Und jetzt breiter weiter

Nach dem Klimaalarm wird nun auch das Wissen um den Artenschwund allgemeiner. Die beiden Krisen sind kaum zu trennen und haben gleiche Wurzeln: Nur ein radikaler Wandel der Wirtschafts- wie Lebensweise könnte die dramatische Lage entschärfen. Zudem würde mehr Biodiversität unsere Lebensqualität verbessern.

 

Hans Steiger

 

Den fünf zunehmend Aufsehen erregenden Weltklimaberichten folgte diese Woche eine erste Globalbilanz des Biodiversitätsrates. Sie wirkt nicht weniger dramatisch. Immerhin ist zum Erhalt natürlicher Vielfalt zivilgesellschaftlich schon einiges in Gang. Politisch erhöhen hierzulande mehrere Volksinitiativen sowie grüne Wahlerfolge den Druck.

 

Ein meist positiv besetzter Begriff
Biodiversität ist ein Begriff aus der Wissenschaft. Er kam in den 1980er-Jahren auf, ist in der Alltagssprache meist mit dem Schutz der Artenvielfalt verbunden und positiv besetzt, wie in der 39. Ausgabe von ‹Hotspot› mit Verweis auf entsprechende Studien betont wird. Doch die reale Lage wurde von Nichtfachleuten bis vor kurzem völlig falsch eingeschätzt. Mehrheitlich meinten Schweizerinnen und Schweizer, um die Biodiversität sei es bei uns gut oder sehr gut bestellt, der Zustand hätte sich in den letzten 10 Jahren gar verbessert. «Die wissenschaftlichen Fakten zeigen aber exakt das Gegenteil.» Mit den anschaulichen Themenheften, welche die Akademie der Naturwissenschaften einmal pro Quartal herausgibt, wird diesbezüglich Aufklärung betrieben.

 

Das zur besseren Vermittlung von Wissen gegründete Forum Biodiversität Schweiz feiert 2019 sein 20-Jahr-Jubiläum. Daniela Pauli, Biologin und Leiterin des Forums seit Beginn, bilanziert nüchtern, dass ihm die Arbeit noch lange nicht ausgehe. Es brauche «deutlich grössere Anstrengungen in allen Bereichen der Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – und ein verstärktes Engagement von jedem Einzelnen». Oder zeitgemäss aus­ge­drückt: «Nötig ist nichts weniger als die Transformation der Gesellschaft hin zur Nachhaltigkeit.» Dass sich «immer häufiger Unterstützung auf breiter Front abzeichnet», sei erfreulich. Es ginge auch gar nicht anders. «Biodiversität ist erst dann im Alltag angekommen, wenn sie am Familientisch besprochen wird und beim Einkauf eine Rolle spielt.» Sie müsste darüber hinaus in der Aus-­ und Weiterbildung aller Stufen und Berufe integriert sein, bei allen relevanten Entscheidungen im Tagesgeschäft von Politik und Wirtschaft berücksichtigt werden. «Wir bleiben weiterhin dran: wissenschaftsbasiert, beharrlich und mit grossem Engagement.» Überzeugt davon, dass «die Biodiversität an sich schützenswert ist – und weil sie für robuste Systeme, Wohlstand und eine hohe Lebensqualität steht.»

 

 

Stille und lautere Revolutionen…
Klartext auch im Leitartikel, den Pauli mit dem Wissenschaftsjournalisten Gregor Klaus unterzeichnet: «Weil Sensibilisierungskampagnen Biodiversität nur in kleinen Schritten in den Alltag zurückbringen können, braucht es unbedingt auch grosse Schritte, die nur die Politik einläuten kann.» Der im Heft präsentierte Aktionsplan des Bundes gehe zwar «in die richtige Richtung», genüge aber «aufgrund der heutigen politischen Realitäten» nicht, um nur schon die andauernden Verluste zu stoppen. Vielleicht habe jedoch an der Basis, bei den vielen im Umweltbereich praktisch Engagierten, «eine stille Revolution begonnen».

