Der Kaiser kommt

Ich habe seit je eine Schwäche für so kleine, tragische Geschichten. Dabei spielt es noch nicht einmal eine Rolle, ob es sich um eine tatsächliche Begebenheit oder eher eine Legende handelt (ehrlicherweise ist es mir sogar vollkommen gleich). Es muss einfach ein wenig traurig sein und versöhnlich, lustig und unerwartet, mit ein bisschen Sinn dahinter.
Wenn ich, was ich gelegentlich tue, von Eschlikon nach Winterthur fahre oder von Winterthur nach Eschlikon (also für die Geschichte spielt es keine Rolle, in welche Richtung man fährt), hält der Zug auch in
Aadorf, wo ich dann immer kurz aufschaue und das Bahnhofsgebäude sehe und dann weiss ich wieder, ah, das ist doch da, wo der Kaiser nicht kam. Was er aber hätte tun sollen, 1912, auf seiner nur vier Tage dauernden Reise durch die Schweiz.
Eigens für den deutschen Kaiser Wilhelm II. wurde dort nämlich ein kleines, aber durchaus prächtiges und dadurch repräsentatives Bahnhofsgebäude gebaut. Der bevorstehende Besuch muss das ganze Dorf in unerhörten Aufruhr versetzt haben. Ich meine, das ist ja schliesslich keine kleine Sache, so ein Kaiserbesuch, das kann man gar nicht ernst genug nehmen. Während Wochen und Monaten wurde gearbeitet, vorbereitet, organisiert und geprobt. Und ich sehe es ganz genau vor mir, die Männer der Dorfmusik in einer schönen Formation auf dem Perron, mit Schleifen über der Brust und Trommeln und Trompeten, Menschen im Sonntagsgewand, dort der etwas nervöse Gemeindepräsident mit der in einigen langen Nächten geschriebenen Rede in den schweissigen Händen vor diesem brandneuen Bahnhofsgebäude, es war Mittag, 1912, der Zug fuhr ein und der Kaiser kam nicht. Es war ihm nämlich, so kann man da und dort lesen, nicht so wohl an diesem Tag und er ging stattdessen in die Kartause Ittingen, wo er sich genüsslich verpflegte. Anderswo heisst es, dass der Kaiser gar nie geplant hatte, nach Aadorf zu fahren.
An diesem Bild einer Gemeinschaft, die, vom Maurer bis zum Gemeindepräsidenten so sehr auf einen einzigen Tag hinarbeitet, auf den vermeintlichen Besuch eines Kaisers, auf ein Ereignis, das dann nicht einritt – an diesem Bild blieb ich immer hängen.
Hätte man sich, frage ich mich dann jeweils, wenn die Geschichte so passiert wäre, hätte man sich schliesslich eingestanden, dass die ganzen Vorbereitungen inklusive neuem Bahnhofsgebäude (was ja sicher einiges gekostet haben würde, an Geld und Arbeit) übertrieben waren? Hätte man zugeben müssen, dass man sich vorschnell von einer schönen Idee hat verführen lassen, alle Zweifel und Fragen einfach ignorierte? Wäre man beschämt gewesen, weil einem die Erwartung auf ein wenig Berühmtheit den Blick auf das Wesentliche verstellt hatte?
Eine wunderbare kleine, tragische Geschichte, oder? Ich wollte sie schon seit Ewigkeiten erzählen, käme da nicht immer so ein blödes Gefühl auf, wenn ich es versuchte. Etwas in mir lacht diese provinziellen Aadorfer aus – und etwas anderes wird regelmässig klamm und unsicher.
Und dann schaue ich mich um, in meinem eigenen Leben und dem von Freunden und Bekannten, schaue mich um in der kleineren und grösseren Politik und nur wenn ich mir ganz, ganz fest Mühe gebe, kann ich mich davon überzeugen, dass wir schon wissen was wir tun, dass wir uns von nichts und niemandem den Blick auf das Wesentliche verstellen und uns nicht verführen lassen von einer Idee und schon gar nicht Zweifel und Fragen einfach in den Wind schlagen.
Dass der Kaiser dieses Mal also ganz sicher kommt.

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