- Im Kino
Absurd konstruktiv
Eigenartigerweise erscheint das Unvermögen, sich dazu zu überwinden, kopflos Gewalt an jemandem auszuüben, es weniger der Mühe Wert zu sein, auf die tieferen Beweggründe hin untersucht zu werden. Vielleicht erscheint es als zu gemeingültig, ja geradezu banal.
Obschon die Weltgeschichte vor Beispielen nur so strotzt, aus denen sich Menschen aus einem Durchschnittsleben heraus zu anscheinend unverständlich agierenden Furien entwickelt hatten, und zuvor undenkbare Grausamkeiten verüben konnten, gilt es landläufig als ausgemacht, dass im Zweifel die Vernunft und die Empathie die Hoheit über die Einschätzung einer Ausnahmesituation schon behalten würden. Die Versöhnung dem Menschen ganz allgemein also näher läge als eine Rache.
Wenn sich jetzt einer der bekanntesten iranischen Filmemacher wie Jafar Panahi, der sich für jeden seiner Filme einer internationalen Aufmerksamkeit sicher sein kann, gegen jede Regel mit ebendieser Banalität befasst, scheint er hinter aller Erzählkunst auch einen Appell im Sinn zu führen. Getreu den Bestrebungen zur Aufarbeitung des Apartheid-Regimes in Südafrika und dem Völkermord in Rwanda, deren Nachfolgeregierungen einen kolossalen Kraftakt unternahmen, um die ewige Spirale von Gewalt und Gegengewalt möglicherweise zu durchbrechen, entwirft er mit «It was just an accident» einen möglichen Umgang mit den erlittenen Gräueln, Schmerzen und dem Verlust.
Dabei entlehnt er seine Figuren dem realen Leben und überhöht sie keineswegs als für sein Ansinnen idealtypisch prädestiniert. Die Männer bleiben nicht besonders arbeitsaffine bis latent korrupte Schlitzohren, die Wohlhabenden bleiben sich selbst genügend unter ihresgleichen verschanzt und die Frauen bleiben in ihrer Durchsetzungskraft im Privaten behaftet. Aber Jafar Panahi lässt sie sich in einem regelrecht absurden Setting begegnen und während der Dauer eines Kinofilms zu einer Art stellvertretender Zivilgesellschaft formen. Eine, die sich ein Herz fasst.
Vernunft ist ein Prozess
Alles beginnt mit einem nächtlichen Auffahrunfall, wie er so häufig geschieht, dass daraus keine Nachrichtenmeldung erwächst. Ein wild streunender Hund hat in der Dunkelheit die Strasse passiert. Jetzt ist das Auto Schrott. Das Kind quengelt vor Müdigkeit und aus Sorge um das verletzte Tier, die väterliche Geduld sieht sich strapaziert. Vergleichbar zufällig schnappt dieser Vahid (Vahid Mobasseri) während seines Bittgangs in die Reparaturgarage eine Stimme, einen Namen und ein Geräusch auf, die sich ihm in der Erinnerung als die Person seines Peinigers im Gefangenschaft eingeprägt haben. Das Quietschen der Beinprothese erscheint ihm als ausreichend einzigartiges Indiz.
In der Getriebenheit eines Reflexes folgt er diesem Eghbal (Ebrahim Azizi) bis vor dessen Haus, das in seiner Modernität und Lage durchaus zu jemanden passt, der sich dem Regime angedient hat. Seinen vermeintlich befriedigendsten Traum endlich vor Augen, schlägt er ihn nieder, verschleppt ihn in die Wüste, schaufelt ein Grab, versenkt ihn darin und beginnt bereits wutschnaubend und fürchterlich fluchend den Erddeckel wieder zuzuschaufeln, als ihn das weinerliche Flehen unter inbrünstiger Beteuerung, nicht der Gewünschte zu sein, nur langsam, dann aber sicher zur Besinnung kommen lässt.
Noch lautet Vahids Frage nicht, wie zielführend sein Handeln im Generellen ist, aber die Saat eines leisen Zweifels, möglicherweise selbst grössmögliches Unrecht zu begehen, geht vergleichsweise schnell in ihm auf und er hält ein. Gefesselt und geknebelt, in einer Baustellenkiste eines Allradvehikels, kutschiert er jetzt seine vermeintliche Trophäe quer durch die Landschaft auf der Suche nach Bestätigung. Darüber, dass er einerseits richtig liege und sich andererseits im Recht befinde, seine beabsichtigte Rache vollziehen zu dürfen. Je mehr Menschen er findet, die ihrerseits mutmasslich von ebendiesem Häscher gefoltert worden waren, desto klarer wird das Bild.
In einer absurd konstruktiven Weise enthebt Jafar Panahi die ursprünglich auf Schwarz-Weiss getrimmte Frage ihrer Dringlichkeit, indem er ihr eine gänzlich neue Komponente der eigentlichen Relevanz entgegenstellt, der er zuletzt glückt, Hirn wie Hand wie Herz des vermeintlichen Rächers dermassen profund zu beschäftigen, dass er darüber seine Ursprungsabsicht beinahe schon vergisst. Oder im Mindesten als angesichts der aktuellen Lage überhaupt nicht mehr weder vordringlich noch zielführend ansehen kann. Und zu dumm wird ihm das Ganze dann gleich auch noch. Der singuläre Mensch schlägt teils erst dort Haken im Denken, wos nicht mehr nur theoretische Fragen tangiert, sondern ans sprichwörtlich Lebendige geht.
«It was just an accident» spielt in den Kinos LeParis, Piccadilly, RiffRaff.