2000 Watt.  Eine Brandrede

Heilandsack! Jetzt hört endlich mal auf mit dem elenden Gewinsel! Ihr seid wie die Matrosen, die andauernd jammern: «Käpt’n, Käpt’n, wann endlich erreichen wir diesen Polarstern, den du da immer anpeilst?» Und ich sag: «Verfluchtes Pack, schrubbt das Deck weiter und geht mir nicht auf den Anker! Den Polarstern erreichen wir nie, denn darum geht es auch gar nicht.»

Klar hat die Stadt Zürich, und zwar mit grosser Mehrheit, sich zum Ziel gesetzt, den Energiekonsum auf eine Dauerleistung von 2000 Watt herunterzubringen. Aber es war Hinz und Kunz ebenso klar, dass dies nicht von heute auf morgen passiert, sondern dass es sich um ein Fernziel handelt, wenn auch nicht soo fern wie der Nordstern. Das nennt man Strategie, ihr Heulsusen, und wenn ihr das nun zum Anlass nehmt, das Ziel infrage zu stellen, bloss weil wir noch nicht dort sind, ist das ähnlich kindisch, wie wenn ich einen Marathon nach zehn Metern abbreche, bloss weil ich den Zieleinlauf mit blossem Auge immer noch nicht sehe. Aber ich kenne euch: Ihr wisst das natürlich so gut wie ich, aber ihr stellt das Ziel infrage, ihr hofft, der Pöbel sei vergesslich im Geist und schwach im Fleisch und alles in allem zur Hauptsache konsumgeil. Denn was sind schon 2000 Watt, wenn der Preis für den Shoppingflug tieffliegt?

Dabei ist Zürich auf gutem Weg! Der Energieverbrauch liegt heuer bei unter 4000 Watt, und dass diese Angabe totsicher falsch ist und andere ein anderes Resultat berechnen, ist jetzt eben genau nicht der Anlass, um saublöd zu rüsseln, sondern die Ungenauigkeit liegt in der Natur der Sache. Es kommt nicht so sehr darauf an, wie man rechnet, solange man immer gleich rechnet, und es geht auch gar nicht um Präzision, sondern um den Fortschritt, kurz: Es geht um den Weg, den Willen und die Wahrheit. Und mit 4000 Watt liegen wir nicht nur weit unter dem Schweizer Schnitt, sondern wir haben auch das Ziel von 2020 vorzeitig erfüllt und für die restliche Halbierung noch viel Zeit.

Aber nun zu euch Saboteuren: Was wäre denn eure Alternative? Was habt ihr denn zu bieten ausser verwüsteten Landschaften, überschwemmten Küstengebieten, geröllgefüllten Gebirgstälern, verdorrenden Feldern, verhungernden Menschen und Flüchtlingsströmen, die vor dem Klima fliehen statt vor Despoten? Schon mal was gehört vom Pariser Klimaabkommen? Ohne Heulen und Zähneklappern ratifiziert vom bürgerlichen Parlament in Bern. Das sind die wahren Ökotalibane, dagegen sind die lausigen 2000 Watt aus Zürich doch das reinste Nasenwasser!

Und warum, zum Henker, weckt das eigentlich nicht euren Ehrgeiz? Wo ist eure sonst unendliche technokratische Fortschrittsgläubigkeit, wenn man sie einmal braucht? Warum erkennt ihr nicht die Herausforderung, wenn schon mal eine da ist? Wo bleibt euer Gelabber von Eigenverantwortung? Und warum scheut ihr euch vor einem Weg, der ein guter Weg ist, wo ihr doch nicht davor scheut, jeden beschissenen Holzweg zu befahren, Hauptsache vierspurig und geradeaus?

Ja, es kann sein, dass es nicht einfach wird. Aber wir schaffen das, by design or by desaster, ihr habt es in der Hand. Und es ist kein Grund, die 2000 Watt nicht anzustreben, das ist genau wie mit der Unsterblichkeit. Lasst euch eines gesagt sein: Zwei Drittel der Menschheit lecken sich all ihre Finger beim Gedanken, sie dürften 2000 Watt Dauerleistung verbraten. Hört auf zu meckern und macht euch auf den Weg. Er ist richtig, er ist global mehrheitsfähig, er ist alternativlos und er ist zukunftsfähig. Was braucht ihr noch?

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