«Wenn wir kaputtgespart werden, gibt es ein grosses Problem»

Am 8. Januar wurde bekannt, dass rund ein Viertel aller Redaktionsstellen der Schweizerischen Depeschenagentur (SDA) abgebaut werden soll. Nach einem Warnstreik letzte Woche trat nun deren Belegschaft in einen unbefristeten Streik. Über die Beweggründe und die Forderungen der Redaktionsmitglieder gab der Journalist Sebastian Gänger gegenüber Tobias Urech Auskunft.

 

Am Dienstag vor einer Woche hat die Redaktion bereits einen Warnstreik durchgeführt. Was hat Sie nun dazu bewogen, eine Woche später definitiv in Streik zu treten?

Wir haben den Warnstreik letzte Woche mit Forderungen verbunden. Diese waren einerseits, dass man den Sparabbau in seiner Schnelligkeit sistiert, und dass man andererseits ernsthafte Sozialplanverhandlungen aufnimmt, bevor man uns auf die Strasse stellt. Und drittens wollten wir, dass das neue Produkt aus der Fusion von SDA und Keystone zuerst gemeinsam definiert wird, bevor vierzig Stellen bei uns gestrichen werden. Die Forderungen wurden zwar von der Geschäftsleitung zur Kenntnis genommen – aber nicht mehr. Wir konnten keine ernsthaften Gespräche führen. Deshalb haben wir uns an der dienstags einberufenen Redaktionsversammlung mit einer überwältigenden Mehrheit entschlossen, einen unbefristeten Streik anzutreten.

 

Die ersten Entlassungen sind aber schon auf Ende Januar erfolgt. Die lassen sich also nicht mehr aufhalten…

Wir fordern mehr Zeit und einen würdigen Sozialplan. Wir haben diesbezüglich auch schon mit der Geschäftsleitung verhandelt. Es gibt allerdings noch grosses Verbesserungspotenzial bei diesem Sozialplan, und wir pochen natürlich darauf, dass auch Entlassungen rückgängig gemacht werden. Ob das realistisch ist, weiss ich nicht, aber wir hoffen, dass wir diesen Zeitplan, der vorsieht, drei Viertel der Kündigungen schon Ende Januar auszusprechen, stoppen können.

 

Was bedeutete es denn für die SDA, wenn rund ein Viertel der Belegschaft fehlen würde?

Die Geschäftsleitung will, dass die SDA in Zukunft 20 000 Meldungen weniger produziert – von insgesamt rund 200 000. Das wäre ein Abbau von zehn Prozent der Leistungen! Gleichzeitig behauptet die Geschäftsleitung, dass die Qualität gleich bliebe. Das stimmt natürlich nicht. Die MitarbeiterInnen bringen ein riesiges Know-how mit von teilweise zehn bis zwanzig Jahren Erfahrung. Wenn jetzt jede und jeder Vierte gehen muss, entlässt man nicht nur Quantität, sondern auch Qualität.

Mit einem Viertel weniger RedaktorInnen wird es nicht mehr möglich sein, in diesem Umfang und in dieser Qualität einen dreisprachigen, regionalen, vollständigen Dienst auf die Beine zu stellen.

 

Die Schweizer Medienverlage sind ja sowohl Miteigentümer, als auch Kunden der SDA. Gab es von dieser Seite Unterstützungsbekundungen für den Streik?

Vonseiten der Verlage lässt sich das schwer sagen. Was wir spüren, ist eine riesige Solidarität vonseiten der JournalistInnen. Der Rückhalt ist enorm und ich hoffe, dass das so bleibt.

Was die Verlage betrifft, haben wir einzelne Aussagen, die uns hoffnungsvoll stimmen. So beispielsweise von Peter Wanner, Verleger der AZ Medien, der ja nicht gerade dafür bekannt ist, dass er für die JournalistInnen die Kohlen aus dem Feuer holt. Er meinte, die SDA habe genügend flüssige Mittel, um diesen Stellenabbau wenigstens sozialer zu gestalten. Die SDA hat nämlich rund 15 Millionen Franken flüssige Mittel, die sie nun an die AktionärInnen ausschütten möchte, statt dass sie für die Aufrechterhaltung der Redaktion eingesetzt werden oder wenigstens für einen weniger drastischen Abbau.

