Staatskunst

Wenn die Obrigkeit dirigiert, was Kunst ist und was nicht, wirds eng für die Fantasie. Also gilts dagegenzuhalten.

Der ungarischen Gruppe «Hodworks» glückt mit «Mirage» ein heftiger, schmerzlicher Bühnenkommentar darüber, wies ausschaut, wenn sich Demokratien ungehindert von ihren Idealen verabschieden – und ihre Vorstellung von richtig und falsch über Jahre klammheimlich, aber konsequent auf immer weitere zivilgesellschaftliche Belange anwenden. Auf beinahe zwei Stunden zerdehnen sie ihre beabsichtigt ungelenke Nachäffung des Resterlaubten – also des ‹Wahren› und ‹Schönen› – und würzen es mit reichlich Galgenhumor. Tierchendarstellung geht, heroische Geschichtsepen, Folklore und Frauen – solang sie nackt sind und der Ergeiferung dienen. Dass es letztlich dermassen bösartig herauskommt, ist in den Anfängen nicht erahnbar. Die TänzerInnen – vier Männer und zwei Frauen – üben den Ausbruch aus einem imaginären Korsett, das sie in entrückten Haltungen festhält und ganz augenscheinlich in ihrer freien Entfaltung behindert. Aber zum «Staatskünstler» gehört auch, dass der Mensch und seine Bedürfnisse hinter dem Unterhaltungsarbeiter im Dienste der Volkserbauung nichts gilt. Via eine Überleitung ins Ekelfach, der sarkastisch untermalten Versinnbildlichung der gängigsten Vorwürfe gegenüber ungebührlicher Kunst, finden sie zuletzt zur jetzt statthaften Auseinandersetzung mit Tanz. Jetzt könnts lustig werden, wenns nicht dermassen traurig wäre. Ein halbes Dutzend ausgebildeter Profis mit einem schier unermesslichen Fundus an Bewegungssprache und einem entsprechenden Ideenreichtum verbiegt sich – ein augenscheinlich schmerzhafter Prozess –, um trotz der Enge der Restmöglichkeiten ihren Beruf weiter ausüben zu dürfen. Castagnetten schwingen, griechische Statue mimen und sich nackig machen und für ein Zubrot im Séparé empfehlen ist alles noch möglich. Welch ein Reichtum! Jetzt freut euch doch ihr undankbares Gesindel! Freundliche Grüsse aus Ungarn haben derzeit ein schmerzverzerrtes Antlitz. froh.

 

«Mirage», 1.10., Fabriktheater, Zürich.

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