«Wer gibt schon gerne Macht ab?»

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Einführung des Frauenstimmrechts 1971, Nichtwahl Liliane Uchtenhagens 1983, Wahl Elisabeth Kopps 1984, erneute Nichtwahl Christiane Brunners 1993. In mehr als zwei Jahrzehnten bewegte sich einiges zum Thema Frauen in der Politik. Darüber, wie die Frauenorganisationen von SP, CVP und FDP selbst daran beteiligt waren, erzählt Fabienne Amlinger, Dozentin für Genderstudies der Uni Bern und Autorin des Buches «Im Vorzimmer der Macht?» im Gespräch mit Julian Büchler.

 

Sie untersuchen in Ihrem Buch die Zeit von der Einführung des Frauenstimmrechtes 1971 bis zum Jahr 1995. Was war Ihre persönliche Intention hinter diesem Vorhaben?

Fabienne Amlinger: Ich sass eines Abends zuhause und überlegte mir, wie die Parteien auf die Einführung des Frauenstimmrechtes reagiert haben. Schliesslich wurden über Nacht fast 2 Millionen Frauen stimm- und wahlberechtigt. Als ich am nächsten Tag in die Bibliothek ging, merkte ich, dass sich noch niemand mit diesem Thema befasst hat. Dies erstaunte mich, boten die Frauen damals doch grosses Potenzial für die Parteien, beispielsweise, um neue Mitglieder zu gewinnen.

 

Wieso ist genau dieses Zeitfenster so wichtig in der Geschichte der Frauenorganisationen?

Dies hat sich aus meinen historischen Recherchen sehr früh ergeben. 1971 beginnt das Buch mit der Einführung des Stimm- und Wahlrechtes für Frauen. 1993, also mehr als 20 Jahre später, ereignete sich die Nichtwahl von SP-Bundesratskandidatin Christiane Brunner, was grosse Proteste ausgelöst hatte. Liliane Uchtenhagen geschah 1983 ähnliches, und auch bei der ersten Bundesrätin, Elisabeth Kopp, sind sich viele einig, dass – wäre sie ein Mann gewesen –  sie nicht zum Rücktritt gezwungen worden wäre. Dass 1993 abermals eine Frau nicht in die Landesregierung gewählt wurde, hat sich in den Recherchen als Wendepunkt gezeigt. Die Nichtwahl von Brunner leiteten einen gleichstellungspolitischen Transformationsprozess ein, in dessen Folgen sich beispielsweise auch die bürgerlichen Parteien stärker mit Gleichstellung und Frauenförderung befassten. In den Jahren nach 1993 kann man erdrutschartige Siege von Frauen dokumentieren, den sogenannten Brunner-Effekt, als der Anteil an Frauen in politischen Positionen stark anstieg. Auch der Bundesrat ist seither kein reines Männergremium mehr.

 

In Ihrem Buch beleuchten Sie die Geschichte der Frauenorganisationen der SP, CVP und FDP. Letztere zwei haben sowohl die Stimmrechtspetition fürs Frauenstimm- und Wahlrecht von 1929 als auch die erste Volksabstimmung 1959 abgelehnt. In der CVP stellte der Konservativismus die Hürde für ein Ja dar, warum überwog der liberale Grundgedanken der FDP damals nicht?

Einerseits war das ein anschauliches Beispiel, das aufzeigte, dass der liberale Gedanken der FDP seine Grenzen hat. Andererseits möchte ich auf die These der Historikerin Brigitte Studer verweisen. Sie bezieht sich auf die Tatsache, dass die Forderung nach dem Stimm- und Wahlrecht für Frauen seit dem Generalstreik von 1918 von der SP dominiert wurde und so ein linkes Image erhielt. Folglich wollte der Freisinn diese linke Forderung nicht unterstützen, um seine bürgerlichen Koalitionspartner nicht zu vergraulen.

 

Inwiefern unterscheiden sich denn grundsätzlich die Frauenbilder der einzelnen Parteien?

Bei der SP ist das Bild der Frau geprägt durch ihren Hintergrund als ehemalige ArbeiterInnenpartei. Frauen wurden dort schon früh in die Erwerbsarbeit und in die Partei einbezogen. Die SP war, wie erwähnt, lange Zeit die einzige Partei, die der Überzeugung war, dass Frauen ein Recht auf politische Teilhabe zustehe und hatte im Vergleich zu den bürgerlichen Parteien ein progressives Frauenbild. Die FDP vertrat das Ideal der bürgerlichen Geschlechterordnung, wonach Mann und Frau zusammen eine Familie bilden und der private Bereich klar der Frau zugeschrieben wurde, was die Frauen auch internalisiert haben. Dies führte dazu, dass viele bürgerliche Frauen selber überzeugt waren, dass sich ihre Aufgaben auf den häuslichen Bereich zu beschränken haben. Dieses Bild veränderte sich aber im Laufe der 1970er-/80er-Jahre, indem freisinnige Frauen ihre Rolle durchaus auch in der ausserhäuslichen Erwerbsarbeit sahen und sich für eine Besserstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt einsetzten. Als katholische Familienpartei verfolgte die CVP zwar auch die Vorstellung, dass Frauen sich zuhause um Kinder und Haushalt kümmerten. Doch erfuhr diese Rolle eine grössere Wertschätzung, da die sich gemäss christlichdemokratischer Vorstellung von Geschlechterordnung Frauen und Männer partnerschaftlich ergänzen sollten. Den Frauen kam also eine gewisse Wertschätzung entgegen, wenn auch nur auf den Bereich Haushalt bezogen.

