Im Kleinen und Grossen

Kaum 20 Zentimeter trennten unsere Knie, zwischen unseren Leben aber lagen Planeten. Mir gegenüber im Bus sass eine junge Frau aus Somalia mit ihren kleinen Kindern, im Gang und auf anderen Plätzen noch mehr Frauen, ebenfalls aus Somalia, ebenfalls mit Kindern. Für einen während über 40 Jahren in der Schweiz sozialisierten Menschen wie mich war das alles eine Spur zu laut. Die Frauen, die Kinder, sogar die Kleider, die in ihrer Buntheit neben den gepflegten Schattierungen in Schwarz und Dunkelblau aller anderen Passagiere irgendwie auch sehr laut schienen.

 

Ich lächelte der Frau zu. Um im gleichen Moment zu merken, dass ich, sässe da eine Frau mit hellerer Hautfarbe, die in der gleichen Lautstärke in Dialekt mit ihren Freundinnen reden würde, kaum lächeln würde. Ich würde minimal mit den Augen rollen, wahrscheinlich sogar etwas sagen, angesäuert, dass die ihre Kinder nicht besser im Griff hat und sich selber auch nicht. Ich fragte mich, warum. Es kam mir vor wie eine unzulässige Ungleichbehandlung, die mich beschämte, weil sie bedeutete, dass ich diese Frau alleine wegen ihrer Hautfarbe und Herkunft anders behandelte. Nicht auf Augenhöhe, denn dann hätte ich sie zusammengedonnert. Dass ich es nicht tat, war abwertend. Vielleicht, dachte ich, vielleicht ist es Unsicherheit. Aber Unsicherheit ist eine Art von Schuldanerkennung ohne Konsequenzen, sie taugt zu nichts und ist eine Ausrede. Darüber dachte ich nach in diesem Bus, irgendwo zwischen Limmatplatz und Rotbuchstrasse.

 

Dann fiel mir Matthias Müller ein. Er ist Sprecher des Krankenkassenverbandes Santésuisse. Es war glaube ich im Radio, als ich ihn sagen hörte, dass er und sein Verband die Prämienzahler schützen müssen. Das interessierte mich, weil mir bisher nicht unbedingt aufgefallen wäre, dass die Kassen die PrämienzahlerInnen schützen. Es ging um die Dolmetscherleistungen in Spitälern, die gemäss einer neuen Empfehlung des Bundesamtes für Gesundheit als Teil der medizinischen Leistung gelten und damit von den Krankenkassen bezahlt werden sollen. Müller ist damit im Namen seines Verbandes nicht einverstanden, man müsse aufpassen, dass der Leistungskatalog nicht beliebig um nicht-medizinische Leistungen erweitert werde. Davor, eben, wolle man den Prämienzahler schützen.

 

In der Schweiz leben schätzungsweise 200 000 Personen, die sich nicht in einer Landessprache verständigen können. Sie sind darauf angewiesen, dass professionelle Dolmetscher sie begleiten, wenn sie sich in medizinische Behandlungen begeben. Wahrscheinlich gehören zu diesen 200 000 Personen auch die Frauen, die ich im Bus traf. Und ich hätte mir in diesem Moment gewünscht, dass da Herr Müller sitzt, nur 20 Zentimeter vor mir, im Bus, irgendwo zwischen Limmatplatz und Rotbuchstrasse, um ihm zwei Dinge zu sagen.

 

Dass er mich, als Prämienzahlerin, gerade in diesem Bereich nicht schützen müsse, wirklich nicht, und ich gerne von meinen horrenden, wettbewerbsverzerrten Prämien einen Teil für solche Übersetzungsdienstleistungen abgeben möchte, und dann, zweitens, hätte ich ihn noch gefragt, ob er nicht lieber vielleicht, wenn schon, all die PrämienzahlerInnen schützen möchte, die jenen Kassen, die er vertritt, allesamt zu alt, zu krank oder zu arm und dadurch zu wenig gewinnbringend sind.

 

Aber da sass nicht Herr Müller. Da sass diese Frau und ich stellte fest, dass meine Ungleichbehandlung im Kleinen auch im ganz Grossen stattfindet. Dann stieg ich aus.

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