Abgesondert

Den Berglern über den Winter die Zivilisation näherbringen soll eine junge Lehrerin.

Die Frauen des Bergweilers verdingen sich den Winter über im Tal. Geblieben sind die Kinder und die Alten. Die Jungen träumen vom Auswandern. Geistsagen, Aberglaube und Naturkräfte dominieren das auch gottesfürchtige Leben, in das die junge Aimée (Galatea Beluggi) Einblick erhält. Das Neue wird missgünstig beäugt. Auch die Erkenntnis, dass einmal monatlich baden gegen Krankheitserreger hilft. Wer stirbt, wird einer ordentlichen Bestattung bis im Frühling harren müssen, der Sarg kommt wegen der Wildtiere solange aufs Stalldach. Die Jünglinge helfen sich heimlich gegenseitig über ihren Hormonstau hinweg. Aimée liest René Descartes «Abhandlung über den Menschen» und wohnt im warmen Stall, wohin die Knirpse mehr oder weniger pünktlich und regelmässig zum Unterricht erscheinen. Lesen, Schreiben, Geographie und generelle Fragen zum Dasein, zum Funktionieren der Welt werden behandelt. Als Faszinosum oder erstmalige Gelegenheit zieht sie die Jünglinge an, die alten Frauen ahnen grundsätzlich aber auch insbesondere deswegen Übel. Louise Hémon erzählt in ihrem Spielfilmerstling «L’engloutie» – zu einer filigran stimmungsvollen Musikspur von Emile Sornin – wie sich das Archaische und die Zivilisation einander annähern, aneinander reiben, nicht miteinander vereinbar bleiben. Als die Lawinen in ihrem ewiggleichen Kegel bis knapp vor die Häuser hinabdonnern, sucht die Gemeinschaft beim ersten Mal nach dem Fleisch von verschütteten Gämsen, beim zweiten Mal den ersten Jüngling, über den sie sehr wohl Kenntnis genommen haben, dass er unlängst bei Aimée gelegen ist. Als er unauffindbar bleibt und sich dieselbe Ereigniskette wiederholt, wird nicht etwa infrage gestellt, ob diese ihren Traum des Auswanderns in die Tat umgesetzt haben könnten, sondern Aimée als Frau, also Gefahr für den Rest des Winters kurzerhand weggesperrt. Der Film verzaubert mit seiner beinahe schon zärtlichen Zuneigung in der Zeichnung dieser Einfachheit.

«L’engloutie» spielt im Kino RiffRaff.