Warum umweltverträgliches Reisen auf Widerstand stösst

Öfter, schneller, weiter: Diese Entwicklung gilt auch für ausländische Gäste, die in die Schweiz reisen. Die ökologisch erwünschte Trendwende stösst auf wirtschaftlichen Widerstand.

 

Hanspeter Guggenbühl

 

Im ersten und zweiten Teil dieser Serie analysierten wir das Reiseverhalten der Schweizer Bevölkerung und stellten fest: Wir reisen immer öfter, immer schneller, immer weiter. Damit verlagert sich der Reiseverkehr, vom In- ins Ausland und vom Land- zum Luftverkehrsmittel, was den Konflikt zwischen Reiselust und Klimafrust verstärkt. Folglich empfahlen wir: Weniger weit reisen und wo möglich auf umweltfreundlichere Transportmittel umsteigen.

 

Wie sich Reisen in die Schweiz verändern
Die Fernreisen der Schweizer Bevölkerung zeigen aber nur die eine Hälfte. Die andere Hälfte resultiert aus den Reisen, welche die Schweiz als Tourismus-Destination im In- und vor allem im Ausland auslöst. Bei diesen Reisen in die Schweiz zeigt sich die gleiche Entwicklung wie bei jenen aus der Schweiz: Öfter, schneller und von weiter her, bevorzugt im Flugzeug. Das belegt ein Zehnjahresvergleich der Ankünfte und Logiernächte in den inländischen Hotels zwischen 2008 und 2018:
• Öfter: Die Zahl der Ankünfte in Schweizer Hotels stieg im Jahr 2018 gegenüber 2008 um 12 Prozent.
• Schneller: Die Zahl der Logiernächte in diesen Hotels stieg 2018 ebenfalls, mit 4 Prozent aber weniger stark als die Zahl der Ankünfte. Denn die Gäste reisen schneller wieder ab. So betrug die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste in Schweizer Hotels 2018 nur noch 2,0 Nächte, 2008 noch 2,3.
• Weiter: Dieser Trend ist besonders ausgeprägt. Das zeigt die Statistik über die Herkunft der Gäste in Schweizer Hotels: Die Zahl der Logiernächte von Gästen aus dem nahen Europa schrumpfte von 2008 bis 2018 um 26 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Zähl der Logiernächte von Reisenden aus allen andern, weiter entfernten Kontinenten um 86 Prozent. Besonders ausgeprägt war der Anstieg der Gäste aus Asien (plus 140 Prozent), insbesondere aus China (plus 535 Prozent).
Diese Verlagerung vom Nah- zum Ferntourismus illustrieren auch die zwei Grafiken auf dieser Seite: Der Anteil der Logiernächte von Gästen, die von ausserhalb Europas anreisten, war 2018 viel grösser als 2008, während der Anteil aus Europa kleiner geworden ist. Der Anteil der Gäste aus dem Inland hat leicht zugenommen, was auch auf das sonnige Wetter im Jahr 2018 zurückzuführen ist.

 

Mehr Fernreisende: ökonomisch zweischneidig
Die Verlagerung vom Nah- zum Ferntourismus akzentuiert sich in Regionen wie Luzern/Vierwaldstättersee oder Interlaken/Jungfrau. In diesen Destinationen war der Anteil an Gästen aus Übersee schon immer grösser als in den ländlichen oder alpinen Regionen Wallis und Graubünden.

 

An der wachsenden Zahl von Fernreisenden möchte jetzt auch die Tourismusbranche in Graubünden partizipieren, die bisher primär Gäste aus der Schweiz und Deutschland beherbergte und – als Folge des schwachen Euro – seit 2008 Marktanteile verloren hat. So will der Präsident von «Graubünden Ferien», Jürg Schmid, die wegbleibenden Gäste aus Deutschland vermehrt durch Feriengäste aus China, den USA und den Golfstaaten ersetzen. Unter dem Titel «Der Bündner Tourismus soll in Asien und Amerika Fuss fassen», sagte Schmid letzten Sommer gegenüber der ‹Südostschweiz›, das sei «die letzte Chance, die wir haben».

 

Ökonomisch ist die Förderung dieses Ferntourismus zweischneidig: Einigen Branchen bringen wohlhabende Touristen aus Golfstaaten oder Asien zwar viel Umsatz, insbesondere dem gehobenen Detailhandel, das zeigen etwa die Umsätze der Bijouterie- und Uhrengeschäfte in Luzern. Auch die Bahnen aufs Jungfraujoch oder den Titlis profitieren vom Zulauf von Inderinnen und Chinesen.

