Zum Heulen

Ich kenne einen Teenager, nennen wir ihn Max Muster, der hat eine Strafanzeige am Hals. Strafanzeige! Was hat Max denn verbrochen? Ladendiebstahl? Raub gar, einer alten Frau die Handtasche entrissen? Oder doch Drogenhandel? Nein, nichts von alldem: Er wurde dreimal ohne Billett im Zug erwischt.

 

Max ist ein Schussel, er vergisst am Morgen quasi, sich die Schuhbändel zu binden. Und das Billett zu lösen vergisst er halt gelegentlich auch, deshalb hat er sich von seinen kargen Mitteln ein Jahresabo für den öffentlichen Verkehr in seiner Stadt geleistet – und dann verliebt er sich ausgerechnet in ein Mädchen aus dem Oberland. Viele Zugreisen also aus dem Gültigkeitsbereich seines Abos hinaus. Nach dem ersten Mal hat er sich ganz fest vorgenommen, immer ans Billett zu denken. Nach dem zweiten Mal hat er angefangen, die gelösten Billette aufzubehalten zum Beweis, dass er ja guten Willens ist und sonst immer eins löst. Nützt alles nichts. Zuschlag! Staffelungsgebühr! Strafanzeige!
«Profi-Schwarzfahrer sind jung und männlich», vermeldete ‹20 Minuten› am 16. Januar, und: «Wer schwarzfährt, erzielt einen schnellen Gewinn». Deshalb planen die Verkehrsbetriebe ein zentrales Schwarzfahrer-Register. Es wird also medial und auch technisch mobil gemacht gegen die Profiteure, die sich so dreist die Transportleistung erschleichen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, nur: ist das verhältnismässig?

 

Genauso erschleiche ich eine Leistung, wenn ich mein Auto zu lange (oder ohne zu bezahlen) auf einen öffentlichen Parkplatz stelle. Das kostet 40 Franken. Beim ersten Mal und auch noch beim zwanzigsten. Keine Zuschläge, keine Strafanzeige. Auch in der Presse ärgert man sich zwar über Falschparkierer auf privatem Grund – Artikel, die Parksünder reisserisch als Schmarotzer anprangern, finden sich jedoch nirgends, geschweige denn Forderungen nach einem nationalen Parksünderregister. Falschparkieren wird also irgendwo zwischen Versehen und Kavaliersdelikt eingeordnet, das kann jedem mal passieren – und zwar ganz gleich, ob ich nur mal beim Arzt zehn Minuten länger brauche, oder notorisch die Parkgebühr verweigere. Im Vergleich dazu erscheint die Dämonisierung des Schwarzfahrens geradezu irrational.

 

Ich erwarte ja nicht von den KontrolleurInnen, dass sie einen Schussel von einem «Profi-Schwarzfahrer» unterscheiden können, und die Verkehrsbetriebe müssen selbstverständlich den Missbrauch bekämpfen. Aber dazu würde es reichen, die Bussen so hoch anzusetzen, dass das Schwarzfahren im Schnitt teurer kommt als das Kaufen eines Billetts. Mich stört die Grundhaltung der Verkehrsbetriebe, ihre KundInnen als potenzielle BetrügerInnen unter Generalverdacht zu stellen.

 

Und was ist nun mit Max Muster? Meine Prognose: Sobald er es sich leisten kann, wird er sich ein Auto oder ein Motorrad zulegen, und der öffentliche Verkehr mit seinen Billettkontrollen und Strafanzeigen kann ihm dann gestohlen bleiben. Wer will es ihm verübeln. Klimawandel my Ass. Eigentlich ist es zum Heulen: Da versuchen Grüne und Rote seit Jahrzehnten, uns zum Umstieg auf den öV zu motivieren – und die öV-Betreiber betreiben Abschreckungspolitik gegenüber Jugendlichen. SBB, ZVV und Co. wären gut beraten, ihre Kunden nicht als Delinquenten zu begrüssen, sondern – eben – als Kunden.

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