Yes we must

Die Bilder des brennenden Regenwalds machen betroffen. Dass in Brasilien zurzeit einer regiert, der den Klimawandel infrage stellt, macht die Situation nicht gemütlicher. Natürlich ist das Problem etwas komplexer und natürlich ist auch jener in Brasilien nicht der einzige Sünder, aber dennoch erscheinen die Bilder wie ein Mahnmal oder ein düstere Zukunftsvision, was passieren könnte, wenn man eben genau nichts tut.

 

Vor den Sommerferien, es war ein heisser Tag, wir hatten eine Delegiertenversammlung der SP Kanton Zürich, die wohl vielen (auf jeden Fall mir) gestunken hat, weil wir zwei Listenplätze nachnominieren mussten, was aber komplett unbestritten war und weil man sich an einem Sommerabend immer was Besseres vorstellen kann, als in einem stickigen Saal gemeinsam zu schwitzen. Neben der unbestrittenen Nomination stand die Klimapolitik im Zentrum und es gab dazu auch ein Referat der Klimaforscherin Sonia Seneviratne, das mich recht aufwühlte, obwohl es eigentlich in einer sehr nüchternen Form daher kam und vieles ja auch nicht unbekannt war. Aber mir wurde in ihrem Referat klar bewusst, dass der Klimawandel nicht erst in ferner Zukunft stattfindet, sondern jetzt schon ganz reale und unangenehme Folgen hat – wie eben beispielsweise Waldbrände, aber auch Unwetter und Stürme. Und dass selbst ein Anstieg von 1,5 Grad – wie er im Pariser Klimaabkommen vorgesehen ist – bereits irreparable Schäden zur Folge hat, beispielsweise für Korallenriffe: Siebzig bis neunzig Prozent der Korallenriffe verschwinden  bei einer Erwärmung von 1,5 Grad. Bei zwei Grad alle. Auf jeden Fall war mir wieder einmal ganz klar, dass Handlungsbedarf besteht und zwar ganz schnell.

 

Nun ist das alles nicht ganz neu und ich habe schon als 16-Jährige – und das ist doch eine Weile her – ein T-Shirt getragen, das gegen die Klimaerwärmung protestierte. Das Problem ist also seit Jahrzehnten bekannt – getan wurde wenig. Den Weltklimarat der UNO gibt es seit 1988. Sein erster Bericht kam 1990. Der weltweite CO2-Ausstoss ist seither nur gewachsen. Die Frage, warum ein Problem, dass breit erforscht und abgestützt ist und so dramatische Folgen hat, dennoch von den meisten Menschen wacker ignoriert wird, treibt auch Urs Bruderer in einem Essay in der ‹Republik› um. In seiner Suche nach Antworten landet er unter anderem beim Psychoanalytiker und Kolumnisten Peter Schneider. Seine Erklärung: Kognitive Dissonanz. Diese Theorie nach Leon Festiger, besagt (in einer sehr banalen Wiedergabe), dass Menschen schlecht mit Widersprüchen umgehen können. Sie fühlen sich unwohl, und versuchen sich diese Widersprüche auszureden. Ein Beispiel: RaucherInnen wissen sehr wohl, dass Rauchen ungesund ist. Um die kognitive Dissonanz aufzulösen, so Schneider, «muss ich nun aber auch noch sagen, dass mir diese Antiraucher-Hysterie auf den Wecker geht, ich viele Raucher kenne, die fast hundert geworden sind, und dass Raucher die lustigeren Gespräche draussen vor der Beiz haben». Beim Klima sei es noch vertrackter, weil es so viele Dissonanzen und aber auch Unsicherheiten gäbe. Ist jetzt Bio besser oder lokal? Ist Netflix doch schlimmer als Fliegen oder doch wieder nicht? Schneider kommt zum Schluss: «Wir fahren besser, wenn wir uns kognitive Dissonanzen zugestehen und nicht so tun, als ob es nur eine planetenschonende, gute Lebensform gäbe. Diese monokulturelle Auffassung multipliziert die Zahl der gegenseitigen Vorwürfe. Die heuchlerische Jugend, die doch fliegt; die subventionierten Bauern und ihre Methan furzenden Kühe – keiner, der kein Arschloch ist. Das führt zu einer Explosion der entpolitisierten Mikroklassenkämpfe. Jeder gegen jeden im Namen von uns allen.»

 

Wir landen dabei auch schnell bei der Frage, ob die Bekämpfung des Klimawandels eine individuelle oder eine politische Frage ist. System Change statt Climate Change? Bruderer kommt in seinem Essay doch wieder zum Schluss, dass es eben auch eine individuelle Verantwortung gibt: «Am Ende führt kein Weg daran vorbei, dass die Politik die Lösungen finden muss, ja. Aber die Politik muss auch wissen, was wir erwarten und wozu wir bereit sind. Ich habe meine freundliche Verachtung für Leute abgelegt, die glauben, sie könnten die Welt verändern, indem sie kein Fleisch essen. Die Debatte um Flugscham hielt ich anfangs für lächerlich. Heute glaube ich, dass sie uns weiterbringt. Weil sie der Politik signalisiert, dass eine Flugticketabgabe gesellschaftlich akzeptiert ist.» Nun haben hier wohl beide Recht. Natürlich gibt es auch eine individuelle Verantwortung: Nur darauf zu warten, dass ‹die Politik› handelt, ist nicht genug. Man muss auch eine Bereitschaft zum Handeln zeigen. Aber, das wird uns die vielen Widersprüche im eigenen Leben nicht ersparen. Weil wir eben immer noch Menschen bleiben.

 

Die zweite Debatte, die die Klimapolitik begleitet und vielleicht das liberale Lager etwas mehr betrifft, ist die Frage der richtigen Mittel. Soll man regulieren, verbieten oder mit Anreizen und Preisen arbeiten? Gerade bei der FDP ist das fast schon zur Glaubensfrage geworden. Die FDP ringt seit Monaten mit der Klimafrage. Währendem ihre Fraktion in Bern seit Jahren blockiert, finden einige Mitglieder und WählerInnen, dass hier was getan werden soll. Jetzt will die FDP also doch ein bisschen Klimapolitik machen, aber eben möglichst nur über marktwirtschaftliche Instrumente. Nun ist das weder per se falsch noch per se richtig. Tatsächlich kann man argumentieren, dass gewisse Güter nicht den richtigen Preis haben, dass die Kosten für die Allgemeinheit, die beispielsweise Luftverschmutzung verursacht, nicht einberechnet sind. Letztlich ist diese Diskussion aber reichlich akademisch. Niemand kam beim Ozonloch darauf, dass man Haarspray einfach verteuern soll, statt FCKW zu verbieten. Und beim Waldsterben wurde auch eine Katalysatorpflicht eingeführt und bleihaltiges Benzin verboten. Beim Strassenverkehr und beim Strafgesetzbuch, beim Arbeitsrecht und überall sonst: Nirgends wird rein mit Anreizen und Preisen gearbeitet. Warum sollte das bei Umwelt und Klima anders sein? Gemacht werden soll doch schlicht, was am besten funktioniert. Das können Lenkungsabgaben sein, Subventionen, Innovationen, Verbote oder Vorschriften. Und zuweilen müssen es auch Übergangslösungen sein.

 

Wir haben bei allen Differenzen nun einmal nicht mehr viel Zeit, um die wohl grösste Katastrophe für die Menschheit zu lösen. Darum lasst uns jetzt einfach anfangen, statt bloss zu diskutieren. Wir können es lösen. Aber wir müssen es vor allem auch.

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