war. Was ist der Witz daran, über eine Studie früher als die anderen berichten zu können? Der Vorsprung, was die Interpretation des Inhalts betrifft. Das zeigt der NZZ-Artikel schon im Titel: «Entweder grosse Gaskraftwerke oder neue AKW.» Die Studie komme zu einem klaren Schluss: «Das Winterstromproblem lässt sich nicht mit einer einzigen Technologie lösen.» Mir fällt zwar grad nicht ein, wann in der Schweiz jemals beschlossen worden sein soll, das «Winterstromproblem» mit einer einzigen Technologie zu lösen. Hätten wir beispielsweise diesen Winter ausschliesslich auf AKW gesetzt, wäre es angesichts des Totalausfalls von Gösgen möglicherweise schwierig geworden. Aber so war der Satz wohl nicht gemeint.

Die NZZ fasst weiter die zwei Szenarien aus der Studie zusammen. Im ersten setzt die Schweiz «konsequent» auf den Ausbau von Solar- und Windenergie und nimmt Beznau, Gösgen und Leibstadt vom Netz. Dann brauche sie «mindestens drei bis vier grosse Gaskraftwerke als Ergänzung». Falls «Wind- und Gaskraftwerke keine Akzeptanz» fänden, empfehle die Axpo, «die Kernkraft im Spiel zu halten». In diesem zweiten Szenario würden Wind- und Sonnenenergie «in moderatem Tempo» ausgebaut, die bestehenden AKW liefen länger, und «ab 2045 kämen zwei neue Reaktorblöcke hinzu».

Darüber, was passieren würde, falls neue AKW «nicht auf Akzeptanz» stiessen, schweigt die NZZ. Auch darüber, wie die Studie darauf kommt, neue AKW wären «bis 2050» möglich: Erst muss das Neubauverbot aufgehoben werden, dann folgen etwa «die Befreiung von der Rahmenbewilligung für bestehende Standorte» oder das «Reduzieren der Auswirkungen von Beschwerden auf Baustart und Inbetriebnahme». Ob Politik und Bevölkerung sich das gefallen lassen? Ohne «Risikoteilung» zwischen öffentlicher Hand und privaten Investoren sowie Förderung lasse sich ein Kernkraftwerk nicht bauen, heisst es in der Studie weiter. Zum strahlenden Abfall findet sich nicht viel, hier ein besonders einprägsames Zitat: «Die Diskussion um die Entsorgung radioaktiver Abfälle der bestehenden Kraftwerke und die Diskussion um potenzielle neue Kraftwerke sollte nicht vermischt werden.»

Immerhin stellt der NZZ-Artikel klar, dass ein «rigoroser Ausbau der inländischen Stromproduktion» notwendig sei, weil der Strombedarf steige: «Die Axpo rechnet damit, dass die Nachfrage nach Winterstrom bis 2050 um 9 Terawattstunden (TWh) auf 45,4 TWh zunimmt, eine Steigerung von etwa 20 Prozent.» Und weiter: «Getrieben wird die Nachfrage vor allem durch Elektromobilität, Wärmepumpen, Datenzentren und das Bevölkerungswachstum. Gleichzeitig sinkt dank Effizienzsteigerungen der Strombedarf von Haushalten, Industrie und Landwirtschaft.»

Dazu ein Blick in ein paar Statistiken: Bevölkerung und Wirtschaft zusammen beanspruchten Stand 2010 innerhalb der Schweiz jährlich rund 60 TWh in Form von Elektrizität, dies bei einer Bevölkerungszahl von rund acht Millionen Menschen. Im Jahr 2023 lebten rund neun Millionen Menschen in der Schweiz. Der Stromverbrauch lag laut Bundesamt für Energie bei rund 56 TWh, der physikalische Stromexportüberschuss bei 6,4 TWh. Gemäss Bundesamt für Statistik gab es im Jahr 2010 in der Schweiz ein Plug-in-Hybrid-Auto und 664 elektrische. 2025 waren es 126 730 Plug-in-Hybride und 249 832 elektrische. Laut der Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz wurden 2010 hierzulande 20 044 Wärmepumpen verkauft, 2023 waren es 43 490.