 

Die Frauenorganisation der SP wurde geprägt von neuen, feministischen Kräften. Wie stark war der Feminismus in den anderen beiden Frauenorganisationen vertreten?

Der Begriff Feminismus kann in dieser Zeit nicht auf die Frauenorganisationen der bürgerlichen Parteien angewendet werden. Sie haben sich sehr vehement gegen diesen Begriff gewehrt, auch wenn aus analytischer Sicht gesagt werden kann, dass auch aus bürgerlichen Kreisen feministische Forderungen kamen. Die starke Abwehr gegenüber diesem Begriff muss aber im historischen Kontext gesehen werden: Die Schweiz war eines der einzigen Länder, in dem die Einführung der politischen Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zeitgleich mit dem Aufkommen der Neuen Frauenbewegung stattfand. Dies löste ein spezifisches Problem aus. Zur gleichen Zeit, als die ersten bürgerlichen Frauen ins Parlament gewählt wurden, politisierten die als radikal angesehenen Feministinnen auf der Strasse und provozierten das bürgerliche Establishment. In der öffentlichen Wahrnehmung vermischten sich die Bilder und so standen auch bürgerliche Frauen, die sich politisch betätigten, rasch unter dem Verdacht, linke und feministische Politik zu betreiben. Die bürgerlichen Frauen waren somit umso bestrebter, sich klar von den jungen Feministinnen zu distanzieren, um als Frauen im politischen Feld nicht noch stärker im politischen Feld diskreditiert zu werden. In Deutschland oder Österreich dagegen hatten Frauen schon in den 1920er-Jahren in der institutionalisierten Politik Einsitz, somit fielen die beiden Ereignisse nicht auf dieselbe Zeitspanne und Frauen standen nicht unter einem generellen Feminismus-Verdacht.

 

In Ihrem Buch kommt die SP nur im direkten Vergleich mit den anderen Parteien gut weg. Einzeln betrachtet, brauchte es in der Geschichte der SP-Frauen* beispielsweise mehrere Quoten, um die selber gesetzten Ziele zu erreichen. Wieso funktionierte dies in einer Partei wie der SP nicht ganz selbstverständlich und ohne Zwänge?

Der banale Punkt ist die Macht. Es gibt ein treffendes Zitat des Soziologen Pierre Bourdieu, wonach es in der Politik um Kämpfe um Macht und um Kämpfe um Ideen geht. Wenn wir ehrlich sind, geht es genau darum, aufgrund von Ideen Macht zu bekommen und so Einfluss zu generieren. Macht ist aber begrenzt. Auch in der SP wurde diese Macht von Männern besetzt, bevor die Frauen dazu kamen. Nur gab es durch das Zustossen der Frauen nicht plötzlich mehr Macht, also mussten auch die SP-Männer einen Teil ihrer Macht abgeben, und wer macht das schon gerne? Dass es unter dem Strich bei der SP trotzdem am besten geklappt hat, ist nebst dem grossen Einsatz der SP-Frauen* auch auf die grössere Sensibilität für Ungerechtigkeiten zurückzuführen, die in der SP Tradition hat, auch unter den Männern.

 

Die CVP- und FDP-Frauen mieden es, in der untersuchten Zeit die eigene Partei zu kritisieren, ganz im Gegensatz zur SP. Kann dies als Kriterium gesehen werden, weshalb der Einfluss der Frauenorganisationen von CVP und FDP auch heute noch jenem der SP unterliegt?

Am Podium zu meinem Buch waren sowohl die aktuellen Präsidentinnen der CVP und FDP anwesend, wie auch einige ehemalige. Spannend zu beobachten war, dass sich die damaligen dahingehend äusserten, dass die aktuellen sehr zurückhaltend seien, sich selber also als kämpferischer in Erinnerung hatten. Auch wenn wir heute sehen, dass die bürgerlichen Frauen im Gegensatz zu den Frauen innerhalb der SP eher zaghaft und nicht oppositionell agierten, muss beachtet werden, dass sie es viel schwieriger hatten. In vielen Dokumenten wurden bürgerliche Frauen, die sich mit dem Thema Gleichstellung befassten, als linke Abweichlerinnen abgestempelt, teils sogar aus der Partei ausgeschlossen. Ihrem Unmut, der beispielsweise gerade nach der Brunner-Nichtwahl riesig war, konnten sie wenn überhaupt nur im Kollektiv freien Lauf lassen. Kurz gesagt: ja, sie haben weniger aufbegehrt, es war aber auch wahnsinnig schwierig. Bei der CVP ist spannend, das diese heute viel mehr Frauen im Parlament, aber auch in Gremien haben als die FDP, obwohl deren Frauenorganisation früher gegründet wurde. In den 1990er-Jahren hat die CVP eine interne Frauenquote eingeführt, und damit die FDP überholt.

