Was Blumen und Politik verbindet

In Hannes Lindenmeyers Buch über die Hellmi (siehe P.S. vom 31. August) fiel die Geschichte des Ende 2007 geschlossenen Blumenladens dem Kürz-Stift zum Opfer. Das setzte an der Buchvernissage Protest ab; nun erscheint eine eigene Broschüre dazu. Die Blumenladenfrauen Eva Bachmann und Kati Zamboni werden derweil Ende Jahr bereits zum zweiten Mal pensioniert; wie es dazu kam, erklären sie im Gespräch mit Nicole Soland.

 

Seit Sie Ihren Blumenladen an der Dienerstrasse 72 im Kreis 4 aufgegeben haben (P.S. vom 29. November 2007), sind über zehn Jahre vergangen, und noch immer ist die Erinnerung daran im Quartier präsent. Wie kommt das?

Kati Zamboni: Wir helfen beide alle 14 Tage am Freitag und Samstag auf den Märkten am Bürkliplatz und auf dem Lindenplatz in Altstetten am Blumenstand der Gärtnerei Dubach aus.

 

Eva Bachmann: Ich helfe zudem ab und zu am Helvetiaplatz-Markt bei Ursula Gisler mit den «Züri-Oberländerblumen» gegenüber dem Amtshaus. Ich kaufte dort jeweils selber Blumen, und als ich eines Tages gerade dort war, kam ein Bekannter vorbei und bat mich, ihm einen Strauss zu binden. Ich erklärte ihm, dieser Stand sei nicht mein Geschäft, doch er blieb hartnäckig und fand, dann müsse ich halt die Besitzerin um Erlaubnis bitten. Die bekam ich, der Bekannte erhielt seinen Strauss, danach stand schon eine weitere Bekannte an, und als ich fertig war, fragte die Besitzerin nach meiner Telefonnummer. Seither springe ich bei Bedarf ein. Es ist eine schöne Arbeit: Ich muss dort nur am Stand stehen und Sträusse binden; das anstrengende Ein- und Ausladen entfällt.

 

K.Z.: Angefangen hat unsere gemeinsame Markt-Karriere damit, dass wir früher jeweils von Frühling bis Herbst bei Dubach Blumen zum Grossistenpreis für unseren Laden kauften. Als wir diesen geschlossen hatten, schlenderte ich mal über den Markt, kam beim Blumenstand vorbei – und bot der Inhaberin meine Hilfe an, falls es mal viel zu tun gebe. Sie sagte, ich könne gleich anfangen, am liebsten dienstags, freitags und samstags. Angesichts des grossen Pensums fand ich, es wäre besser, wenn Eva auch dabei wäre. So kam es, dass wir fortan auf dem Markt Blumen verkauften.

 

E.B.: Es kommt auch immer wieder vor, dass jemand am Marktstand keinen der fertigen Sträusse kaufen will, sondern uns bittet, vor Ort einen Strauss nach Wunsch zusammenzustellen. Meist führt das dann dazu, dass andere KundInnen, die uns dabei zuschauen, ebenfalls einen frisch gebundenen Strauss wollen.

 

K.Z.: Auf dem Markt werden wir noch oft auf den Blumenladen angesprochen, vor allem von Leuten, die es schade finden, dass er nicht mehr existiert…

 

E.B.: …und viele Leute, die früher regelmässig zu uns in den Laden gekommen sind, besuchen uns nun auf dem Markt. Daher ist auch der Laden vielen im Quartier noch ein Begriff.

 

K.Z.: Ende Jahr hören wir nun aber auf – wir werden zum zweiten Mal pensioniert.

 

Sie hören auf? Für wie lange denn?
K.Z. (lacht): Ernsthaft: Auf dem Bürkliplatz müssen wir jeweils um fünf Uhr morgens die Blumen ausladen und den Stand aufstellen, und wir müssen uns obendrein beeilen, denn die Liefer- und Lastwagen müssen bis sechs Uhr vom Platz gefahren sein.

 

E.B.: Im Sommer geht das ja noch, aber im Winter…

 

K.Z.: Nach dem Aufstellen dauert es dann ein Weilchen, bis die erste Kundschaft kommt, und man kann nichts machen ausser rumstehen. Kurz: Es ist anstrengend. Wir sind zudem beide Jahrgang 1945, also nicht mehr die Jüngsten.

 

Nach Bedarf aushelfen würden Sie aber weiterhin.
E.B.: Ich habe seit April einen Schrebergarten an der Bändlistrasse; das finde ich total lässig. Ich kann dort pflanzen, was ich will, und mir meinen eigenen Permakulturgarten schaffen. Aber ab und zu auf dem Helvetiaplatz-Markt aushelfen werde ich weiterhin, da freue ich mich schon darauf: Die Inhaberin hat sehr schöne Blumen, und Sträusse binden ist das, was ich am liebsten mache.

