700 Jahre nach 1315

Was war eigentlich los in der Zentralschweiz am Anfang des 14. Jahrhunderts? Gab es da einen heldenhaften Freiheitskampf von demokratisch organisierten Bauern gegen die Herrschaft von landesfremden Tyrannen?

 

Peter Stricker

 

Bekannt ist, dass sich Schwyzer Bauern und Kolonisten mit dem Kloster Einsiedeln schon seit Jahrzehnten um Wiesen und Wälder im Grenzgebiet rund um den Mythen gestritten haben und im Verlauf dieses Marchenstreits ziemlich grob und gesetzlos wurden: Sie überfielen nämlich das Kloster, plünderten und schändeten die Kirche und den Altar und führten die Mönche ab in die Gefangenschaft. Gegen dieses Verbrechen – die Aktion war nach damaligem Recht und Rechtsempfinden ähnlich kriminell wie heute das Vorgehen von gewissen Dschihadisten – musste die Ordnungsmacht natürlich einschreiten. Darum haben die rechtmässigen und allein verantwortlichen Sicherheitskräfte eingegriffen und sind 1315 in die Zentralschweiz einmarschiert. Unter ihrem Anführer Herzog Leopold von Österreich, dem Schirmherrn des Klosters Einsiedeln, haben Ritter aus dem heutigen Aargau und aus den Kantonen Zürich und Luzern, die ihrem legitimen Herrn Gefolgschaft schuldeten, den Marsch in die Zentralschweiz angetreten.

Historiker vermuten, dass eine Strafaktion geplant war. Die Schwyzer, sehr wahrscheinlich unterstützt von Verbündeten aus Uri und Unterwalden, sollen ihnen dann bei Morgarten am 15. November aufgelauert haben und möglicherweise kam es zu einem Treffen zwischen den bewaffneten Bauernhaufen und dem Ritterheer. Bewiesen ist es nicht, aber glauben tun wir es gerne: Spiel, Satz und Sieg für unsere Schweizer Helden! Habsburg bekam eins auf den Deckel und die Eidgenossenschaft startete ihre bis heute andauernde Erfolgsgeschichte.

 

Wem gehört die Schweizer Geschichte?

Was immer damals rund um den Vierwaldstättersee geschehen sein mag, es war weder für den Fortgang der europäischen noch für den Verlauf der schweizerischen Geschichte von grösserer Bedeutung. Trotzdem gehen heute die Emotionen hoch beim Thema Morgarten oder Marignano. Die Leitartikler streiten sich um die Frage, wer was sagen darf zum richtigen Verständnis dieser Ereignisse. Den professionellen Geschichtsforschern gefällt es gar nicht, wenn ihnen von selbsternannten patriotischen Experten ins Handwerk gepfuscht wird.  Einige greifen beherzt in die Tasten, um ihren Anspruch auf die Deutungshoheit zu verteidigen, und werden postwendend von der Gegenpartei als «Schreiberlinge» und Nestbeschmutzer verunglimpft.

 

Was bleibt?

Wir werden nie wissen, was genau vor 700 Jahren geschah. Die Historiker aber sind überzeugt, dass wir zumindest wissen können, wie es nicht war. Und um nochmals in Erinnerung zu rufen, wie es ganz bestimmt nicht gewesen sein konnte, hat Thomas Maissen ein sehr informatives Buch geschrieben. Sein Rezept ist einfach: Er entnimmt den bekannten Reden von nationalkonservativen Politikern die deftigsten Kernsätze zur Schweizer Geschichte und konfrontiert diese phantastisch bis irrwitzigen Interpretationen mit den schon seit langem bekannten Ergebnissen der Geschichtsforschung.

 

Das Resultat ist eine Reihe von Geschichtslektionen mit vielen Aha-Momenten. Der Streit, den das Buch in den Medien ausgelöst hat, zeigt es deutlich: Dieses Buch ist nötig und kommt zum richtigen Zeitpunkt. Lies es, (Eid-)Genoss/in, dann kannst auch du kompetent mitreden im Streit um die Schweizer Geschichte!

 

Thomas Maissen, Schweizer Heldengeschichten und was dahinter steckt, Verlag hier und jetzt, 2015, 240 Seiten, 29.90 Franken

 

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