- Kultur
Achtsamkeit
Nelly Bütikofer bringt für «Was siehst du wenn du siehst» drei starke Frauen aus verschiedenen Tranztraditionen miteinander in eine Schwingung. Keine verbiegt sich, aber auch keine reklamiert mehr Raum für sich selbst. Drei Soli eröffnen den Abend. Noemi Di Gregorio schlängelt sich durch den Grossstadtdschungel. Sie fordert ihr imaginäres Gegenüber heraus, spielt und kokettiert und heisst dies freudige Lebensenergie. Marina Vitulano verkörpert die Erschwernis der im Flamenco notwendigen Entwicklung weg von der allgemeinen Rollenzuschreibung und Erwartung der Zurückgenommenheit als Frau hin zum Stolz, dem herausfordernden Machismo, dem Sexappeal, den ihr Tanz auf der Bühne zu verkörpern einfordert. Nelly Bütikofer schliesslich drückt sich tänzerisch sehr viel in sich gekehrter, kleinräumiger und filigraner aus. Und erwirkt darüber neckisch ironisch eine Stabilität aus der Zartheit. Im zweiten Teil setzen sie sich dem Publikum direkt gegenüber und diskutieren auf der Tonspur, wer welche Erwartungen an die Wirkung und den Ausdruck ihrer Tanzform hat und inwiefern sie Erwartungen des Publikums darin hemmen oder eben stützen. Ihre drei Bewegungssprachen gesellen sich zuerst zeitgleich in ihrer Verschiedenheit auf die Bühne, bis sie eine Annäherung zeichnen, während der wiederum alle drei völlig bei sich bleiben, aber sichtlich aktiv empathisch auf die anderen eingehen. Währenddessen geht die Off-Diskussion weiter und behandelt existenzielle Fragen von und für Künstlerinnen, letztlich also der Gesellschaft als solcher. An sich erzählen sie dasselbe in einer leicht anderen Form. Sie bewerben den jederzeit in jedem Ausdruck achtsamen, neugierig zugeneigten und zur Nachsicht fähigen Umgang zwischen Menschen. Als Ausgangspunkt für poetische Überlegungen führt diese Erkenntnis noch sehr viel weiter ins Generelle und wird zur Aufforderung, sich zu herzen.
«Was sieht du wenn du siehst», 15.11., Alte Fabrik, Rapperswil. Nächstmals: 3.3.26, Theater Stok, Zürich.