Zusammen alleine

Die ganze Bandbreite von Emotionen löst ein kürzlich präsentiertes Buch aus. Wut und Mitgefühl, Erschrecken, Irritation und Verständnis, Abscheu und Zuneigung. Ungeschönt vermittelt es Einblicke in die Geschichte der Menschen in den Winterthurer Heimen zwischen 1950 und 1990. Zusammen waren sie im Heim – und jede und jeder für sich doch alleine.

 

Matthias Erzinger

 

«Nei, si hend mi gar nöd ufklärt! S’hett eifach gheisse, ich müess is Spital! Nach de Operation hett de Arzt mir gseit: So, jetzt chömed sie nie es Chind über!» Eine Frau schildert ihre Zwangssterilisation Mitte der 1980er Jahre. Zwangssterilisiert wurde sie, weil sie schon lange in Heimen lebte. Der Unglaube weicht der Wut, kalt fährt’s durch die Glieder. Das war nicht in grauer Vorzeit, sondern das war eine Frau, die jünger ist als ich…

 

Vergangenen Montag präsentierte die Stadt Winterthur ein Buch voller solcher Geschichten. «Zusammen alleine – Alltag in Winterthurer Kinder- und Jugendheimen 1950 bis 1990». Erarbeitet von einem Forschungsteam des Departementes für Soziale Arbeit der ZHAW, zeigt das Buch aber nicht nur die Abgründe dieses Alltags auf, sondern zeigt auch andere Momente. Etwa wenn M. erzählt, wie er in den Ferien Skifahren lernte. «Das hett i nie gmacht, wenn i deheime glebt hätt». Auch B. sagt, «anderi Chind händ sich das gar nöd chöne leischte». Oder die Geschichte der italienischen Köchin, die im Waisenhaus in abgesprochenen Verstecken «IIklämti» hinterlegte…

 

Ein ‹Beobachter›-Artikel als Auslöser

Auslöser für den Auftrag der Stadt Winterthur an das Forschungsteam war ein ‹Beobachter›-Artikel, der um 2010 die Geschichte einer Frau publik machte, die im städtischen Kinderheim Oberwinterthur vom Heimleiter, dem «Waisenvater», missbraucht und gewalttätig «gezüchtigt» wurde. Die damalige Schulvorsteherin Pearl Pedergnana und die Bereichsleiterin Familie und Betreuung, Regula Forster, reagierten sofort, suchten den Kontakt zu der betroffenen Frau und nahmen die Aufarbeitung an die Hand. Forster initiierte ein Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Politik, aus dem ein breit angelegtes nationales Forschungsnetzwerk hervorging, das vom Nationalfonds finanziert und von fünf Hochschulen getragen wurde. Dabei stand nicht der Heim-alltag im Vordergrund, sondern die behördlichen Entscheide und biografischen Verläufe der Jugendlichen nach ihrem Heimaufenthalt. Daher erteilte die Stadt Winterthurer dem ZHAW-Team den ergänzenden Auftrag, die Geschichte der Winterthurer Heime aufzuarbeiten. «Mit der Publikation dieses Berichts übergeben wir diese Erinnerungen der Öffentlichkeit und leisten damit auch einen Beitrag an die Wiedergutmachung», hielt Sozialvorsteher Nicolas Galladé an der Buchvernissage fest. Eine Wiedergutmachung, die 2013 mit der öffentlichen Entschuldigung durch Bundesrätin Simonetta Sommaruga auf nationaler Ebene eingeleitet wurde. «Rufe nach kostengünstigeren Fremdplatzierungen werden auch heute wieder laut», schreibt Galladé im Vorwort des Buches. Die Beschäftigung mit der Geschichte zeige jedoch, wie gefährlich und verhängnisvoll für Betroffene die einseitige Orientierung an den Kosten sein könne.

 

Ein verdichtetes Gesamtbild

Als Basis für die Publikation hat das Forschungsteam strukturierte Interviews mit ehemaligen Heimkindern und Mitarbeitenden geführt und Archivbestände ausgewertet. Sorgfältig wurden die Aussagen und Archivmaterialien entlang von Themenschwerpunkten gruppiert. Prägend waren die Räume, die Suche nach der eigenen Schuld für eine Heimeinweisung, oder die Politik, die Heimkinder zu Arbeiterinnen und Arbeitern erziehen wollte. Die Gewalt, der sexualisierte Machtmissbrauch und die Rolle der Behörden werden erlebbar. Durch die Kombination der Zitate aus verschiedenen Leben wird eine Dichtheit des Erlebens erzeugt, die durch wissenschaftliche Erkenntnisse unterlegt wird. Das Buch ergänzt damit verschiedene Autobiographien von ehemaligen Heimkindern, die in den letzten Jahren erschienen sind, in einzigartiger Weise. Beim Lesen taucht man allein mitten in den geschilderten Alltag ein.

 

«Zusammen alleine. Alltag in Winterthurer Kinder- und Jugendheimen 1950 – 1990». Mit Beiträgen von Clara Bombach, Thomas Gabriel, Samuel Keller, Nadja Ramsauer und Alessandra Staiger Marx. Stadtbibliothek Winterthur, Chronos Verlag, Zürich 2017, Fr. 44.- .
Zu beziehen bei: Stadtbibliothek Winterthur, Obere Kirchgasse 6, Postfach 132, 8401 Winterthur. Telefon 052 267 51 45, E-Mail: winbib@win.ch oder im Buchhandel.

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