 

K.Z.: Ich habe eine ‹Datscha› in Lenzburg, eine Ein-Zimmer-Hütte mit Holzofen mitten in einem Garten, in dem ich nur Blumen pflanze. Mit Zug und Velo bin ich rasch dort und werde mich nun öfter darin aufhalten können.

 

Gemäss Hannes Lindenmeyers Büchlein «Der Blumenladen» (siehe Kasten) waren Blumen in den 1980er-Jahren kein einfaches Thema für Linke, ausser natürlich, wenn es um die rote Nelke im Knopfloch ging…
E.B.: Blumen waren früher schlicht ein Luxus – nicht nur für Linke.

 

K.Z.: Als ich die Lehre als Floristin machte, haben die Leute am Samstag ein paar Nelken und etwas Grün gekauft; es kamen Soldaten auf dem Nachhausweg von der Kaserne vorbei, die der Freundin oder auch der Mutter eine Freude machen wollten. Leute, die sich im Alltag Blumen leisteten, kannte man höchstens aus Hollywood-Filmen.

 

E.B.: Blumen wurden zu Geburtstagen gekauft, zum Valentinstag – der war damals ein gutes Geschäft – und wenn jemand starb. Wir brauchten praktisch nur Nelken, Gerbera, Fresien, Anemonen, Rosen und Ranunkeln.

 

K.Z.: Zum Muttertag verkauften wir auch viel. Wir haben darüber zwar manchmal gespottet, und mit der Zeit und den emanzipierten Müttern ging die Nachfrage dann auch zurück.

 

E.B.: Damals arbeiteten wir jeweils die Nacht vor dem Muttertag durch, und gegen Morgen standen auf jedem Treppenabsatz im ganzen Haus fertige Sträusse parat. Die Blumen kamen vor allem aus Italien. Sie waren in lange Kisten verpackt, die man selber am Bahnhof abholen oder von einem Boten abholen lassen musste.

 

K.Z.: «San Remo» stand meistens darauf. Einige Kisten kamen auch aus Holland, die nannten wir die «Hollandschachtle». Zum Schutz lagen die Blumen zwischen Zeitungspapier; wir hätten täglich gratis die internationale Klatschpresse lesen können…

 

Wie hat man unter solchen Voraussetzungen mit einem Blumenladen Erfolg?
K.Z.: Am Anfang hatten wir gar keinen, im Gegenteil, wir hatten nichts zu beissen: Während der ersten zwei, drei Jahre konnten wir die Miete und die Blumen bezahlen und hatten danach noch etwa zwei- bis fünfhundert Franken in der Kasse; das wars. Wir konnten es uns leisten, weil unsere Männer uns unterstützten. Nach etwa fünf Jahren, Ende der 1980er-Jahre, hat das Geschäft dann angezogen: Unser Laden war der einzige, der ‹wilde› Sträusse verkaufte, wie wir sie lieben. In vielen Blumenläden war und ist es heute noch so, dass sich die Floristin ‹betupft› fühlt, wenn die Kundin etwas anderes verlangt, als sie vorbereitet hat; oft bekommt die Kundin dann einfach zu hören, dass das, was sie möchte, «nicht zusammenpasst».

 

E.B.: Wir jedoch stellen die Blumen so zusammen, wie die Leute es sich wünschen: Was sollten wir uns einmischen? Wenn es den KundInnen so gefällt, ist doch alles bestens.

 

Sie hatten weder einen Businessplan noch Verträge, und doch hat der Laden während fast 25 Jahren funktioniert. Wie haben Sie das geschafft?
E.B.: Wir zahlten immer bar, und wir gingen lieber jeden Tag für soviel Geld einkaufen, wie wir gerade hatten, als etwas anschreiben zu lassen.

 

K.Z.: Es gab nicht wenige Leute mit kleinen Geschäften wie unseres, die pleite gingen, weil sie auf monatliche Rechnungen setzten – und dann auf einen Schlag eine Summe berappen sollten, die sie schlicht nicht hatten.

 

E.B.: Wir beglichen ganz einfach die Miete und alle Rechnungen, und was dann übrig blieb, teilten wir halbe-halbe.

 

K.Z.: Mit der Zeit erhielten wir auch grössere Bestellungen, wir durften beispielsweise an einige Orte jeden Monat einen Strauss liefern, und dafür bekamen wir natürlich kein Bargeld, sondern mussten Rechnungen schreiben. So wurde auch die Buchhaltung ein Thema. Erst half uns Vater Naef, ein Pensionierter, er machte alles noch mit der Schreibmaschine. Dann stellten wir eine Freundin ein, eine professionelle Buchhalterin, die den ganzen Bürokram für uns erledigte und uns auf die Finger schaute: Sie ermahnte uns etwa, jedes Jahr in die 3. Säule einzuzahlen.