 

In letzter Zeit wurde es anderswo deutlich lauter. Sorge wie Hoffnung klingen denn auch im Editorial von Forum-Präsident Florian Altermatt an. «Wenn uns Kinder und Jugendliche heute die Dringlichkeit zum Handeln im Kontext von globalen Veränderungen wie dem Klimawandel aufzeigen, so sind es genau sie, die diesen Blick für das Wesentliche haben: Nämlich, dass eine vielfältige Natur nicht nur schön ist, sondern dass deren Erhalt auch für uns Menschen essenziell ist.»

 

Aus den weiteren Beiträgen hier nur noch ein eher ironisches Detail zur «Biodiversität auf Banknoten». Dort sind offenbar weltweit oft Tiere, Pflanzen und Pilze zu finden. Bei der neusten Serie unserer Nationalbank blieben Naturelemente aber «nur Deko», obwohl ihr Thema «die vielseitige Schweiz» ist. Auf dem 50-Franken-Schein finde sich ausgerechnet der Löwenzahn – «ein Sinnbild für Monotonie und im Stickstoff erstickte Biodiversität». Noch sei eben in diesem Bereich nicht alles Gold, was glänzt …

 

System Change durch Demokratie?
Danach las ich die aktuelle Denknetz-Beilage zur WOZ. «System Change» durch Stärkung der Demokratie? Anknüpfend an die Klimabewegung werden da Chancen des Wandels in der Krisenwelt ausgeleuchtet. Für die Herausgabe dieser Vierteljahresschrift ist eine gewerkschaftsnahe Gruppierung verantwortlich und im Editorial werden überraschend erstarkte Bewegungen verknüpft: Frauen und Klima, Gendergerechtigkeit und (Um-)Weltschutz. «Es braucht eine Gesellschaft des Sorge-Tragens», auch zur Natur. Care statt Cash. Ohne einen baldigen Systemwechsel, schreibt Denknetz-Präsidentin Ruth Daellenbach, sind soziale wie ökologische Katastrophen nicht zu verhindern.

 

Mit zwei Ko-Autoren fragt sie dann nach Kräften, welche den Kapitalismus überwinden könnten, der die global gefährliche Dynamik antreibt. Dabei wird in für mich irritierend gestriger Art eine «neue Phase des Klassenkampfes» beschworen. Zwar seien heute die Klassenverhältnisse «komplexer, unübersichtlicher und wohl auch vielfältiger als früher», doch sie dominieren die Überlegungen zur Strategie einer wieder erfolgreichen Linken. Selbst die letzte Fussnote betont dieses Primat. Ob aus dem Bestreben, menschliche Lebensräume zu bewahren, «ein neues, übergeordnetes und gemeinsames Interesse» wird, das den historisch vorab sozialen Klassenkonflikt ablösen könnte? «Noch ist es jedenfalls nicht soweit. Und sicher ist, dass der Kampf für eine bewohnbare Erde ein Kampf gegen den Kapitalismus ist und damit auch einen starken Klassencharakter aufweist.»

 

Zwischen zwei linken Kongressen
Auch im präsentierten Denknetz-Buch, das als Diskussions-Dokument zwischen den ‹Reclaim Democracy›-Kongressen von 2018 und 2020 vorgelegt wird, bestimmt klassische marxistische Begrifflichkeit die Rhetorik der sogenannten Kerngruppen. Diese legen zu zentralen Themen durchnummerierte Thesen vor. Gleich mehrfach wird ein Hauptautor als «geschäftsleitender Sekretär des Denknetzes» tituliert und mit Selbstzitaten ins linke Licht gerückt. Das klingt nach alter Schule; Marx kommt oft vor, zuweilen auch Mao. Aber es wird keine neue Variante der Diktatur des Proletariats propagiert, sondern eine «starke Demokratie». Diese wird eingangs als Leitlinie knapp, aber plausibel mit ihren Dimensionen und Ansprüchen umrissen: der Wirtschaftsbereich ist einbezogen, Menschenrechte gelten global. Doch das Wort Sozialismus fehlt. Offenbar scheue das Denknetz-Team diesen Begriff «wie der Teufel das Weihwasser», wird in der ersten Replik angemerkt. Dies sei «angesichts des desolaten Zustands der Linken, ihrer Schwäche, Fragmentierung und Desorientierung», ihres Scheiterns als sowjetischer Kommunismus wie in der Form des sozialdemokratischen Neoliberalismus nicht verwunderlich. Und trotzdem ein Mangel. Können die teils wirklich verteidigenswerten Errungenschaften bürgerlicher oder gar kapitalistischer Demokratie ohne Bruch bis zur Veränderung ökonomischer Machtverhältnisse weiterentwickelt werden?

