Vespas, bewacht

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The early bird catches the worm, daher hatten wir frühzeitig unsere Ferien gebucht. In Paris. Also gewissermassen eine Vorkriegs-Buchung. Nicht meine Worte, ich komme darauf zurück. Aber so kam es, dass ich das erste Mal in meinem Leben in einem Gebiet war, wo der Ausnahmezustand herrscht, und so waren diese Tage ein Lehrstück über den Satz von Carl Schmitt, wonach derjenige souverän ist, der über den Ausnahmezustand entscheidet. Und darüber natürlich, wann und wo er nicht so ernst zu nehmen ist.

Denn viel davon gemerkt hat man, touristisch, also oberflächlich gesehen, nicht. Es ist auch nicht möglich, eine Riesenstadt wie Paris vollständig sicher zu machen, und das Weihnachtsgeschäft wollte man sich ja auch nicht vermiesen lassen. Die lokalen Medien meldeten, dass es Zara kurz vor Jahresende gelungen sei, den Sonntagsverkauf und spätere Ladenschliesszeiten gegen den Widerstand der Gewerkschaften durchzudrücken. Na also, geht doch.

Zwar standen abends zwischen fünf und sechs drei Soldaten breitbeinig an einer Strassenkreuzung in unserem Quartier, womit sich das etwas seltsame Bild ergab, dass der Vespa-Händler und das Solarium tipptopp bewacht waren. Und vor den Museen stand man lange Schlange, weil man an den Eingängen zuerst durch Sicherheitsschleusen musste. Dennoch: Sicherheit sieht anders aus. Und nach der Happy Hour waren die Soldaten ja wieder weg. Auch die 11 000 Einsatzkräfte am Sylvester auf den Champs Elysées waren zwar eindrücklich, konnten aber nur schlecht übertünchen, dass das eher der Volksberuhigung diente. Feuerwerk war verboten, dafür liessen die TV-Sender die FestbesucherInnen Durchhalteparolen ins Mic sagen, und in den Ramschläden waren die Frankreichfähnchen heruntergesetzt. Nationale Selbstvergewisserung auf allen Kanälen.

Krieg also. Die Debatte über das Wording ist Jahrzehnte alt. Die westlichen Staaten haben sich bisher immer geweigert, nicht-staatliche gewalttätige Gruppierungen als Kriegsgegner anzuerkennen. Das war so bei der RAF im Deutschen Herbst, das war so im Italien der 80er oder in Algerien, wo Frankreich selbst erst spät den Kampf gegen die algerische Befreiungsbewegung als Kriegseinsatz zugab. Die Sprachregelung war jeweils, es mit kriminellen Banden zu tun zu haben, denn Krieg setzt erstens die Einhaltung gewisser Konventionen voraus, und zweitens agieren Kriminelle nicht auf Augenhöhe, Kriegsgegner aber schon. Erst Georg W. Bush hat das geändert, und wir dürfen gewiss sein, er wusste nicht, was er lostrat. Seither befinden sich diverse Nationen im Krieg gegen den Terror – und das einzige Verwunderliche daran ist, dass sie sich wundern, wenn der Krieg auch auf ihrem eigenen Territorium ausgetragen wird. Und: Die Gegner betrachten sich jetzt natürlich auch als im Krieg, und manche zivilisierte Staaten benehmen sich dafür wie kriminelle Banden.

Man muss denn auch nicht in die Pariser Vorstädte gehen, es genügt schon, etwas in den Norden, etwa nach Belleville zu fahren, wo der Anteil der muslimischen und schwarzen Bevölkerung wesentlich höher ist, und schon wusste man nicht mehr so ganz genau, ob die Soldatinnen und Soldaten eigentlich die Bevölkerung be- oder überwachten. Die Stimmung war – anders, komisch. Man wurde gefühlsmässig in der Einschätzung bestätigt, dass der Krieg in Frankreich auch hausgemacht ist. Der letzte identifizierte Attentäter des Bataclan ist Franzose.

Und bei uns? Gibt es in diesem Krieg eine Schweizer Neutralität? Ich denke nicht. Wer Waffen an Kriegsparteien liefert, nimmt Partei. Und wird zum Ziel. Das ist nur eine Frage der Zeit. Aber wenn es dann soweit sein wird, werden solche Sätze vermutlich gar nicht gut ankommen. Wir werden dann Fähnchen schwenken und Kerzen anzünden. Mais quand même: Bonn’année.

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