Von anderen VerlegerInnen oder vom Verwaltungsrat gab es bisher allerdings keine positiven Zeichen. Wir haben auch bis heute noch keine Antwort auf unsere Forderung, mit dem Verwaltungsrat an den Verhandlungstisch zu sitzen.

 

SDA-Chef Markus Schwab behauptet gegenüber der ‹NZZ am Sonntag›, die SDA habe keinen Service public-Auftrag und müsse sich nur gegenüber den AktionärInnen rechtfertigen. Wie sehen Sie das?

Das ist schlicht eine Falschaussage. Im Leitbild und dem Geschäftsbericht der SDA steht genau das Gegenteil und der Begriff «Service public» ist da sehr wohl vorhanden. Der CEO ist meines Wissen nie nur gegenüber den AktionärInnen verpflichtet, sondern auch der Belegschaft und den KundInnen gegenüber.

Diese vollkommen einseitige Aussage hat an der Redaktionsversammlung vom Dienstag das Fass zum Überlaufen gebracht. Denn wir halten einen CEO nicht mehr für glaubwürdig, der nur auf die AktionärInnen hört. Das geht aus unserer Sicht einfach nicht. Erst recht nicht in einer Situation, wo Menschen zusammenbrechen, die schon seit dreissig Jahren im Dienst für die SDA sind, weil sie nach einem zehnminütigen Gespräch entlassen werden, ohne zu wissen, wie der Sozialplan aussieht und welche Auswirkungen die Entlassung auf sie haben wird. So mit den Angestellten umzugehen in einem Unternehmen, das bisher als sozial galt, finden wir unakzeptabel.

 

Wurden Sie überrascht von den Entlassungen?

Ein Wandel der Philosophie hat sich vorher angekündigt mit dem Abgang des ehemaligen Chefredaktors Bernard Maissen im vergangenen September. Ende Oktober wurde dann die Fusion der SDA mit der Foto-Agentur Keystone angekündigt, wo es noch hiess, es gebe keine grösseren Veränderungen im Jahr 2018. Richtig abgezeichnet haben sich die Entlassungen dann erst Ende Dezember. Ob dem definitiven Bescheid am 8. Januar sind wir aber dennoch sehr erschrocken, da dann das Ausmass des Stellenabbaus von 35 bis 40 Vollzeitstellen bekannt wurde.

 

Offiziell hat die Fusion mit Keystone allerdings nichts mit den Entlassungen zu tun…

Die Fusion hat definitiv mit dem drastischen Stellenabbau zu tun. Wenn die Wettbewerbskommission grünes Licht gibt, tritt die Fusion per ersten Januar in Kraft. Wir sind dann ein Unternehmen mit Keystone und müssten eine Strategie entwickeln – also was für ein Produkt wollen wir, wie geht es mit dem Personal weiter? Wir sehen nicht ein, dass zuerst einseitig bei der SDA Stellen abgebaut werden und bei Keystone alles gleichbleiben soll. Das ist die völlig falsche Reihenfolge.

 

Der Bund möchte nun einspringen mit einem Leistungsauftrag, der mit zwei Millionen Franken vergütet werden soll. Was hat es mit dem auf sich?

Die Geschäftsleitung rechnet fest mit diesen zwei Millionen Franken, denn sie sind bereits im Budget von 2019 eingeplant. Allerdings wächst hier Widerstand bei den Kantonen und vonseiten PolitikerInnen, weil befürchtet wird, dass diese zwei Millionen längerfristig in Form von Dividenden an die AktionärInnen fliessen. Es fragt sich auch, ob es taktisch klug war, den Stellenabbau so kurz vor Ende der Vernehmlassung zu verkünden. Für uns bedeutet das: Wenn diese zwei Millionen nun auch noch wegfallen, sind das neue Gründe für Sparmassnahmen, die wohl bestimmt auf die Redaktion abgewälzt würden, so wie wir unseren CEO aus den letzten Tagen kennengelernt haben.

 

Die SP Schweiz fordert in einer Medienmitteilung die Schaffung einer staatlichen, nicht-gewinnorientierten Nachrichtenagentur. Was halten Sie davon?

