Widerspruch

Gymi? Die Mutter neben mir schaute zufrieden zu unseren beiden Söhnen, Freunde und ein Herz und eine Seele. «Hoffentlich gehen sie dann auch mal aufs gleiche Gymi», hatte sie gerade gesagt und ja, fand ich, das tönt gut, einmal später sagen zu können: das ist mein Freund, ich kenne ihn seit dem Kindergarten, wir waren zusammen im Gymi, haben gemeinsam studiert, keiner kennt mich besser als er. Eine Sicherheit würde das geben, so ein Freund, einen Halt, ein schöner Gedanke. Trotzdem war ich irritiert. Es war keine Frage, ob überhaupt Gymnasium oder nicht, das schien entschieden, eine andere Laufbahn war gar nicht vorgesehen.
Und nun stand ich da, Akademikerin mit einem Akademikermann, auf einem Spielplatz am Zürichberg, wo ich aus einem universellen Missverständnis heraus heute wohne, mit dieser Mutter, Akademikerin mit einem Akademikermann und ihrer Überzeugung, dass unsere Söhne einmal aufs Gymnasium gehen. Ich stand da als Widerspruch.
Denn ich hege und pflege eine grosse Begeisterung für die Berufsbildung und eine ebenso grosse Ablehnung gegenüber der überbewerteten akademischen Laufbahn. Das kollidiert allerdings mit meinem Uniabschluss und der Erfahrung von FreundInnen mit Berufslehre, die viel zu oft schon vor der Bewerbung scheitern, weil mittlerweile rund 60 Prozent der Stellenangebote einen Hochschulabschluss verlangen. Und irgendwo, ich gebe es zu, spüre ich bereits den Druck des Schulkreises, in dem wir wohnen, einem Schulkreis, in dem die grosse Mehrheit der Schülerinnen und Schüler einen Gymiübertritt schaffen wird.

 

«Bildungspanik», wird dieser Druck in einem Artikel der NZZ vom März genannt. Die jährliche Hysterie um den Zugang zum Gymnasium sei letztlich Ausdruck einer in der Gesellschaft verbreiteten Unsicherheit über die Herausforderungen der Zukunft.

 

Es ist typischerweise eine Unsicherheit von gut situierten, gut gebildeten Eltern, die diese mit teuren Nachhilfeangeboten kompensieren. Wer es sich leisten kann, bereitet seine Kinder ausserschulisch auf die Gymiprüfung vor. Ein lukratives Geschäft, das ich gut kenne. Ich habe selbst jahrelang in einer Privatschule gearbeitet, die auch Lernförderung anbot. Allerdings habe ich die Lehrerinnen und Lehrer nicht vergessen, die weinende, überforderte Kinder auf die Gymiprüfung vorbereiteten oder durch die Probezeit schleppten, Kinder, die so gar nicht in die Laufbahnplanung ihrer Eltern passen wollten. Aber ich weiss auch von jenen, die gar nie so weit kommen. Die entscheidenden Weichen für die schulische Laufbahn werden früh gestellt, noch vor dem Schuleintritt, und die Dunkelziffer jener, die für eine akademische Ausbildung geeignet wären, aber wegen ihrer Herkunft von Anfang an ausgeschlossen sind, ist hoch.

 

«Kommen immer die Richtigen ins Gymi?», fragt die NZZ. Die Antwort ist einfach: Nein. Die Lösung allerdings ist komplexer. Denn während längst klar ist, dass es Aufgabe der Politik ist, für Chancengerechtigkeit zu sorgen, so dass Herkunft, Wohnort oder finanzielle Ressourcen keine Rolle mehr spielen, dämmerte mir, dass mir mein eigener Widerspruch eine andere Aufgabe stellt.

 

Die nämlich, mit aller Kraft die Gelassenheit zu wollen, mich selbst der Bildungspanik zu widersetzen. Es wäre nicht gut, wenn meine Kinder plötzlich einen Freund brauchen, der ihnen etwas gibt, was im Elternhaus nicht vorhanden ist. Das Gefühl, zu genügen, wo auch immer ihr Weg sie hinführt.

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