Spitalstrategie

Ich war in meinem ganzen Leben noch nie länger als einen halben Tag im Spital, also «ambulant». Soeben hab ich «stationär» nachgeholt. Zwei Wochen im Unispital sind, nun ja, sagen wir mal: äusserst lehrreich.

 

Das Hauptgebäude ist zwar wirklich schön, aber am Ende der Lebensdauer und sowas von unpraktisch. Man sollte es abreissen und durch etwas ersetzen, das auch schön ist – Wir schaffen das! –, aber zudem funktional. Es muss für die PatientInnen funktionieren, aber vor allem fürs Personal, denn darum geht es. Ich verstehe wirklich nicht, warum man dem Denkmalschutz auch nur einen Hauch Mitspracherecht gibt – der sollte einfach mal ein paar Tage hier Bettpfannen leeren, und die Sache sähe wohl anders aus. Ein Land, das sich solche Blinddärme wie den Denkmalschutz leistet, ist krank. Genauer: Meinetwegen soll er sich für alte Villen in schönen Parks einsetzen, aber doch nicht für Funktionalbauten!

 

Zweitens: Das Personal. Hier ist die Diagnose sowas von klar: Es arbeitet am Limit. In der Regel drüber. Hektik, Stress, Überstunden, Überbelastung, und danach das Ganze wieder von vorne. Und dabei immer geduldig, empathisch und nett bleiben. Aber keine, die ich darauf anspreche, ist zufrieden mit der Lage (es sind, natürlich, fast alles Frauen). Ich wünsche wirklich von ganzem Herzen allen Bürgerlichen, die – nicht nur bei den Stadtspitälern – dauernd vom Sparen reden, einfach mal einen saftigen geplatzten Blinddarm. Dann dürfen sie da am Tropf liegen, warten, bis die Pflegerin aufs Läuten reagiert, und zusehen, wie sie, nach getaner Arbeit wieder losrennt, wobei ihr Pager schon vorher bereits ein halbes Dutzend Mal gesummt hat und ihre Bewegungen zunehmend leicht hektischer wurden. Wir reden dabei nur von den allerwichtigsten Verrichtungen wie Wundpflege, Vitalfunktionen aufnehmen oder Spritzen setzen. Wir reden nicht von Hilfe beim Duschen – machen Sie das mal zu Hause übungshalber verkabelt mit einem Infusionsständer als Begleiter, aber legen Sie sich vorher noch ein paar Drainagen, sonst ist das zu leicht –, noch beim Ankleiden, und schon gar nicht reden wir von weiteren, eigentlich äusserst wichtigen Tätigkeiten, wie etwa dem Gespräch mit den in der Regel verunsicherten und verängstigten Patient­Innen, die der ganzen riesigen Maschinerie ausgesetzt sind und eigentlich sowas wie eine Übersetzungshilfe benötigen, um nicht völlig als reine Objekte unterzugehen. Was ich alleine in den paar wenigen Tagen an verkorksten Kommunikationssituationen erlebt habe, geht auf keine Kuhhaut: Von der «instant» Operationseinwilligung in einer Minute bis zu pflegerischen Entscheiden in drei Minuten mit Konsequenzen allenfalls fürs ganze Leben – der reinste Wahnsinn. Der reinste Normalfall hier.

 

Es bräuchte dringend viel mehr Personal. Qualifiziertes Personal. Was wiederum davon abhängt, wie viel Zeit man in die Ausbildung investieren kann. Wir müssen zudem dringend aufhören, betriebswirtschaftliche Kriterien in der Spitalpolitik anzuwenden. Auch mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich sehe, welche Materialschlachten hier geliefert werden, wie viel Plastik verschleudert, wie viel Einwegbesteck aus Metall weggeworfen wird. Aber das hat nun mal seine (Hygiene-)Gründe, und genau solche Kriterien bestimmen das Leben hier: Gesundheit wiederherstellen, Lebensqualität für PatientInnen aufbauen, Arbeitsplatzqualität erhalten. Das kostet. Soll es auch.

 

Ach ja, und Betten hat es hier übrigens viel zu wenig. Das heisst, bei den Privatpatienten soll es Leerstände haben, hört man…

nach oben »»»