Wir sind es uns Wert

Erwache ich am Morgen mit Rücken­schmerzen und reduzieren sich diese nicht auf das gewohnte Level, erhalte ich am gleichen Tag einen Termin beim Chiropraktiker oder beim Hausarzt. Erwacht meine Schwägerin in Finnland mit stärkeren Schmerzen als ich, ist aber noch knapp gehfähig, erhält sie in einer Woche einen Arzttermin. Bis zur Behandlung mit einer Cortisonspritze dauerte es bei ihr das letzte Mal drei Monate. Ein Kinderarzt behandelt bei uns drei Kinder in der Stunde, in Spanien zehn. Bei schweren Erkrankungen begibt man sich in allen drei Ländern auch mit einer Grundversicherung in beste Hände. Anders sieht es betreffend der Bequemlichkeit und des Service im Nichtnotfall aus. Gegen einen beachtlichen Aufpreis erhält man auch in Finnland und Spanien eine rasche Behandlung.

 

Die EinwohnerInnen der Schweiz schätzen das hiesige System, was sich bei Umfragen immer wieder zeigt. Durchaus mit guten Gründen: Es existieren wenig Branchen, in denen der Arme (meist sogar ein Sans-Papier) so gut wie im Gesundheitswesen bedient wird – und in den entscheidenden Bereichen sogar gleich gut wie der Reiche. Diese Qualität hat ihren Preis: Unter anderem so viel ärztliches und pflegerisches Personal, dass die beinahe tägliche Behandlung aller Bedürfnisse geleistet werden kann. Spanien und Finnland zeigen in einem gewissen Masse, dass es mit weniger Ressourcen auch geht – dort herrscht auch kein medizinischer Notstand. Die Frage ist, ob wir einen Abbau wollen. Die Versicherungen, vor allem von bürgerlichen GesundheitspolitikerInnen und -ökonomInnen, die gleichen Leistungen seien bei einer besseren Koordination und bei mehr Markt und Konkurrenz und einem «vernünftigeren» Verhalten der Bevölkerung zu einem tieferen (oder weniger steigenden) Preis zu haben, würde ich mit viel Skepsis begegnen und mir vor allem überlegen: Will ich das?
Ich verfolgte als Journalist die Entwicklung der Gesundheitspolitik in den letzten 30 Jahren aus Interesse intensiver als andere Bereiche und ich bekam als Mann einer Hausärztin mitunter mehr von den Veränderungen mit, als mir lieb war. Ich erlebte aber kaum eine Entwicklung – von neuen Wundverbänden und zumindest tendenziell von den digitalisierten Krankengeschichten abgesehen –, die zu tieferen Kosten führte. Was keineswegs bedeutet, dass diese Veränderungen überflüssig waren oder ich der guten alten Zeit nachtrauere.

 

Als Assistenzärztin im Spital arbeitete meine Frau deutlich mehr und verdiente deutlich weniger als die heutige Generation, die immer noch mehr als genug arbeitet. Das Pflegepersonal arbeitete damals leicht mehr, verdiente aber deutlich weniger und etwas mehr – vor allem beim Hilfspersonal – täte immer noch not. Diese Entwicklung war unumgänglich, aber alles andere als kostenneutral. Meine Frau gehörte zur ersten Generation, die sich am Ende der Spitalzeit nach einer Gruppenpraxis umsah. Der Alleinarzt in der eigenen Praxis ist langsam, aber sicher ein Relikt. Wobei so alleine war er in der Regel nicht: Hinter ihm stand meist eine Frau, die ihm einen Teil der Administration und den Grossteil der Erziehung der Kinder abnahm. Trotzdem, als KMU erledigte er vieles ehrenamtlich (oder im Preis inbegriffen) am Abend, was in Gruppenpraxen von administrativ Angestellten abgearbeitet wird. Das ist sinnvoll und meist auch effizienter, aber leider auch teurer. Und vor allem ist es unumgänglich: Die meisten Ärztinnen (sie dominieren zahlenmässig) und oft auch die Ärzte wollen ihre Kinder wenigstens teilweise selber erziehen und das lässt sich mit einer 60-Stundenwoche kaum vereinbaren. Zudem werden Praxiseinrichtungen immer teurer und Firmen wie die Migros verfügen über Geld, das sie investieren möchten. Sie und andere kaufen sich derzeit ein Netz von Arztpraxen zusammen. Das kann Vorteile bringen, wird aber sicher teurer. Der administrative Aufwand steigt, der Besitzer will auch einen Teil des Gewinns und der Arzt sicher nicht weniger Lohn. Die Verschiebung von stationär zu ambulant zwingt die Spitäler (vor allem unter den heutigen Wettbewerbsbedingungen), sich vom ambulanten Kuchen ein grösseres Stück abzuschneiden. Nur, wer behauptet, dass etwa der kommende ‹Circle› des Universitätsspitals die Gesundheitskosten senke, der glaubt auch an den Storch. Im besten Fall führt die Konzentration zu einer besseren Medizin, aber sicher nicht zu tieferen Kosten.

 

Bereits bevor Thomas Heiniger & Co. das Heil des Spitalwesens im Wettbewerb und in der Spitalliste (die sie heute als verstecktes Mittel der Steuerung und nicht mehr als Qualifikation von Mindestleistungen benutzen) fanden respektive suchen, stand das Thema Spitalschliessungen und Zusammenschlüsse zur Debatte. Verena Diener schloss ein paar Spitäler und nachträglich hatte sie damit ganz einfach recht. Die Kantone St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden versuchen, die kleinen Regionalspitäler mit Verbünden zu erhalten, was fast sicher scheitern wird. Mit zwei Operationen pro Tag lässt sich eine Chirurgie beim besten Willen nicht betreiben. Die Städte Zürich, Affoltern und Uster/Wetzikon stehen vor Schliessungen oder Zusammenschlüssen. Die Verantwortlichen schieben gerne die kommende Spitalliste (vor allem Zürich und mit Inbrunst die NZZ) als Vorwand vor. Für das Triemli ist das einfach Unsinn, es ist viel zu gross, um verschwinden zu können. Richtig ist aber, auch wenn die Linken das nicht gerne hören, dass die Stadt Zürich nur noch ein Spital benötigt. Ganz explizit: Nicht zwei Spitäler unter einer Leitung, sondern ein Spital mit zwei oder einem Haus. Das entscheidet der Platzbedarf. Das bedeutet unter anderem, dass die PatientInnen keine Wahl zwischen Waid und Triemli haben, sondern nur noch zwischen dem Stadtspital und einem anderen. Dieses Spital muss zudem wie fast alle anderen die Freiheiten einer selbstständigen Anstalt erhalten. Das bedeutet ja nicht einen Spitalrat aus Fach­idiotInnen, sondern auch uns EigentümerInnen.

 

Zudem finde ich etwas mehr Demokratie unerlässlich: Es ist durchaus richtig, dass der Kanton zur Betreibung eines Spitals medizinische Bedingungen stellt und nur einen bestimmten Tarif bezahlt. Wollen aber etwa die BewohnerInnen des Knonaueramtes ihr Spital behalten und das Defizit tragen, würde ich als Bewohner von Affoltern dagegen stimmen, aber dafür kämpfen, dass eine Mehrheit dies anders sehen darf und auch umsetzen wil

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