 

Später fragt dann auch die abtretende SP-Ständerätin Anita Fetz, ob «Demokratie den Kapitalismus zivilisieren» könne. Anstelle einer kaum je klar definierten «Überwindung des Kapitalismus» wirbt sie «für die Eindämmung des Finanzfeudalismus», für eine ökosoziale Marktwirtschaft, die zur Kreislaufwirtschaft auszugestalten wäre. Rot-grün regierte Städte könnten und müssten dafür schon jetzt mehr tun. Gerät damit der ‹System Change› aus dem Blick? Fetz setzt durchaus auch auf neue Arbeitsformen, welche Junge ansprechen könnten, die dem «Konsumwahnsinn» den Rücken kehren und andere, eigene Wege gehen, weil sie unsere prekäre Lage sehen.

 

Vom roten zum grünen Bereich
Wahrscheinlich ist das die passendere Tonlage, wenn es darum geht, jüngere Kräfte zur Fortsetzung lange geführter Kämpfe zu gewinnen. Oder ist es das Ziel, eine alte Linke argumentativ in die neue, breitere Bewegung mitzunehmen, skeptische Rote für grüne Optionen zu gewinnen? Der von mir zuvor polemisch als geschäftsleitender Denknetz-Vordenker angesprochene Beat Ringger hat da früh markante Beiträge zur praktischen Umsetzung alternativer Visionen geleistet. Dies vor allem als Mitbegründer der Gruppe ‹umverkehR›, die den Umbau urbaner Mobilität mit vielen lokalen Erfolgen voranbrachte. Die eidgenössische Verkehrshalbierungsinitiative war der Zeit leider zu weit voraus.
Das nun akut drohende ökologische Desaster kommt umfassend im Beitrag von Helen Müri zur Geltung. Der doppelte Praxisbezug dieser Autorin als Biologin sowie erfahrene (Umwelt- und SP-)Politikerin ist spürbar, ohne dass ihre Betrachtung als vermeintliche Realpolitik lau wird. Es geht um «überlebenswichtige Fragen». Doch beim Schwund der Biodiversität wie beim Klimawandel sind «die Ursachen und die Auswirkungen oft weit voneinander entfernt», was auf allen Ebenen «gut informierte Teilnehmende» erfordert. Wer vertritt kommende Generationen? Vertretungsrechte oder Weltgerichtshof sind Utopien, «aber sie weisen den Weg». Payal Parekh, die sich nach dem Studium der Ozeanografie schon vor Jahren der Organisation von Klimakampagnen zuwandte, wirkt zuversichtlich: «Kollektives demokratisches Handeln zur Bekämpfung der Klimakrise wird gegenwärtig im globalen Rahmen zur wichtigsten Chance für eine klimapolitische Wende und ist gleichzeitig ein Schlüssel zur Demokratisierung der Welt überhaupt.» Sie führt konkrete Beispiele an.

 

Eher verzweifelt hoffnungsvoll klingt ein Mailwechsel, in dem Thomas Seibert und Cédric Wermuth politphilosophisch eine neue «Internationale des Menschenrechts» postulieren. Vertreter von ‹Solidar› und ‹Alliance Sud› würdigen die UNO-‹Agenda 2030›, deren Ziele «für nachhaltige Entwicklung» zum Teil in sich widersprüchlich sind. Sie bleibe eine Herausforderung für die Zivilgesellschaft, auch und speziell in der Schweiz. Weiter werden Dynamiken der Digitalisierung oder der Migration kritisch beleuchtet. Wie umgehen mit technokratischen Lösungsansätzen, mit populistischen Parolen? Und so fort. Lauter komplexe Fragen ohne einfache Antwort.

