Wasser und Wein

Eines Tages kam meine Tochter nach Hause und sagte, ihre Sekundarklasse plane eine Reise nach Paris und zwar mit dem Flieger oder mit dem Zug. Und ich so: Mein liebes Kind, du wirst selbstverständlich in der Hölle schmoren, wenn du fliegst, aber ich bin liberal und nett und daher werd ich den Teufel tun und dir das ausreden, also mach, was die Mehrheit will. Natürlich entschied sich die Klasse für den Flug. Keine paar Tage später hatte ich einen Brief im Kasten von einer erzürnten Mutter, was mir eigentlich einfalle zum Henker, ich sei doch ein Grüner, das ginge ja wohl gar nicht, usw. usf., und ob sie auch noch das Wort «verlogen» hingeschrieben hatte, weiss ich bigoscht nicht mehr.

 

Nun, damit muss man leben. Denn wenn ich anders entschieden und das Kind dazu angestiftet hätte, seine Gschpänli zu indoktrinieren und vom Zug zu überzeugen – tja, dann verwette ich meine ganze Nettigkeit, dass es keine paar Tage gedauert hätte, bis ich einen Brief von einer erzürnten Mutter (oder einem Vater) erhalten hätte, des Inhalts, was mir eigentlich einfalle zum Henker, etc. pp. Und ganz bestimmt, aber sowas von ganz bestimmt, hätte der Brief auch noch das Wort «Taliban» oder so enthalten, da kannst du machen, was du willst.

 

Nun ist es kein Beinbruch, wenn man auch von PolitikerInnen Konsequenz einfordert. Oder zumindest ein bisschen Haltung und Übereinstimmung mit ihren Ideen. Verlogenheit dagegen, also Wasser predigen und Wein saufen, geht gar nicht. (Und nur so nebenbei: Das Doofe ist, dass es bei einem Grünen auch nicht geht, Wasser zu predigen und Wasser zu saufen, elendige Spassbremse.) Allerdings ist nun das mit der Frau Weidel von der AfD aus Biel schon etwas speziell: Lebt die doch mit einer Frau in einer Partnerschaft, deren Hautfarbe nicht dieselbe ist, wie man liest, und die beiden haben Kinder, und schicken die auch noch in eine Kita! Wobei, da sag ich ja: Soweit alles très sympa.

 

Nur dass dann die Weidelsche, kaum ist sie am Montag von Biel nach Berlin zurückgereist und steht wieder vor dem Parlament, gegen Homosexualität, MigrantInnen und Staatskinder in der Kinderbetreuung hetzt. Pas du tout sympa! Denn derart verzwurgelt kann man im Kopf gar nicht sein, dass man da etwas durcheinanderbringen würde in guten Treuen, und es ist auch nicht anzunehmen, dass die Weidel ernsthaft damit rechnet, dass die Medienöffentlichkeit ihren Spagat nicht schnallt. Nein, ich nehme im Gegenteil mal an, das ist bei ihr kalte Berechnung. Bloss, was ist jetzt das? Wein trinken und gegen Wein hetzen? Gibt es neuerdings nicht nur alternative Fakten, sondern auch sowas wie alternative Tatbeweise?

 

Natürlich gibt es einen Unterschied zur Haltung, selber konsequent zu leben, aber anderen nicht vorzuschreiben, wie sie das zu sehen haben. Also «ich trinke Wasser, mach du, was du willst». Die Weidel macht das genau umgekehrt, was zwar an ihrer politischen Integrität kratzt, aber leider nicht heisst, dass sie nicht effektiv sei in dem, was sie tut und sagt. Integrität ist schon lange keine Anforderung an die Politik mehr, das musste uns nicht erst ein Donald beweisen. Beispiele gibt es genug, angefangen vom Parlament in Bern, das sich grad wieder mal in der Verwässerung des CO2-Gesetzes übt, nachdem es dem Pariser Abkommen zugestimmt hat, bis hin zur Dauerdisziplinierung von Asylbewerbenden oder Sozialhilfebeziehenden, die, wenn schon, nur verdrecktes Wasser trinken sollen, damit uns der Wein besser schmeckt. Oder so. Aber vermissen tun wir schon was, oder?

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