Marianne de Mestral: «Das Manifest war seiner Zeit voraus.»

50 Jahre «Manifest ausländischer Frauen» 

Vom 22. – 23. Februar 1975 – dem UNO-Jahr der Frau – fand in der Paulus-Akademie, gemeinsam mit dem evangelischen Tagungs- und Studienzentrum Boldern und der Kontaktstelle für Ausländer und Schweizer, eine Tagung statt. Ihr Titel: «Probleme ausländischer Arbeiterinnen und Ehefrauen ausländischer Arbeiter.» Daran nahmen 180 Personen teil: spanische, italienische, griechische, jugoslawische und schweizerische Frauen und zwei Männer. Das Ergebnis der Tagung war das «Manifest ausländischer Frauen».

In der Präambel zum Manifest wurde festgestellt, dass Schweizerinnen und Ausländerinnen viele gemeinsame Probleme haben, vor allem aber die «Frauen der Arbeiterschicht die bestehenden Ungerechtigkeiten am stärksten» erleben. Hinzu komme, dass die Erziehung und Bildung im Heimatland das Leben hier erschweren würden, zu einer Belastung und Überforderung führten. 

Zu den Themen Arbeit, Familiensituation, Gesundheit und soziale und politische Fragen wurden auf neun Schreibmaschinenseiten die Probleme der damaligen Lebensumstände von Migrantinnen dargestellt und deren Behebung mit entsprechenden Forderungen an die Politik und die Wirtschaft aufgelistet. 

Die Frauen forderten darin beispielsweise Lohngleichheit, politische Mitspracherechte, die Abschaffung des Saisonnierstatuts, eine Revision der geltenden Bestimmungen betreffend Mutterschaftsschutz oder flexiblere Arbeitszeiten für Männer und Frauen mit Kindern. Das Manifest kann auf www.e-periodica.ch gefunden und vollständig nachgelesen werden.

Im Buch von Sarah Baumann «…und es kamen auch Frauen», erschienen 2014 im Seismo Verlag, wurde das «Manifest ausländischer Frauen» in einem Kapitel erstmals historisch untersucht und anhand von Quellen der Colonie Libere und der Kontaktstelle für Ausländer und Schweizer aufgearbeitet. Auch wenn einzelne Forderungen in der Zwischenzeit erfüllt wurden, zeigt der neueste OECD-Bericht über die «Integration von Einwanderern», dass es vor allem bei Frauen noch viel Luft nach oben gibt.

Was hat das Manifest von damals ausgelöst, was hat sich in den 50 Jahren verbessert, wo liegen die Probleme heute? Ein Gespräch mit Marianne de Mestral, die damals mit Elena Fischli, Ursula Huber, Rosa Odesti, Marianne Sigg (Persico) und Rosanna   Ambrosi (Zanier) in der Redaktionsgruppe des Manifests mitgearbeitet und die Federführung übernommen hat. 

Was löste damals das Manifest aus?

Marianne de Mestral: Nach fünfzig Jahren, seit der Entstehung des Manifests und fünfundzwanzig Jahren nach der Pensionierung Stellung zu nehmen, ist schwierig und rein subjektiv.

Das Manifest war seiner Zeit voraus. Die Migrant:innenorganisationen haben es sehr positiv aufgenommen, hatten aber keine Möglichkeit zur Umsetzung von Forderungen. Die Schweizer Politik wollte sich nicht damit befassen, obschon es im UNO-Jahr der Frau erschienen ist. Nachwehen der knapp abgelehnten Schwarzenbachinitiativen waren noch stark spürbar. 

Im Gegenteil, es gab aus verschiedenen Richtungen massenhaft Kritik am Manifest: Die Frauen seien masslos, unverschämt und undankbar. Sie hätten in der Schweiz ein viel besseres Leben, als im Herkunftsland. Sie sollen doch… Zudem seien viele der Forderungen auch für Schweizerinnen, die erst seit vier Jahren stimmberechtigt waren, nicht erfüllt.

Das Manifest stellte viele Forderungen auf. Einige sind in der Zwischenzeit erfüllt oder die Situation wurde zumindest verbessert. Wo sehen Sie noch wichtige, ungelöste Punkte?

Die Dreifachbelastung als Ausländerin, als Frau und als schlechter entlöhnte Arbeiterin, bleibt bestehen. Es fehlen zahlbare Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, erschwingliche Wohnungen und verständliche Grundsatzinformationen zu Sozialversicherungen, um nur ein paar Beispiele zu nennen. 

Was hat sich gegenüber der Situation der ausländischen Frauen von damals zu heute verändert?

Das Saisonnierstatut ist weg, das für ausländische Frauen eine gewaltige Hürde war, sie durften z.B. keine minderjährigen Kinder haben. Viele monotone Arbeitsbereiche existieren nicht mehr, beispielsweise in der Textil- und Papierbranche.

Die Personenfreizügigkeit der bilateralen Verträge schafft erweiterte Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt. Das heutige Gesundheitswesen ist immer stärker auf ausländische Arbeitskräfte angewiesen – die dafür in ihrem Herkunfts- und Ausbildungsland fehlen.

Welche Forderungen müssten heute noch verstärkt angegangen und einer Lösung zugeführt werden?

Die Forderungen nach politischer Partizipation und erleichterter Einbürgerung, besteht nach wie vor, da sind in den letzten fünfzig Jahren, soweit mir bekannt ist, kaum Fortschritte zu sehen. Im Gegenteil, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nehmen tendenziell wieder zu. 

Bestehen noch Kontakte unter den Frauen, die an dieser Tagung waren oder am Manifest mitgearbeitet haben?

Von den sechs Frauen der Kerngruppe sind zwei verstorben und eine Frau ist weggezogen. Enge Kontakte unter den anderen drei bestehen nicht. Wir begegnen uns freundschaftlich, wenn wir uns da und dort treffen.

Was wäre bei einer solchen Tagung heute in Bezug auf die Teilnehmerinnen und die Themen anders als damals?

Die Nationalitäten und damit auch die Sprachen, wie auch die beruflichen Qualifikationen der Frauen sind heute viel breiter gestreut. 

Dringlich wäre eine vereinfachte Anerkennung von ausländischen Diplomen, vor allem im Gesundheitswesen. Anzugehen ist gegen die offensichtlich repressiven Tendenzen, ausländerrechtliche Bestimmungen, wie z.B. das Recht auf Familiennachzug, zu verschärfen. Ich denke, dass das feministische Bewusstsein und das Recht auf Selbstbestimmung bei vielen ausländischen Frauen zugenommen hat, was durchaus positiv zu sehen ist. 

Und nicht vergessen: Die Abstimmung über die Initiative zur 10-Millionen Schweiz, gilt es mit aller Kraft abzulehnen.

Marianne de Mestral

Marianne de Mestral, Jg. 1936, war von 1965-1981 mit ihrem Ehemann Patrice im evangelischen Tagungszentrum Boldern engagiert. Sie war Assistentin von Marga Bührig im Bereich «Frau und Gesellschaft» tätig. Einige Zeit nach der «Manifest»-Tagung übernahm sie auf Boldern den Bereich «Ausländerfragen». Später arbeitete sie jahrelang bei der DFA, der Kirchlichen Dienststelle für Arbeitslose.
Politisch war Marianne de Mestral während Jahren SP-Gemeinderätin in Männedorf, Vizepräsidentin der SP des Kantons Zürich und Mitglied des SP Schweiz-Parteivorstandes. Später wurde sie Gründerin und 1. Co-Präsidentin der SP60+ und vertritt diese bis heute als Vizepräsidentin in dessen europäischem Gremium.