Unsere Nachrichtenagentur ist bereits nicht-gewinnorientiert! Das steht schon seit Jahrzehnten in unserem Leitbild. Natürlich ändert sich das mit der Fusion – Keystone ist bereits heute ein gewinnorientiertes Unternehmen und das neue Unternehmen soll ebenfalls nach Gewinn streben. Da sehen wir grosse Risiken. Wenn ein Medienunternehmen Gewinn erzielen muss, wird auf Bereiche verzichtet, die für die Demokratie und den Service public von Bedeutung sind, weil sie nicht als Geldmaschine taugen. Stattdessen setzt man nachher wohl auf Bereiche, wo sich mehr Geld herausholen lässt – also Werbetexte. Dass man damit allerdings die Nachrichtenagentur als seriöses Bestätigungsmedium der Schweizer Medienlandschaft aufs Spiel setzt, scheint dem Verwaltungsrat nicht bewusst zu sein. Gemäss Frau Leuthard ist nicht zu erwarten, dass die SDA vom Bund übernommen wird.

 

Wie lange werden Sie mit ihren RedaktionskollegInnen nun streiken?

Wir haben uns an der Redaktionsversammlung dazu entschlossen, unbefristet zu streiken und mindestens so lange, bis die Gegenseite ernsthaft auf unsere Forderungen eingehen wird. Wir haben gestern Abend dem Verwaltungsrat ein Gesprächsangebot gemacht. Das steht bis jetzt [Mittwochmittag, tu.] im leeren Raum und wir haben noch keine Antwort erhalten.

Wir werden jeden Tag die Lage besprechen und uns aufs Neue entscheiden, ob wir weiterstreiken wollen. Aus meiner Sicht gibt es derzeit keinen Grund für einen Unterbruch.

Wir streiken so lange weiter, bis unsere Forderungen erfüllt sind.

 

Werden die Zeitungen während des Streiks leer sein?

Nur schon ein Tag ohne SDA-Meldungen schränkt die Medien relativ stark ein, besonders die Online-Portale und kleinere, regionale Zeitungen. Ein Tag lässt sich aber noch ausgleichen, ab jedem Folgetag wird es hingegen schwieriger werden und die Medien kommen ins Schwimmen. Unser Ziel ist es natürlich nicht, diese zu schwächen oder zu verärgern. Wir wollen mit unserem Streik einfach zeigen, dass wir eben einen Service public leisten und wie wichtig wir als SDA sind – nicht nur für die Grossen, sondern auch für die kleinen Publikationen. Wenn wir kaputtgespart werden und es plötzlich keine SDA mehr gibt, werden die Zeitungen grosse Probleme haben, ihre Seiten zu füllen.

 

Die Fusion der SDA mit Keystone und der Stellenabbau ist das eine. No Billag-Initiative, ein einheitlicher Mantelteil für Tamedia-Produkte, Schliessung der L’hebdo-Redaktion, etc. das andere. Die Schweizer Medienlandschaft wird derzeit durchgerüttelt. Was ist ihre Haltung dazu?

Besonders als junger Journalist – ich bin dreissig –, stimmt mich das traurig. Man steigt in eine Branche ein, die dermassen «serbelt», und fast täglich hört man mittlerweilen Meldungen von Abbau, von Zusammenschlüssen, von Medienkonzentration. Die Medienvielfalt wird eingeschränkt und eine Gratiskultur greift um sich, weil niemand mehr für journalistische Inhalte bezahlen möchte. Das sind Entwicklungen, die mir als junger Journalist Sorgen machen. Denn ich habe eigentlich vor, noch lange auf diesem Beruf zu arbeiten. Was man dagegen unternehmen kann, weiss ich leider nicht. Ein Streik alleine ist natürlich keine Lösung, aber wenn es uns gelingt, Solidarität zu schüren bei Bevölkerung und bei PolitikerInnen, dann wird es vielleicht möglich sein, ein Mediensystem aufrecht zu erhalten, das vielfältig ist, qualitativ hochwertig und die Ansprüche an guten Journalismus weiterhin erfüllen kann. Momentan stecken wir gerade in einer schwierigen Zeit – aber ich bleibe hoffnungsvoll.

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