 

Gibt es ein Muster, das die politischen Ziele und Schwerpunkte der Frauen der SP, CVP und FDP gemeinsam haben?

Logischerweise haben sich die Frauenorganisationen stark auf sogenannte Frauenanliegen wie Mutterschaftsversicherung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf fokussiert, auch als definierte Aufgabe, die ihnen die Gesamtpartei zuordnete. Spannend ist auch, dass bei nationalen Abstimmungen die Frauenorganisationen aller Parteien stets gleicher Meinung waren, ausser beim Schwangerschaftsabbruch und der Mutterschaftsversicherung. Themensetzung und Parolen sind also durchaus ähnlich, nur die Art und Weise, wie politisiert wird, ist anders. So verstanden sich die SP-Frauen* ab den 1980er-Jahren zunehmend als innerparteiliche Opposition und politisierten entsprechend. Erklärbar ist die ähnliche Themensetzung der verschiedenen Frauenorganisationen übrigens durch die geschlechtsspezifische Sozialisation, aufgrund derer Frauen in unserer Gesellschaft mit anderen Problemen konfrontiert sind und somit auch andere Schwerpunkte setzen.

 

Bereits in den 80er Jahren kamen in der SP Stimmen auf, die die Auflösung von Frauenorganisationen forderten. Wie sehen Sie die Zukunft von Frauenorganisationen im Allgemeinen und spezifisch innerhalb der SP?

Die SP-Frauen* prangerten damals an, dass Männer die komplette Verantwortung zu sogenannten Frauenthemen den Frauenorganisationen aufbürdeten und sich dadurch selbst nicht mehr mit diesen Themen befassten. Daher wollten einige Sozialdemokratinnen die parteiinterne Frauenorganisation auflösen. Ziel wäre gewesen, dass sich Männer und Frauen mit allen politischen Themen beschäftigen und sich nicht eine eigentliche geschlechtsspezifische Arbeitsteilung einstellt. Letztlich blieb die Frauenorganisation aber bestehen, da die Frauen erkannten, dass sogenannte Frauenanliegen und Gleichstellungspolitik sonst vernachlässigt würden.

 

In der heutigen Zeit stellt sich die Frage, ob wir überhaupt einen Unterschied zwischen Männern und Frauen in unserer Gesellschaft machen müssen. Auch ein neutrales, drittes Geschlecht ist denkbar. Wie steht es um die Zukunft der Frauenorganisationen unter diesem Gesichtspunkt?

Dies ist sehr ambivalent. Die Unterscheidung der Geschlechter in Mann und Frau wird heute als etwas erkannt, das der gelebten Geschlechterrealität nicht entspricht, Individuen nicht gerecht wird und für viele gewaltförmige Ausprägungen annimmt. Zugleich leben wir aber in einer hochgradig binären Gesellschaft, die nach Geschlecht strukturiert ist, was sich auch in Hierarchien und Dominanzverhältnissen zeigt, und Frauen diskriminiert. Deshalb sind die Frauenorganisationen sehr wichtig, um in der aktuell dominierenden Gesellschaftsstruktur, die Menschen in Frauen und Männer unterteilt, Gleichstellung zwischen den Geschlechtern herzustellen. Das schliesst aber eine Aufweichung dieser Binarität nicht aus, wie etwa die SP-Frauen* zeigen, die seit kurzem unter anderem mit dem Sternchen im Namen auf die Geschlechtervielfalt hinweisen.

 

Das Buch endet einige Jahre nach der Nichtwahl von Christiane Brunner. Ihr Buch trägt den Titel «Im Vorzimmer der Macht?». Was wollen Sie den Leseden mit diesem Fragezeichen mitteilen?

Weil es eine Frage impliziert. Der gesellschaftliche Diskurs befindet sich an einem Punkt, an dem viele das Gefühl haben, dass alles in Ordnung ist. Wir hatten seit Ruth Dreifuss keine Landesregierung mehr, die ausschliesslich aus Männern bestand, zeitweise sogar mit einer Mehrzahl an Frauen. Die Quintessenz des Buches thematisiert jedoch den Fakt, dass Frauen in der Politik immer noch stark untervertreten sind. Zwar haben sie seit 1971 an Einfluss gewonnen und sind vom Vorfeld ins Vorzimmer der Macht gerückt. Inwiefern sie dort tatsächlich an der politischen Macht teilhaben, muss doch in Frage gestellt werden.

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