«Von den Früchten der Arbeit sollen alle profitieren»

Am ersten Dezember wählen die Delegierten des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) ihre neue Präsidentin oder ihren neuen Präsidenten. Neben Pierre-Yves Maillard kandidiert die Nationalrätin und Vizepräsidentin der SP Schweiz, Barbara Gysi. Im Gespräch erklärt sie, worauf sie als Präsidentin Wert legen würde.

 

Zara Zatti

 

Dass Barbara Gysi in die Politik kam, war kein Zufall. Sie stammt aus einer Familie, in der viel über Politik gesprochen wurde, und sie merkte selbst früh, dass man sein Umfeld aktiv mitgestalten kann, so etwa bereits im Klassenrat in der Primarschule. Später macht sie eine Ausbildung zur Sozialpädagogin und es wird ihr klar: «Ich will Menschen nicht nur individuell befähigen, etwas an ihrer Situation zu ändern, sondern auch die Rahmenbedingungen anpassen.» So kommt sie in die Politik. Dabei habe sie sich zuerst gewerkschaftlich engagiert und sei erst später in die SP eingetreten, erklärt sie. 1997 wird sie Mitglied im Gemeindeparlament Wil und ist dort auch zwölf Jahre Stadträtin. 1999 tritt sie in den Kantonsrat St. Gallen ein, und wird zehn Jahre später SP-Fraktionspräsidentin. Seit 2011 ist sie Mitglied im Nationalrat. Daneben ist sie Präsidentin des Gewerkschaftsbundes St. Gallen und seit zwei Jahren auch des Personalverbandes des Bundes (PVB).

 

Vor allem die Jahre im Stadtrat seien sehr prägend gewesen. Als besonderen Erfolg sieht Gysi die Zusammenlegung der ambulanten und stationären Langzeitpflege von fünf Gemeinden und zwei Kantonen. Dadurch konnten für die MitarbeiterInnen, vor allem im privaten Bereich, grosse Verbesserungen erzielt werden, sagt Gysi. Die Arbeitsbedingungen der Pflegefachpersonen bleiben auch auf nationaler Ebene ein Thema, für das sich Gysi engagiert. In der Zeit in Wil setzte sie sich daneben für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein: Es gelang ihr, die Anzahl der Plätze in Kindertagesstätten zu verdoppeln und die finanziellen Mittel zu verdreifachen.

 

Hartes Pflaster in St. Gallen
Die Zeit in der St. Galler Politik sei für sie eine wichtige Erfahrung gewesen, erklärt die heutige Nationalrätin. Als einzige Linke im bürgerlich dominierten Stadtrat musste sie eine Taktik entwickeln, um ihre Anliegen mehrheitsfähig zu machen. Dies ist ihr durchaus gelungen, denn alle Volksabstimmungen konnte sie im Sinne ihrer Projekte entscheiden. Im Kantonsrat St. Gallen und in den drei Jahren als Fraktionschefin bewegt sie sich dann auf einem ähnlich harten Pflaster. Auch dort habe sie gelernt zu verhandeln, und vor allem hartnäckig zu bleiben. Die Arbeit als Sozialarbeiterin habe ihr daneben geholfen, mit Menschen umzugehen und Menschen einzubinden, was die 54-Jährige auch als guten Leistungsnachweis für die Präsidentschaft des SGB sieht: «Es ist mir ein grosses Anliegen, die breiten Strömungen, die wir in den Gewerkschaften haben, einzubinden und auf einen einheitlichen Kurs zu bringen.»

 

Falls sie gewählt werde, wolle sie einen stärkeren Schwerpunkt bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie setzen, erklärt Gysi. Konkret heisse das, mehr Plätze in Kindertagesstätten, tiefere Tarife und mehr Subventionen in diesem Bereich, aber auch eine klare Arbeitszeitreduktion. So werde es für Männer und Frauen einfacher, die Arbeit unter sich aufzuteilen. Durch die Digitalisierung sei sowieso mit einer Effizienzsteigerung zu rechnen, auf die mit einer 35-Stunden-Woche reagiert werden sollte. Auch wenn der SGB in den letzten Jahren mehr Wert auf die Lohngleichheit gelegt habe, müsse sich dieser künftig noch mehr dafür einsetzen, findet Gysi. Nebst der Diskriminierung müssen auch die strukturellen Lohnunterschiede beseitigt werden.

 

Inhaltlich gäbe es sonst wenig Differenzen zu ihrem Vorgänger Paul Rechsteiner und ihrem Mitstreiter Pierre-Yves Maillard. Es sei mehr eine Frage des Stils, worin sie sich unterscheiden würden. «Paul Rechsteiner ist ein hervorragender SGB-Präsident und hat unheimlich viel bewirkt», sagt Gysi und betont, er habe in Bezug auf die flankierenden Massnahmen und die Europapolitik absolut die richtigen Schwerpunkte gesetzt. Auch sie wolle daneben weiterhin für mehr Gesamtarbeitsverträge, besseren Schutz an den Arbeitsplätzen und bessere Löhne kämpfen.

 

Bereit für die neue Herausforderung
Als grosse Herausforderung für die Gewerkschaften sieht Gysi die Digitalisierung und die Mitgliedergewinnung. In Bezug auf den ersten Punkt sei es wichtig, dass die Arbeitnehmenden, insbesondere die älteren, gut aus- und weitergebildet werden. Ein besonderes Augenmerk gilt auch den Arbeitsbedingungen: «Es darf kein neues Prekariat geschaffen werden.» Um dem Mitgliederschwund der Gewerkschaften entgegenzuwirken, erkennt Gysi die Frauen als grosses Potenzial: «Über alle Gewerkschaften betrachtet, liegt der Frauenanteil gerade mal bei 30 Prozent.» Es sei wichtig, dass der SGB breiter werde, betont Gysi und macht auf die Pflege, den Detailhandel, aber auch auf neue Berufsbilder, welche die Digitalisierung brachte, aufmerksam. Es sei von grosser Bedeutung, diese Branchen einzubeziehen.

 

Doch auch die neoliberale Wirtschaft stelle für die gewerkschaftlichen Anliegen eine Herausforderung dar: Denn obwohl in vielen Firmen eine Gewinnsteigerung festzustellen sei, würden die Löhne nicht in genügendem Masse steigen. Es sei essenziell, dafür zu sorgen, dass die Löhne nicht immer mehr an Kaufkraft verlieren und den Kompass in die richtige Richtung zu lenken: «Von den Früchten der Arbeit müssen alle profitieren, nicht nur die Besitzer grosser Firmen.»

 

Barbara Gysi hat sich eine Kandidatur gründlich überlegt, vor allem auch, weil sie ihr Vizepräsidium der SP Schweiz und die Präsidentschaft im PVB aufgeben müsste. Viele Gespräche, insbesondere mit Frauen und in verschiedenen Gewerkschaften, haben ihr aber gezeigt, dass viele ihre Kandidatur unterstützen. Ausserdem habe sie grosse Lust, sich der grossen und verantwortungsvollen Aufgabe zu stellen.

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