Tüchtige Frauen

Vergangene Woche sprach sich der Nationalrat für zwei Wochen Vaterschaftsurlaub aus. Heute beträgt der Vaterschaftsurlaub gerade mal einen Tag. Aber schon die mickrigen zwei Wochen stiessen auf Widerstand. Nationalrat Andreas Glarner meinte: «Als Vater von zwei Kindern hatte ich offen gestanden nicht unbedingt das dringende Bedürfnis, meine Kinder vier Wochen lang Tag und Nacht zu sehen. Aber ich hatte auch eine tüchtige Frau, die voll in ihrer Rolle als Mutter aufging – und ja, sie arbeitete bis zum letzten Tag vor der Geburt; und ja, sie arbeitete auch bald nach der Geburt wieder.» Markus Somm schreibt in der ‹Sonntags-Zeitung›: «Als Vater von fünf Kindern weiss ich, was es für meine Frau bedeutete, fünf Schwangerschaften zu überstehen und fünf Kinder zu gebären. Das ist kein Sonntagsspaziergang. Meine Frau blieb immer berufstätig und arbeitete jeweils bis wenige Tage vor der Geburt. Selbstverständlich nahm ich Ferien, um meine Frau zu unterstützen, keine Woche war mir dafür zu schade. Aber bildete ich mir je ein, ich hätte Anspruch auf zwei Wochen Urlaub, wofür alle anderen, die vielleicht keine Kinder haben, zahlen müssen? Es scheint mir ein zutiefst unelegantes Anliegen, dass wir Männer, die wir kaum etwas beitragen, wenn ein Kind geboren wird, uns nachher auch noch davon erholen möchten.»

 

Zwei sehr tüchtige Frauen also. Wie sie diese Angelegenheit einschätzen, wissen wir allerdings nicht. Vermutlich anders, denn gerade Frauen gehörten zu den eifrigsten Sammlerinnen für die Initiative für den Vaterschaftsurlaub und sie sind es auch, die sich stark für eine Elternzeit aussprechen. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, wie sich denn eine Frau von der Geburt erholen kann, wenn sie sich gleichzeitig alleine um ein Baby und allenfalls noch weitere Kinder kümmern soll. Auf Twitter kommentierte der Historiker Erich Keller die Sommsche Kolumne so treffend, dass ich dies nicht besser formulieren könnte: «Die Altherren-Geschlechterordnung, Version Sehr-Gut-Verdiener, als heroisches Narrativ.»

 

Im Ständerat, dominierte eine andere Diskussion. Die der nostalgischen Jungväter. Auch Andrea Caroni, FDP-Ständerat aus Appenzell Ausserhoden, den ich hier stellvertretend zitiere, ist der Meinung, dass Väter ja einfach Ferien nehmen könnten. Im Gegensatz zu Andreas Glarner hat er selber jenen genossen: «Ich bin noch heute stolz darauf, dass ich der Erste in unserem Haushalt war, der ein Kind gewickelt hat, und ich kann jedem frischgebackenen Vater eine solch intensive Familienzeit nur wärmstens ans Herz legen.» Um jetzt aus meiner eigenen Rede zu zitieren: «Nun ist Andrea Caroni beleibe nicht der erste Mann, der mir begegnet ist, der stolz darauf ist, gewickelt zu haben. Mir sind in den letzten fast zwanzig Jahren in Beruf und Politik doch etliche solcher Männer begegnet, sogar in Vorstellungsgesprächen. Aber niemals eine Frau. Ich vermute mal, es ist nicht so, weil Frauen keine Windeln wechseln. Sondern weil es für sie nichts Spektakuläres und Aussergewöhnliches ist, sondern einfach dazu gehört. »

 

