Wahlgespräch mit Carmen Walker Späh: Kein Liberalismus ohne Gleichstellung

 

Jede Woche befragen wir eine(n) der Neukandidierenden für den Regierungsrat. Diese Woche FDP-Kandidatin Carmen Walker Späh zum 8. März und der Gleichstellung. 

 

Was bedeutet Ihnen der 8. März?

Die Stellung der Frau in der Gesellschaft ist mir sehr wichtig. Sonst wäre ich nicht Präsidentin der FDP-Frauen der Schweiz. Ich orientiere mich aber weniger am Tagesgeschehen, sondern sehe die Gleichstellung als Dauerauftrag.

 

Sie machen sich als Person aus dem 8. März also wenig.

Die FDP-Frauen beteiligten sich am Berner Anlass und gaben ihre Haltung auch per Medienmitteilung kund. Ich gehe jetzt übrigens auch zum «Equal Pay Day» der Business and professional Women (BPW) an den Paradeplatz, um zusammen mit den Wirtschaftsfrauen auf die Wichtigkeit der Lohngleichheit hinzuweisen.

 

In der FDP kamen Sie der Rolle des schwarzen Schafes zumindest nahe, als Sie sich für Frauenquoten engagierten.

Anders als teilweise medial kolportiert, plädierte ich nie für Quoten in der Wirtschaft; der Staat sollte aber mit einer befristeten Zielvorgabe ein Vorbild abgeben und die Wirtschaft zur Nachahmung ermuntern. Dies gilt übrigens auch für die Energieeffizienz beim Bauen.

 

Ihnen liegt mehr an der Gleichstellung als anderen in der Partei.

Sie gehört zu meinen zentralen Anliegen. Die FDP-Frauen positionierten sich an ihrer Zukunftstagung neu. Sie sehen sich nicht mehr einfach aus klassische Frauenrechtlerinnen, sondern wollen eine moderne Politik machen für moderne Menschen. Bei Männern sehen wir beim Besuchsrecht oder der Unterhaltsregelung Handlungsbedarf. Wir realisieren auch, dass sie bei der Vaterschaft einen Karriereknick riskieren und als ‹halbe› Männer gelten, wenn sie Teilzeit arbeiten, um Beruf und Familie besser zu vereinbaren.

 

Bedeutet dies, dass Gleichstellung für Sie ein nicht diskutierbarer Wert darstellt?

Gleichberechtigung ist ein urliberales Grundanliegen. Ich bin eine Liberale und für mich existiert kein Liberalismus, der diese Ungleichheit stehen lässt. Dabei ‹schubse› ich die Partei mitunter.

 

Wie lösten Sie es privat?

Mein Mann unterstützte mich immer und auch im grösseren Familienkreis musste ich nie um meine Erwerbstätigkeit kämpfen. Mein Mann übernahm einen Teil der Betreuung in der Kleinkinderzeit. Musste ich früh weg, so stand er als Architekt nicht um 7 Uhr auf der Baustelle, sondern erst um 9 Uhr, nachdem er die Kinder in die Spielgruppe und in den Kindergarten begleitet hatte. Das war immer ganz selbstverständlich.

 

Diese Selbstverständlichkeit funktioniert längst nicht überall. Was sehen Sie für Möglichkeiten, wenn es sich nicht von sich aus ergibt?

Entscheidend sind die Rahmenbedingungen. Sie müssen Wahlfreiheit schaffen, die es ermöglicht, das Leben so zu gestalten, wie man es sich vorstellt. Ganz konkret bedeutet dies zunächst genügend Betreuungsplätze, bei denen ich – im Gegensatz zur SP – vor allem bei der Finanzierung und dem Betrieb nicht in erster Linie den Staat in der Pflicht sehe. Ich setze mich entschieden für Tagesschulen ein und möchte den Gemeinden die Möglichkeit geben, diese nicht nur auf Versuchsebene einzuführen. Die in der Stadt Zürich im Aufbau begriffenen Tagesschulen besitzen ein grosses Potenzial, weil sie einen geregelten Tagesablauf für die Erwerbstätigkeit bieten. Die Eltern können in Ruhe und zusammenhängend arbeiten. Auch aus pädagogischer Sicht bringen Tagesschulen viel, so unter anderen auch mehr Ruhe in den Alltag der Kinder und einen Mittagstisch. Ich möchte in diesem Zusammenhang auch auf die vielen, über Mittag nicht betreuten Kinder und Jugendlichen hinweisen… Ich glaube, dass sich Tagesschulen durchsetzen werden. Dies ohne Zwang für Eltern, die ihr Kind nicht auswärts geben möchten. Ich schreibe niemandem vor, wie er zu leben hat.