 

Doch für die Hotellerie und Gastronomie sind Reisende aus Ostasien und andern fernen Weltgegenden aus zwei Gründen nur bedingt attraktiv: Sie reisen meist als Pauschaltouristen, drücken mit Rabatten auf die Margen und bleiben in der Regel weniger lang als Gäste aus Europa. Das belegt der Vergleich über die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in Schweizer Hotels im Jahr 2018: Gäste aus China verzeichneten im Schnitt nur 1,3 Logiernächte, jene aus Japan 1,8, während die Kundschaft aus Grossbritannien pro Reise 2,3 mal, aus Deutschland 2,2 mal und aus den USA 2,1 Mal in Schweizer Hotelbetten übernachtete.

 

Umweltbelastung wächst ausserhalb der Landesgrenze
Mit der Verlagerung von Nah- zu Fernreisen – ob vom Ausland in die Schweiz oder von der Schweiz ins Ausland – verstärkt der Tourismus die globale Umweltbelastung und den Klimawandel. Das gilt vor allem ausserhalb der eigenen Landesgrenzen. Beispiel: Wer von Peking nach Zürich und wieder heim fliegt, verursacht allein mit diesem Flug in der Economie-Klasse Treibhausgase im Umfang von drei Tonnen CO2-Equivalent (Quelle: My Climate). Das ist rund die Hälfte an Treibhausgasen, die eine in der Schweiz lebende Person im Durchschnitt in einem ganzen Jahr im Inland verursacht.

 

Innerhalb der Schweizer Grenze hingegen belasten Pauschalreisende aus Fernost die Umwelt weniger stark als Schweizerinnen oder Europäer. Denn ein grosser Teil der Touristen aus dem Inland oder aus Nachbarstaaten reisen mehrheitlich im ökologisch ineffizienten Auto in und durch die Schweiz, und sie sind auch die Treiber des Baus von landschaftsfressenden Zweitwohnungen, die monatelang beheizt, aber nur wenige Wochen genutzt werden.

 

Lieber Nah- als Fernreisen fördern
Aus national-ökonomischen und global-ökologischen Gründen ist es sinnvoller, den Nah- statt den Ferntourismus zu fördern. Das jedenfalls empfiehlt Hansruedi Müller, langjähriger und inzwischen emeritierter Professor für Tourismus an der Universität Bern, den Tourismusverantwortlichen in der Schweiz.

 

Gleichzeitig betont Müller, der Einfluss des Tourismusmarketings auf den globalen Tourismus sei kleiner, als viele meinen. Denn wie viele Gäste aus welchen Weltgegenden in die Schweiz reisen, hänge in erster Linie von der Wohlstandsentwicklung in den Herkunftsländern ab, aber auch von den Wechselkursen. «Ein starker Euro», sagt Müller, «hat auf das Reiseverhalten der Europäer mehr Einfluss als das Marketing der Schweizer Tourismusbranche».

 

Konflikt zwischen Ökonomie und Ökologie
Will man die Umweltbelastung des Reisens generell begrenzen, gelten für die Bevölkerung in der Schweiz und allen andern Staaten die gleichen Regeln: Weniger weit reisen, und auf den kürzeren Reisen wo möglich umweltfreundliche Verkehrsmittel benutzen, also Zug statt Flug oder Velo statt Auto. Klimapolitisch konsequent wäre zum Beispiel, wenn Schweizerinnen und Schweizer nur noch im Inland und mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisten, während Chinesinen und Chinesen in China blieben und ihr Land auf dem Velo erkundeten, wie sie es bis vor dreissig Jahren im Alltag taten.

 

Doch diese ökologische Konsequenz wäre unter den bestehenden Verhältnissen ökonomisch fatal. Denn die direkten und indirekten Umsätze des globalen Tourismus tragen annähernd zehn Prozent zur globalen wirtschaftlichen Wertschöpfung bei. Das zeigt: Wenn alle Menschen die Ratschläge strikte befolgten, die wir mit unserer Serie machten, brächen Flugverkehr sowie Autobranche und damit die Weltwirtschaft massiv ein.
Das erklärt, warum die Reiselobby schon bescheidene Vorschläge wie etwa eine Flugticket-Abgabe mit allen Mitteln bekämpft. Was allerdings nicht von einer langen Sicht zeugt. Denn langfristig ist ein Umwelt- oder Klimakollaps weit teurer und schmerzhafter als die ökonomischen Folgen eines schrumpfenden Reisekonsums.

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