Tschau Heinz

Wird das Leben einfacher, wenn niemand mehr die Miseren des Zeitgeistes besingt? Ist eine Trennung leichter zu ertragen, wenn dauernd von Depressionen die Rede ist? Ignorieren geht über studieren – behaupten «Heinz de Specht».

 

Wenigstens einen Überlebenstipp haben die drei Heinzen zum Abschied auf Lager: Alles einfach ignorieren. Vor allem Tatsachen. Also ignorieren wir, dass sie mit «Tribute to Heinz de Specht» ihr letztes Bühnenprogramm spielen. Genauso, wie es Roman Riklin mit seinem Bauch tut. Genauso, wie es Christian Weiss mit der Evolution tut. Genauso, wie es Daniel Schaub mit Fluchtursachen tut. Also: I G N O R I E R ! Wären wir statt eines Publikums aus Fleisch und Blut doch wenigstens eine Errungenschaft des Fortschritts. Ein Staubsaugerroboter zum Beispiel. Dann wären wir statt im Theater auf grosser Entdeckungsreise und hätten es – neben der Befriedigung der Abenteuerlust – auch in der Hand, die drei Heinzen von ihrer Absicht, einen Schlussstrich unter vierzehn Jahre Triodasein zu ziehen, abzubringen. Einfach brav heimkehren und sie müssten contre cœur munter weiter drauflos sinnieren, fabulieren, musizieren. Sie habens versprochen. Öffentlich. Aber es hilft nichts. Hinsichtlich der Schmälerung eines aufrichtigen Bedauerns ist ignorieren einfach das falsche Mittel. Also wütend werden! Genau. Denn sogar der letzte praktische Lebensrat von «Heinz de Specht» hat sich – wie gerade ausgeführt – als völlig untauglich herausgestellt. So wären dann sie selber die Arschlöcher, die sie inbrünstig als fehlbesetzte Weltenlenker besingen. Aber dann wäre das jahrelange Hinpilgern zu ihrem Programm ja das Verkehrteste ever gewesen und grad jetzt beim Abschied müsste zur schmerzlichsten Waffe der Gegenwehr gegriffen werden: Eine lange Liste von Sanktionen, funktioniert in der Weltpolitik ja auch prima, und im Extremfall dann halt doch den Boykott. Also drohen! Sie wären bis zu ihrem allerallerletzten Konzert am 2. Juni 19 im Casinotheater dermassen entkräftet, dass sie die Konventionalstrafe wegen des ausgefallenen Auftrittes zur Realisierung eines weiteren Programms zwänge. Oder wir ziehen alle freiwillig nach Wipkingen, dann würden die dorthin gespülten Gentrifizierungsopfer – Ausnahme der St. Galler – noch weiter ins Juhee hinaus gedrängt, was voraussichtlich Vereinsamungstendenzen hervorriefe und sie aus barer Kontaktarmut bettelten, zurück auf die Bühne im Kreis Eins zu dürfen. Einfach irgend etwas ganz Fieses. Die Verweigerung der Standing ovation, geschenkt. Die Verweigerung des Re­frainmitsingens, geschenkt. Die Verweigerung, für den Premierenkuchen mit Ablaufdatum von vor sieben Jahren höchstbietend zu ersteigern, geschenkt. Scheint irgendwie alles recht einfallslos, hilflos, ziellos. Also bleibt zum Schluss doch nur das sich damit Abfinden, dass es das war mit «Heinz de Specht»? Nie wieder einen abendfüllenden Reigen sinnentleerter Fragen am Laufmeter zu guter Musik zu hören? Nie mehr beobachten, wie die auch langsam älter werdenden Herren eine dem Jugendfotoalbum entnommene Posiervorlage nur mit Ach und Krach nachzustellen vermögen? Kaum je wieder lustvoll vorexerziert erhalten, dass das dem Rat des Psychiaters zuwiderhandeln die zielführendste aller Problemlösungen darstellt? Also im Endeffekt die Einsicht erlangen, dass all das Grübeln, Aufregen und Hintersinnen von Anfang an eine Schnapsidee war, und einfach weiterwerkeln? Ohne Input von aussen, ohne verquere Gedankengänge, die schon auf ihrem Weg zur Auflösung das Zwerchfell strapazieren, ohne das geringste Eingeständnis von Emotionen – denn was die drei Heinzen so als Synonym für Mann können (und damit noch ihr Auskommen bestreiten), kann ein emanzipiertes Publikum schon lange. Wir kaufen einen Fernseher, ein Feinrippunterhemd und Büchsenbier – und schmollen. Ätsch!

 

«Tribute to Heinz de Specht (Abschiedstour)»,
bis 8.12., Theater am Hechtplatz, Zürich.

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