Und es gibt neben dem Wickeln viele Dinge, die einfach dazu gehören: Kochen, putzen, einkaufen, bügeln, aufräumen, aber auch: Fingernägel schneiden und Nasen putzen, Arzttermine abmachen, Kindergeburtstage organisieren, Kindergeburtstagsgeschenke kaufen, sich überhaupt an die Geburtstage der Spielkameraden erinnern, Babysitter suchen, Kleider aussortieren und zur Kinderkleiderbörse gehen, Ferienkurse buchen, Räbeliechtli schnitzen, die Liste ist endlos. Und es ist eine Arbeit, die gemacht werden muss, weil wir als Menschen eine nicht unbedeutende Zeit unseres Lebens nicht selbstständig sind, sondern bekümmert und umsorgt werden müssen. Diese Arbeit ist nötig, aber dafür erhalten die Frauen, die sie zu einem grossen Teil machen, keine Anerkennung. Oft auch keine Bezahlung. Im Gegenteil, sie ist der Grund, warum sich die Lohnungleichheit für Frauen ab der Geburt des ersten Kindes akzentuiert und sie weniger zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden oder die berufliche Laufbahn wider Willen in der Sackgasse landet. Am Ende ihres Arbeitsleben haben sie dadurch auch eine 37 Prozent kleinere Rente. Laut der Ökonomin Mascha Madörin entgehen den Frauen jedes Jahr 100 Milliarden Franken, weil die von ihnen geleistete Arbeit nicht bezahlt wird. Das wird sich niemals ändern, so lange diese unbezahlte Haus- und Familienarbeit Frauensache ist.

 

Und auch das wird sich niemals ändern, wenn es nicht für Mütter und Väter, für Eltern selbstverständlich wird, die Arbeit, die Verantwortung, aber auch die Freude zu teilen und zwar vom ersten Tag an. Aus diesem Grund ist klar, dass zwei Wochen Vaterschaftsurlaub nicht ausreichen. Eine echte Elternzeit würde hier Abhilfe schaffen: Sie würde gleiche Spiesse auf dem Arbeitsmarkt schaffen, weil Väter auch ausfallen. Und sie verankert gleichzeitig das Recht für alle Eltern, diese intensive, aber auch schöne Zeit richtig mitzuerleben. Die SP Kanton Zürich lancierte am vergangenen Samstag eine Initiative für eine kantonale Elternzeit von je 18 Wochen für Mütter und Väter, ebenfalls berücksichtigt wären Adoptionseltern und gleichgeschlechtliche Elternpaare (die Schreibende ist Präsidentin des Initiativkomitees). Diese Frage kantonal zu regeln, war nicht ganz unumstritten. Rechtlich sollte es möglich sein, zu dieser Überzeugung ist mindestens Kantonsrat Davide Loss, der im Auftrag der SP ein Rechtsgutachten verfasst hat und verschiedene RechtsexpertInnen zur Frage konsultiert hat. Ob man nicht gescheiter auf eine nationale Initiative setzen soll, ist ein anderer, berechtigter Einwand. Verschiedene Gruppen bereiten eine entsprechende Initiative denn auch vor. Es scheint mir aber fahrlässig, die Gelegenheit, die sich durch die vergangenen Kantonsratswahlen ergeben hat, nicht zu nutzen, denn im neuen Kantonsrat sollte mindestens ein substanzieller Gegenvorschlag eine echte Chance haben. Die Mutterschaftsversicherung wurde 1945 in die Verfassung geschrieben, erst 2005 wurde sie, dank einem Kompromiss der damaligen Nationalrätin Jacqueline Fehr mit dem damaligen Gewerbeverbandsdirektor Pierre Triponez, Realität. Wieder fünfzig Jahre auf die Realisierung zu warten, ist keine Option mehr. Denn die Frauen sind zwar tüchtig, aber auch müde und ungeduldig geworden. Das zeigte sich auch beim Unterschriftensammeln am vergangenen Samstag, wo in drei Stunden schon fast die Hälfte aller benötigten Unterschriften gesammelt werden konnten. Die Zeit ist reif für Elternzeit.

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