Wettlauf der Klischees

Kein Klischee zu abgedroschen, kein Fettnäpfchen zu banal, als dass es sich nicht eignete, vom Schwulen Männerchor Zürich (schmaz) in einer nicht enden wollenden Aneinanderreihung in Selbstironie verkehrt zu werden.

 

Das binationale Elternpaar, der Lederkerl, die Boaqueen, der Naturbursche, das gebrochene Handgelenk, der Fitnessjunkie, das Modeopfer und die Politschwester – alle da. «Die Entscheidung» nach dem Text von Michi Rüegg behandelt die Heterogenität in der Homosexualität. Die Basisdemokratiefraktion stellt sich in direkter Konfrontation gegen die Allmachtsfantasie des Präsidenten, die politische Korrektheit prallt frontal gegen die sich selbst überschätzende Eitelkeit, die Eloquenz ringt mit der Libido um die Deutungshoheit. Im ersten Teil ist der schmaz ein chaotischer Haufen alias Laienchor, den sogar der Leiter Ernst Buscagne nur mit grosser Mühe zur Raison – also dem ernsthaften Proben – bewegen kann. Der primäre Streitpunkt ist eine potenzielle Teilnahme an der tausendundersten Variation einer Fernsehunterhaltungsshow: «Battle of Gay Choirs». Austragungsort: Eine namenlose nichtmehrrussische Teilrepublik im Nirgendwo.

 

Die Diskussionen entlang des Grenzverlaufs einer Gürtellinie im symbolischen wie im wörtlichen Sinne verunmöglichen eine Konzentration auf die Probe. Also wird getratscht, gezickt, belehrt und beleidigt und dazwischen immer mal wieder ein Liedchen geträllert, dem aber die Inbrunst fehlt, weil die Aufregung so gross ist. Nach der Pause ist alles anders: Eine kugelrunde Matrioschka (Susann Klossek) und ein versteifter Herrenreiter (Michi Rüegg) sind das höchst ausgewogene ModeratorInnenpaar, das nach dem Eurovisions-Jingle der Livemusiker Joscha Schraff, Jean-Pierre Dix und Bernie Ruch, die zur Wahl stehenden Finalisten aus Frankreich, Finnland, einem nicht namentlich genannt wollenden afrikanischen Staat und der Schweiz dem Publikum vorstellen.

 

Die vordergründig demonstrierte Scheissfreundlichkeit kollidiert dabei mit akustisch halb verschluckten, hinterrücks geäusserten sexistischen Anspielungen, die in ihrer Klischiertheit nur noch von den Visuals von Luke Müller übertroffen werden. Die Länderpräsentationen und die dafür ausgewählten Accessoires übernehmen jetzt den Part der ironischen Überhöhung: Die Franzosen sind schlüpfrig zu Edith Piaf, die Norweger verstockt zu Folklore, die Afrikaner lebensfroh zu Miriam Makeba und die Schweizer vorbildliche Buurebüebli zu einem Medley aus den bekanntesten Landesbeiträgen aus der Geschichte des Concours Eurovision de la Chanson. Alle Lieder sind in der Choreographie wie dem Gesang einen hörbaren Zacken besser als während dem eine Probe darstellenden ersten Teil. Aber just auf diese Diskrepanz spielt «Die Entscheidung» auch an. Während im ersten Teil die grossen Würfe revolutionären Gedankengutes alias Selbstbestimmung, Anerkennung und Interessendurchsetzung im Rahmen eines geschützten Debattierclübchens mit grosser Verve und einer schieren Opferbereitschaft alias Scheinheiligkeit durchexerziert werden, nimmt das Programm im zweiten Teil genau diese behauptete Vollkaskotoleranz genüsslich auf die Schippe, indem es die konkurrierenden Länder auf die banalsten Oberflächenassoziationen reduziert und dabei alles strahlt, wie eine Herde von Honigkuchenpferden, die sich im Widerschein der Lamettavorhänge sonnt.

 

Kurzum, eine genüsslich vorexerzierte Diskrepanz zwischen Schwafeln und Realisieren und zwischen vehement eingeforderter Totalakzeptanz und einer ausgeprägten Grosszügigkeit gegenüber anderen, schon auch mal eine Fünf gerade sein zu lassen. Oder eben: Die von Gesang unterstützte Beweisführung einer Komplexität des eigenen Daseins, dem zur Überbrückung der Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit zuletzt nur das Lachen über sich selber hilft.

 

«Die Entscheidung», 3.11., Theater Rigiblick, Zürich.

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