 

Derzeit existieren Bestrebungen – etwa mit der Streichung der Kleinkinderbeiträge – die Bedingungen für das traditionelle Familienmodell zu erschweren, die Frauen mehr ins Erwerbsleben zu integrieren.

Wer einer Erwerbstätigkeit nachgeht, soll keinen Nachteil haben. Auch wenn die Kleinkinderbetreuung wegfällt, bevorzugt unser System nach wie vor eher die traditionelle Familie, zum Beispiel über die Progression bei den Steuern. Bei den Sozialhilfebezügerinnen wird es zudem heikel, wenn sie bis zu drei Jahre nach der Geburt vom Erwerbsleben fern bleiben können. Wer eine so lange Auszeit nimmt, gerät beim Wiedereinstieg oft in Schwierigkeiten. Wir sollten Anreize für den Einstieg nach dem Mutterschaftsurlaub und nicht für eine lange Auszeit schaffen.

 

Sie möchten den Verbleib im Erwerbsleben fördern?

Ich ermutige die Frauen, ‹dran› zu bleiben, weil der Wiedereinstieg in allen Berufen problematisch sein kann. Man kommt zudem aus den eigenen vier Wänden heraus und die Kinder lernen auch ein anderes Umfeld kennen.

 

Arbeiten in Ihrem Familienideal beide und sorgen beide für die Kinder?

Ja, aber ich will jene nicht diskriminieren, die anders leben. Als Mitglied der Wirtschaftspartei FDP liegt mir daran, dass die Erwerbsarbeit der Frauen gewürdigt wird. Schweizweit arbeiten 55 000 Akademikerinnen derzeit nicht. Das bedeutet, dass 5,5 Milliarden Franken, die die Gesellschaft in ihre Ausbildung investierte, brach liegen. Jene, die dies bewusst wählten, will ich nicht beeinflussen. Aber jene, die beides verbinden möchten, sollen Rahmenbedingungen erhalten, die es ermöglichen. Es ergibt keinen Sinn, wenn wir aus dem Ausland viele Ärzte holen, während bei uns Ausgebildete zu Hause sitzen, weil sie keine Möglichkeit erhalten, Beruf und Familie zu vereinen.

Als Regierungsrätin würde ich mich  für Tagesschulen und in Bern für ein gerechteres Steuersystem einsetzen (Individualbesteuerung). Auch würde ich mein Engagement für einen Bürokratie-Abbau bei Krippen fortsetzen.

 

Damit komme ich zur Leserfrage: Ihre Begeisterung für die Bildung ist spürbar, ihr Engagement für die Finanzen weniger offensichtlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie nach einer Wahl im Finanzdepartement landen, allerdings  ist eher grösser.

Ich würde mich auf jedes Departement freuen. Von meiner Ausbildung, meinen Neigungen und meinen beruflichen Erfahrungen  her traue ich mir jedes Departement zu, als Unternehmerin auch die Finanzen.

 

Markus Bischoff will von Ihnen wissen, warum Sie das Immobilienmanagement von Markus Kägi als ein Desaster bezeichnen.

Diese Aussage machte ich anlässlich eines Podiums an einer Berufsschule. Sie bezog sich konkret auf ein Schulhaus, das ‹verlotterte›, was für mich tatsächlich ein Desaster ist. Auch die Kaserne Zürich ist bekanntlich eine endlose Geschichte, an der verschiedene Direktionen beteiligt sind und zu viel ‹Gärtchendenken› vorherrscht. Die grosse Mehrheit des Kantonsrats und ich als Postulantin insbesondere vertreten für die kantonalen Immobilien grundsätzlich ein zentrales Mietermodell. Hier bestehen Meinungsdifferenzen zwischen dem Regierungs- und dem Kantonsrat. Dafür Markus Kägi persönlich verantwortlich zu erklären, greift definitiv zu kurz.

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