 

Ansätze zur tiefen Transformation
Womöglich kann bei der Suche nach verbindenden Visionen ein Reader helfen, der schon 2018 erschienen ist: «Anders wachsen!» Zusammengestellt haben ihn Studierende, die in Leipzig regelmässig Vorträge zum Thema organisierten. Inspiriert und unterstützt wird das ostdeutsche ‹oikos›-Netzwerk von einer internationale Vereinigung mit Sitz in St. Gallen, wo 1987 «von einer kleinen Gruppe» ausgerechnet an der Wirtschafts-Uni versucht wurde, Themen der Nachhaltigkeit nicht weiter nur nach Mainstream zu behandeln. Wissenschaft wie Unternehmen müssten sich «im Spannungsfeld zwischen Ökonomie Ökologie und Sozialem» neue(n) Fragen stellen. Bei der Leipziger Publikation geht es denn auch explizit um die Ausgestaltung einer Welt, «in der alle gerne leben und faire Ausgangsbedingungen haben. Wir glauben daran, dass auch Utopien irgendwann Realität werden können.»

 

Nach prägnanten Krisendiagnosen im ersten Teil werden Ansätze zu einer «Gesellschaft fernab der Ideologie des Wirtschaftswachstums» gesichtet. «Aktuell wirkt die Debatte um die Pfade der Transformation oft kleinteilig und wenig koordiniert. Es existiert nicht eine Gegenerzählung zum neoliberalen Wirtschaften.» Aber es gebe inzwischen zahlreiche Gegenbewegungen, Ideen und Konzepte. Das sei als Stärke zu begreifen. Gerade die thematische Vielfalt mache es möglich, die Lebensqualität unterschiedlich sozialisierter Menschen aufzugreifen, sie für Alternatives zu gewinnen und so den «Kampf um unser aller Zukunft» gemeinsam zu führen.
Hier einige Namen, die für Qualität der vierzehn Beiträge bürgen: Ulrich Brand, Stephan Lessenich, Niko Paech, Hartmut Rosa. Hervorgehoben seien aber zwei Frauen. Barbara Unmüssig, langjährige Vorsitzende der grün geprägten Heinrich-Böll-Stiftung, sichtet die in der Regel zu technokratischen Konzepte «grüner Ökonomie» wohltuend kritisch. Diese sei «kein Selbstläufer. Sie ist durch Interessen und Machtinteressen der Akteure geformt.» Klar rot der Akzent bei Frigga Haug. Die marxistische Feministin stellt mit ihrer «Vier-in-einem-Perspektive» ein Lebens- und Arbeitsmodell vor, das allen Menschen die nicht zuletzt für eine starke Demokratie und für globale Sorge notwendige freie Zeit verschaffen soll. Sie will «Frauenpolitik in eine allgemeine Befreiungspolitik überführen». Zwischen dem 1. Mai und dem 14. Juni eine ideale Lektüre.

 

– Hotspot. Zeitschrift des Forum Biodiversität Schweiz. Heft 39: Biodiversität im Alltag. Bern, April 2019, 28 Seiten. Erscheint halbjährlich. Kostenlos und auch digital abrufbar via www.biodiversity.ch
– Das Denknetz Nr. 5 / April 2019. 40 Seiten. Erschienen als Beilage zur WOZ. Digital kostenfrei via www.denknetz.ch abrufbar.
– Reclaim Democracy. Die Demokratie stärken und weiterentwickeln. Hrsg. von Ruth Daellenbach u.a. Edition 8,  Zürich 2019, 247 Seiten, 23 Franken.
– Anders wachsen! Von der Krise der kapitalistischen Wachstumsgesellschaft und Ansätzen einer Transformation. Hrsg. von Maximilian Becker & Mathilda Reinicke. Oekom, München 2018, 304 Seiten, 19 Euro.

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