Verhältnisse

Nach Kornelia Lüdorffs Monolog über und als Anna Politkowskaja ist man bereichert und voller Demut.

 

Wenn junge Russen aus Alternativlosigkeit in den Krieg ziehen und eine Journalistin ihre Motivation zu ergründen versucht, wenn der Alleinherrscher Tschetscheniens tobt und droht, weil Interviewantworten genauso gedruckt wurden, wie er sie gesagt hatte, und wenn die Intelligenzija Grosnys ein Moskauer Theater kidnappt, um gegenüber der Fragenden festzustellen, damit nur ihre Existenz demonstrieren zu wollen – dann herrschen Verhältnisse, denen mit Stift und Tonband gegenüberzutreten und im aufklärerischen Sinne professionell arbeitend nach der Wahrheit zu suchen eine unüberschätzbar mutige Tat darstellt. Anna Politkowskaja (1958 – 2006) wird mit dem Text von Stefano Massini eine Ode gewidmet, die ihre Selbstbefragungen, Zweifel und Trotzdemhaltung genauso thematisiert wie die Geschichte, Geographie, Mentalität, Absicht und Vorgehen von Russen wie Tschetschenen. Wenn sie müde ist, mit 47 Jahren, dann nicht, weil sie täglich ihr Leben riskiert – ein Auftragskiller kostet einen Rubel, eine ihr ähnelnde Nachbarin wurde erschossen und sie überlebt nur mit Glück einen Giftanschlag – sondern weil das Kleinklein des Alltags in Grosny sie zermürbt: Strom, Wasser, Internet, Bürokratie, Verkehr, Lebensmittel. Jennifer Wigham inszeniert Kornelia Lüdorff als heroische Wortkämpferin und als vom schlechten Gewissen geplagte Mutter, als weitum bekannte journalistische Stimme und als spielend am Gängelband vorführbare Irregeleitete, die an den realen Machtverhältnissen so gar nichts zu verändern vermag. Der Furor, kombiniert mit einer Zerbrechlichkeit, den Kornelia Lüdorff auf die Bühne bringt, ist energiegeladen anstachelnd und demütig stimmend nachdenklich. Denn seit Anna Politkowskajas Ermordung – Täter bekannt, Fall ad acta gelegt – ist Tschetschenien wieder der gleiche blinde Fleck auf der Landkarte, wie vor ihrem Engagement. froh.

 

«Anna Politkowskaja – Eine nicht umerziehbare Frau», bis 29.10., sogar Theater, Zürich.

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