Was die Rechenzentren betrifft, verbrauchten sie gemäss einer im Auftrag des Bundesamts für Energie durchgeführten Studie von 2021 im Jahr 2019 rund 2,1 Terawattstunden Strom. Davor war ihr Stromverbrauch letztmals für das Jahr 2013 erhoben worden, er lag damals bei 1,7 Terawattstunden. Der Stromverbrauch könnte auf 2,7 bis 3,5 Terawattstunden oder sogar bis auf 4 Terawattstunden ansteigen, heisst es weiter. Und: «Wenn das in der Studie ausgewiesene Energieeffizienzpotenzial von insgesamt rund 46 Prozent des aktuellen Stromverbrauchs ausgeschöpft wird, könnte der Anstieg des Stromverbrauchs zumindest gedämpft werden.»

Letzteres Beispiel zeigt besonders deutlich, was bei der Zahlenbeigerei in Sachen Stromverbrauch regelmässig vergessen geht: Nicht nur der Stromverbrauch nimmt zu, sondern auch die Effizienz – und die inländische Produktion. Was jedoch die Sonne zu letzterer beiträgt, wird in der Studie so offensichtlich abgewertet und nach Strich und Faden schlecht gemacht, dass eins naheliegt: Die AKW-Freund:innen sehen in den Panels eine ernstzunehmende Konkurrenz.

Am Montag hat der Branchenverband Swissolar ein Faktenblatt zur Schweizer Photovoltaik (PV) veröffentlicht: «Im Winter 2025/26 lieferte Schweizer PV 2,3 TWh – 60 Prozent des durchschnittlichen Importbedarfs. Ohne PV wäre der Import um 2,5 TWh höher gewesen. PV ist die einzige Technologie mit stark steigender Winterproduktion (+0,3 TWh/Jahr). Bis 2030/31 könnte PV beim aktuellen Wachstum den langjährigen mittleren Winterimport decken (3,8 TWh), bis 2033/34 sogar stillgelegte Kernkraftwerke ersetzen.» PV sei die einzige Technologie in der Schweiz, deren Winterstromproduktion «aktuell überhaupt in einem grösseren Masse zunimmt». Sie sei in den letzten fünf Wintern jedes Jahr um etwa 0,4 TWh gewachsen: «Die Wasserkraftproduktion im Winter wuchs im Jahr 2024 um lediglich 0,04 TWh (mittlere Produktionserwartung).» Vor allem aber exportiere die Schweiz auch im Winter viel Strom, «dank flexibler Speicherwasserkraft und steigender PV-Produktion»: Bis zur Hälfte des Winterverbrauchs werde exportiert und reimportiert, je nach Preis. Zu Deutsch: Den im Inland produzierten Strom selber zu verbrauchen, ist nicht annähernd so lukrativ, wie damit zu handeln. Die angebliche Stromlücke im Winter ist hausgemacht.

Am Mittwoch hat auch der ‹Tagi› über die Axpo-Studie berichtet. Titel: «Entweder Tausende Windräder oder zwei neue AKW – was wählt die Schweiz?» Zum Vergleich: Im Teil «Windenergie» der Axpo-Studie heisst es, «das aktuelle Stromgesetz sieht einen Ausbau der erneuerbaren Energien von 45 TWh bis 2050 vor». Der Bundesrat habe dieses Ziel im November 2025 präzisiert: «Das Zwischenziel für das Jahr 2030 für den Ausbau von Windenergieanlagen wurde auf 2,3 TWh gesetzt. Das bedingt den Zubau von ungefähr 250 bis 300 zusätzlichen Windenergieanlagen bis ins Jahr 2030.»

Die Mehrheit stimmt in der Schweiz seit Jahren regelmässig für den Ausbau der erneuerbaren Energien. Stromwirtschaft, AKW-Turbos, SVP und FDP propagieren unbeirrt, wir wollten eigentlich das Gegenteil davon. Nein, wollen wir nicht! Wir brauchen weder neue AKW noch neuen radioaktiven Abfall. Wer von neuen AKW träumen will, soll sich keinen Zwang antun. Aber alle anderen in diesen Traum zwingen? Damit muss Schluss sein, und zwar sofort.

(P.) S. O. S. !

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