Was bleibt ausser Mord?

Zu Port au Prince, auf dem französischen Anteil der Insel St. Domingo, lebte zu Anfange dieses Jahrhunderts, als die Schwarzen die Weissen ermordeten, auf der Pflanzung des Herrn Guillaume von Villeneuve, ein fürchterlicher alter Neger, namens Kongo Huango.» Was ist schlimmer an diesem Anfang der Novelle «Die Verlobung in St. Domingo von Heinrich von Kleist»: Die Einschätzung der französischen Revolution als Genozid oder der unverhohlene Rassismus? Das Schauspielhaus bringt die Erzählung nun in in einer Koproduktion mit dem Berliner Gorki-Theater in die Box. Allerdings nicht einfach dramatisiert, sondern als «Widerspruch»: Der Berliner Autor Necat Öziri nimmt Kleist, formt die Geschichte um und problematisiert sie. Dass er den auch im schmalen Werk Kleists wenig bekannten Text auch wieder ins Bewusstsein bringt damit, nimmt er dabei in Kauf.

 

 

In der Box wird Regisseur Sebastian Nübling seinem Ruf als gewiefter Erfinder von Bild- und Gedankenwelten aus sperrigen Texten über weite Strecken gerecht. Auch wenn die zwei pausenlosen Stunden noch ein paar Längen haben und man (zu oft das Problem im Theater!) den Originaltext besser kennt: Ironische Show-Elemente, geschickte Mischung von Ebenen und Stilmitteln lenken die Aufmerksamkeit immer wieder auf die grossen inhaltlichen Fragen nach Rassismus und wie man ihm entkommen kann. Oder eher, wie man ihm eben nicht entkommen kann? Kleist betont (und verurteilt) die Gewalt, in die die Sklavenbefreiung auf Haiti führte. Nachdem sie sich selbst befreit haben, haben die ehemaligen Sklaven ihre «Herren» ermordet oder vertrieben. Jetzt locken Babekan und ihre Tochter Toni Fliehende in ihr Haus, um sie dann nachts zu ermorden. Nun klopft der Schweizer Gustav an (Dominic Hartmann), der im napoleonischen Heer die Sklavenbefreiung rückgängig machen soll – also genau der Feind, gegen den die Schwarzen kämpfen. Doch Toni (doppelt besetzt mit Dagna Litzenberger Vinet und Kenda Hmeidan) verliebt sich in Gustav oder fickt ihn, wie es in Öziris Text nun heisst – und jetzt?

 

 

Man wird als Publikum ganz direkt und ohne vierte Wand begrüsst: «Wir wissen, warum wir hier sind.» Der spätere Schweizer Offizier zählt in heimeligen Schweizerdeutsch eine ganze Reihe von Folter- und Ermordungsmethoden auf, die die Weissen den Schwarzen angetan haben, gefolgt von leisem «Sorry». Nübling und seine Ausstatter unterlegen den mit fünf Monologen etwas zähen Einstieg mit einer klischierten Tanzshow, immer die gleichen paar Takte (ein Muster, das sich in den paar Songs, die noch kommen, wiederholt). Beginnt die Handlung, wird sie schon nach dem ersten, zitierten Satz unterbrochen: Stop! Vorne, direkt bei der ersten Reihe, wird das Geschehen meist kommentiert, oft ins Mikrophon. Wenn die Handlung nachgespielt wird, passiert das in einem schwarzen Rahmen, der aussieht wie ein überdimensionierter Röhrenfernseher. Muriel Gerstner hat so eine Bühne auf der Bühne, vor allem aber auch eine Fläche für Schattenspiele gebaut, holzschnittartig schwarz-weiss wird dort Kleist nachgespielt und immer wieder durchbrochen. Der Text mit seinen Thesen und Traumsequenzen könnte leicht trocken wirken, die Ins-zenierung gibt ihm mehr Luft, um theatralisch atmen zu können. Öziris Toni tritt am Schluss nochmals aus der Fiktion und spult die Mordszene sechs Mal zurück: Wie kann die Situation ohne Tote, ohne Gewalt gelöst werden? Aber auch der siebte Versuch bringt keine Lösung. Autor Öziri hängt einer Verfassung an, die die Welt besser machen soll (auch wenn die Frage, ob alle Menschen als Schwarze zu bezeichnen, wirklich die angestrebte Unterteilung z.B. in «Rassen» überwindet), Nübling macht aus ihrer Verlesung – eine durchaus ironische Pointe – einen gespenstischen Neon-Maskentanz: So einfach ist’s nicht mit der Gerechtigkeit. Und einfach will es uns dieser formal und inhaltlich ambitionierte Abend zu recht auch nicht machen. tg.

 

 

Tobias Gerosa

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