 

Ihr Laden war auch ein Treffpunkt, eine Zeitlang war dort eine Frauenberatung: Wie ist es dazu gekommen?
K.Z.: Als ich den Laden mietete, war ich nicht die einzige, die sich dafür interessierte; die spätere FraP!-Nationalrätin Christine Goll wollte dort eine gewerkschaftliche Frauenberatung eröffnen. Damals war Eva noch nicht dabei, und ich fand, ich bräuchte das Hinterzimmer eigentlich nicht. Also wurde es an die Frauenberatung untervermietet. Später war ein Guatemala-Komitee dort, von dem wir allerdings kaum je jemanden sahen. Danach kamen die Grafiker Raymond Naef und René Lambert im Hinterzimmer unter; sie wurden obdachlos, als das Blaue Haus der Hellmi dem Neubau weichen musste. Da wurde oft Quartierpolitik betrieben, ein häufiger Gast war unser Kunde Niggi Scherr.

 

Als «gayfreundlicher Laden» galt Ihr Geschäft einst auch. Welche Geschichte steckt dahinter?
E.B.: Wir gingen jeweils über Mittag mit den Hunden in den Zeughaushof und trafen dort andere HundebesitzerInnen, Andy von «Andys Tierhüüsli» beispielsweise, der sein Geschäft damals an der Molkenstrasse hatte. Er rief den gayfreundlichen Gewerbeverein ins Leben. Nach einigen Jahren war damit wieder Schluss, weil die Mitgliedschaft erstens ziemlich teuer war und zweitens den meisten nur wenige zusätzliche Aufträge einbrachte. Wir konnten einmal am Christopher Street Day die Blumendeko liefern, mehr nicht.

 

K.Z.: Immerhin gabs deswegen auch ein paar lustige Szenen: Einige Leute glaubten fortan, wir beide seien ein Paar. Wenn wir dann von unseren Männern erzählten, waren sie ziemlich irritiert…

 

Wie kam es eigentlich dazu, dass man in Ihrem Laden stets alles erfuhr, was in der Nachbarschaft gerade passiert oder neu geplant war?
E.B.: Die Leute haben uns alles erzählt…

 

K.Z.: …und es kamen viele verschiedene Leute zu uns, längst nicht nur Linke, in der Gegend gab es damals ja noch einige Handwerker und kleine Läden, aber auch viele Prostituierte und Freier. Wir waren gewissermassen ‹d’Mamme› für alle.

 

E.B.: Zudem waren wir das Postbüro und die Bank – es gab Leute, die sich von uns regelmässig Geld borgten, es gab die Zigi-Schnorrer, Männer aus dem Männerheim der Heilsarmee kamen auf einen Schwatz oder einen Kaffee vorbei, der Schneider von nebenan ebenfalls. Dieser wollte mich mal mit einem Freund seines Sohnes verkuppeln; ich hätte ihn für 20 000 Franken heiraten sollen, lehnte aber dankend ab (lacht).

 

K.Z.: Es gab damals noch einige kleine Läden in der Gegend, den mit den Staubsaugern, das Lädeli von Intercomestibles, das mit «Bieren aus aller Welt» warb, und auch das A-Bulletin war ganz in der Nähe; am Anfang tranken wir jeweils bei Klaus, Georg und Lisbeth Kaffee, später kamen sie zu uns. Der Laden lief übrigens nicht immer gleich gut, und es kam auch vor, dass andere Geschäfte eingingen, die bei uns Schulden hatten; dieses Geld mussten wir abschreiben.

 

Könnten Sie sich vorstellen, dass jemand den Blumenladen wiederbelebte, oder ist ein solches Geschäft heute nicht mehr möglich?
K.Z.: Als Lokal ist der Laden nicht mehr schön, ein Geldtransfer ist jetzt dort, und es sieht aus wie in einer kleinen Bank mit Schalter. Und die meisten Blumenläden sind heute so schickimicki, wilde Sträusse wie die unseren sieht man kaum mehr.

 

E.B.: Ausser in der Kalkbreite, der Blumenladen dort gefällt mir gut, aber sonst ist alles durchgestylt.

 

K.Z.: Ich denke, das liegt auch an der Ausbildung: Alle lernen dasselbe – und trauen sich nicht, etwas Eigenes zu machen.

 

E.B.: Wir hatten beispielsweise nur rote Kerzen im Laden; wer ein Gesteck mit einer andern Kerzenfarbe wollte, dem sagten wir, er könne die gewünschten Kerzen gern mitbringen.

 

K.Z.: Heute kann man an einigen Orten nicht einmal mehr eine einzelne Rose kaufen, man muss gleich einen Bund nehmen. Aber wir hatten eine gute Zeit in unserem Laden, und jetzt freuen wir uns auf unsere Gärten. Es stimmt so, wie es ist.

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