Transformation

Für einen kurzen Moment habe ich darüber nachgedacht, etwas völlig Apolitisches zu schreiben. Zum Beispiel über die besten Biere lokaler Brauereien, wo man in der Umgebung am besten wandern kann oder welche Musikalben der letzten paar Monate mich am meisten überzeugt haben. Das hätte mir sicher gutgetan – mal nicht alles reflektieren zu müssen. Und für eine so politische Zeitung wie das P.S. und deren LeserInnen hätte das eine wohlverdiente Verschnaufpause bedeutet. Das wäre wirklich schön gewesen. Doch am Schluss wäre ich sicher wieder über Umwege bei der Gentrifizierung gelandet oder hätte mich mit Geschlechterrollen auseinandergesetzt. Schliesslich kommen wir heutzutage dank verstärkter Sensibilisierung gar nicht mehr um solche Fragestellungen herum. Oder um es im Sinne der Frauenbewegung der 70er-Jahre zu sagen: «Das Private ist politisch».

 

Deshalb komme ich direkt zum Kern dieser Wortansammlung: Klimawandel. Was hat uns dieses Thema die letzten Monate nicht beschäftigt. Die Strasse haben wir zusammen mit der Klimajugend vereinnahmt – oder auch nicht, je nachdem wie wir uns dazu positionierten. Schreckensmeldungen schlugen jeden Tag auf uns ein: Artensterben, Schmelzen der Eiskappen, Gefahr eines sich selbstverstärkenden Klimawandels. Zugleich ganz viel Verweigerung, die Situation anzuerkennen. Mehrheitlich von rechten Politikern, deren Namen nicht genannt werden müssen, da austauschbar. Und vor allem ganz viel Schweiss in den letzten Wochen: Am Haaransatz, am Rücken, zwischen den Knie- und Ellenbogenbeugen, unter den Achseln, an den Füssen. Schweiss an Orten, von denen man nicht wusste, dass der Körper dort Flüssigkeit absondert. Ich schweiss nicht mehr, wie ich damit umgehen kann. Das ist einfach ein riesengrosser Schweiss. Sie sehen, worauf ich hinaus will.

 

Doch das Thema ist eigentlich nicht zum Lachen, sondern stellt eine immense Gefahr für das Fortbestehen des Lebens auf unserem Planeten dar. Das ist allen klar. Doch bedeutet es nicht auch eine klitzekleine Chance? Mit Chance meine ich das Transformieren unseres Wirtschaftssystems, das 2007 de facto von uns gegangen ist. Denn sehen wir kurz der Wahrheit ins Auge: Dass der Kapitalismus eine immense Vermögensungleichheit geschaffen hat, dass der globale Süden ausgebeutet wird, dass an unserer Natur Raubschatz betrieben wird, dass Medikamente, Wohnungen, Essen etc. aufgrund von Marktmechanismen den Bedürftigen nicht zugutekommen, hat noch niemanden davon abgehalten, unser Wirtschaftssystem als das einzige Funktionierende anzupreisen. TINA: There is no alternative, wie es Margaret Thatcher Ende der 80er-Jahre so treffend zusammenfasste.

 

Dass der Kapitalismus eigentlich auch nicht funktioniert, zumindest für einen grossen Teil der Weltbevölkerung nicht, haben wir im Westen meistens geflissentlich übersehen. Denn nicht funktionieren hiess Totalitarismus, hiess Mao oder Stalin, hiess Gulag. Nicht funktionieren hiess weltfremde Ideologie, wozu der Kapitalismus nicht gehört, da dieser in den Augen vieler keine Ideologie darstellt, sondern Realität. Von einem Versagen des Systems hätten wir wohl erst bei einer Hungersnot gesprochen – und zwar bei uns, und nicht den anderen.
Diesen Vorteil hat sich der Kapitalismus aber nun verspielt. Denn mit keinem Thema wird dem Kapitalismus drastischer seine eigenen Grenzen vorgeführt als mit dem Klimawandel. Konnte man Einwände gegen unser Wirtschaftssystem früher noch damit kontern, dass die Gegenargumente einzig auf Naivität oder einem fehlgeleiteten Gerechtigkeitssinn beruhen, können heute knallharte Fakten beigezogen werden, die eines belegen: Stetes Wachstum, auf dem unser System basiert, geht nicht auf. Der Planet hat seine Grenzen erreicht. Die Klimaerwärmung ist eine direkte Folge einer Maxime der Profitsteigerung.

 

Oder um es besonderes zynisch auszudrücken: Menschen, die ausgebeutet werden können, rücken immer wieder nach. Hier besteht also keine Gefahr für das System. Aber Planeten haben wir nur einen und die Ressourcen sind begrenzt, wobei wir die Grenze gerade jetzt am eigenen Leibe spüren. Dies kann auch ein sehr anpassungsfähiger Kapitalismus nicht überstehen.

 

Doch so schön, wie wir es uns vorgaukelten, war unser System eh nie: Eine 42-Stunden-Arbeitswoche, nur um diese in Büros bei Facebook untätig abzusitzen. Nicht weil wir faul sind, sondern die Arbeit viel produktiver organisiert werden könnte. Oder gerade das Gegenteil: Sich für einen viel zu tiefen Lohn kaputt zu arbeiten. Dazu stetige Reizüberflutung, um noch mehr Sachen zu kaufen. Zu wenig Zeit für die wichtigen Sachen, wie Familie, Betreuung der Kinder und Alten, Freiwilligenarbeit, Selbstverwirklichung. Zu viel Stress. Und das stete schlechte Gewissen für das Elend von Menschen in anderen Regionen der Welt irgendwie verantwortlich zu sein.

 

Die Devise muss deshalb Transformation lauten: Transformation unseres Systems. Transformation der Narrative und Geschichten, die wir uns über uns erzählen. Hin Richtung Gemeinschaft, Richtung Nachhaltigkeit. Richtung Gelassenheit und sogar Faulheit. Weg von gutgemeintem, aber zerstörerischem Übereifer.

 

Viele Leute werden sich bei solchen Worten um ihren Lifestyle, ihr gutes Leben fürchten. Doch auch die Idee eines guten Lebens ist transformierbar und immer an die kulturellen und historischen Gegebenheiten gebunden. Wie Ulrich Brand und Markus Wissen in ihrem wichtigen Buch «Imperiale Lebensweise» schreiben, basiert im Westen heutzutage die Idee des guten Lebens auf FFP: Fliegen, Fleisch, billige polnische Pflegekraft. In ihrem Buch sprechen die beiden Autoren dann aber nicht von notwendigem Verzicht, sondern verwenden absichtlich das Wort Ersatz. Ersatz der derzeitigen Vorstellung eines guten Lebens durch eine nachhaltigere Vision: Weniger Konsum, weniger Arbeit, mehr Erfüllung in der Freizeit, in Solidarität und selbstbestimmten Projekten. Ich halte dies für den richtigen Ansatz: Der Wandel kann nicht innerhalb des Systems erfolgen, sondern muss eine schrittweise Veränderung der Werte sowie der politischen und ökonomischen Strukturen beinhalten. Sollten wir das hinkriegen, kann ich endlich wieder ohne schlechtes Gewissen über banale Themen schreiben: Zum Beispiel, wo es die schönsten Brunnen in Zürich gibt.

 

Milad Al-Rafu

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