Starke Frauen

Die ewiggleiche Kritik des fehlenden Feinschliffs an Dramaturgie und Drehbuch wäre hiermit erwähnt, also kann sich die Aufmerksamkeit jetzt auf die Bachelor-Abschluss-Filme 2018 an der ZHdK richten. Vier der sieben gezeigten haben was und sie sind alle von Frauen realisiert.

 

 

Geht doch! «Echo» von Jelena Pavlovic hat einen dramaturgischen Bogen, der in sich stimmt, die Filmhandlung ist ohne jegliche Vorkenntnisse komplett nachvollziehbar und schlüssig und es blieben nach dem Abspann auch nicht mehr Fragen zurück, als der Film überhaupt stellen wollte. Eine junge Frau ist auf dem Absprung in die grosse, weite Welt. Die letzten zehn Minuten, bis ihr Regionalbus fährt, verbringt sie in einem Tagtraum. In einem unwirtlichen und endlos verzweigten, verlassenen Industrieareal wird sie von einem Countdown, der über Leben und Tod zu entscheiden scheint, gehetzt, die ominöse ältere Dame, die ihr davonspringt, wie ein junges Reh endlich einzuholen. Die Albtraumsequenz ist hoch stilisiert gekünstelt, voller Spannung, assoziativ sprunghaft also traumhaft unlogisch und dennoch vollständig entzifferbar. Ihr Wettlauf entspricht dem Ringen der gegenläufigen Argumente in einer solch existenziellen Entscheidung, die ihre Verunsicherung auch behält, wenn ein Entschluss einmal gefällt ist (Kamera: Natascha Vavrina).

 

Natascha Vavrina schliesst als Regiestudierende mit «Mach keis Fass uf» ab. Zwei junge erwachsene Brüder trauen sich nicht, ihre Träume zu realisieren. Vor einem Jahr sind ihre Eltern tödlich verunglückt und das Elternhaus hängt dem Älteren als Verpflichtung wie ein Mühlstein um den Hals. Der Jüngere ist draufgängerischer, aber sein kontinuierliches Anecken, nicht nur gegenüber Autoritäten, ist genauso wie das sich buchstäblich im Schneckenhaus verkriechen des Bruders einzig Ausdruck eines Nichtzurechtkommens. Durch die Verkehrung der filmisch klug aufgebauten Suggestion, der eine wäre lebenstauglicher als der andere, mittels finalem Befreiungsschlag, der einen als Zuschauer auch auf eigens vorhandenes Schubladendenken aufmerksam macht, flicht die Regisseurin zum augenscheinlich gekonnten Handwerk auch noch einen Twist auf einer Metaebene ein, was nur noch raffiniert als Gesamteindruck zulässt.

 

«Elephant in the Room» von Chanelle Eidenbenz ist den beiden erwähnten Filmen gegenüber sehr stromlinienförmig erzählt, aber die Herausforderung für den Filmsohn ist auch nicht von schlechten Eltern. Die Mutter hat sich in eine – vermutlich pathologisch benennbare – Anderswelt verabschiedet, in der ihr eine männliche Gummipuppe der beste Freund, Mann und Vertrauter geworden ist. Der Einflussbreich der Puppe weitet sich auf bedrohliche Weise bis weit ins öffentliche Leben der Familie hinaus aus, womit der Sohn vor der Entscheidung steht, sich ebenfalls abzukapseln und die Mutter Mutter sein zu lassen oder sich ein Herz zu fassen und sie (eher mit dem Holzhammer als feinfühlig) vor dem ultimativen Ausweg einer Einlieferung zu bewahren. Die Umkehr der Erziehungsgewalt ist innerhalb der diesjährig dominierenden inhaltlichen Thematik der Abnabelung eine klug übers Eck gedachte Variation (Kamera: Pascal Reinmann, Masterabschluss).

 

Mehr Fragen als Antworten

Der zweite Masterabschliessende Kameramann, Ramón Königshausen, verleiht Luisa Ricas «Alles Easy» die Unmittelbarkeit, mitten im Partyleben einer jungen Frau zu stehen. Sound, Drogen, Sex und Unverbindlichkeit. Die Zäsur kommt einigermassen unverhofft zustande und im Augenblick, in dem der zentrale Konflikt im Film aufgebaut und manifest geworden ist, bricht der Film recht unvermittelt ab und eine spürbare Irritation in Richtung «was jetzt?» macht sich in den Köpfen der Zuschauenden breit. Formal aber eine treffliche Filmübersetzung eines Lebensgefühls, das sich um Konsequenzen nicht schert, bis es sich in einem ganzen Netz davon verheddert hat. Rein formal ‹eis id Frässe›.

 

Gianni Keller erzählt in «Idiotikon», ein Titel, der sich im Nachhinein als kongenial herausstellt, wie zwei Stammtischfreunde gemeinsam in ein norditalienisches Dorf fahren. Der eine drängt, der andere lässt sich drängen. Dort angekommen kehren sie quasi auf dem Absatz wieder. Wohin genau irgend eine Aussage oder die zu eruierende Fragestellung tendieren könnte, bleibt das Geheimnis des Regisseurs. Auch wenn längst nicht alles bis ins hinterletzte ausformuliert werden muss, hier hats einen missing link zuviel. Über «Riese Mama» von Sarah Ratgeb und «Fragmente eines Abschieds» von Michael Karrer kann man dies zuletzt behaupten. Beinahe schon aufdringlich übersetzen beide eine Betroffenheit gegenüber einer Sprachlosigkeit innerhalb der Familienbande in Film (Verkündung einer Schwangerschaft versus letztem Gang zum Abschied eines Verstorbenen) um und schaffen es leider beide nicht, ihre aufgeworfenen, grundsätzlich existenziellen Fragestellungen ihrer Filme mittels einer analytischen Distanz in eine nachvollziehbare Stringenz zu überführen.

 

 

«ZHdK-Diplomfilme 2018», www.filmstudieren.ch

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