So gesehen, ergibts Sinn

Statt die Faust im Sack zu ballen, ermöglichte eine (natürlich streng wissenschaftliche) Andersbetrachtung der Ursprünge von Alltagsärgernissen sogar, das eigene Gemüt zu erhellen. Patti Basler hat die Anleitung dazu.

 

Kein Wunder, ist Patti Basler nicht mehr Lehrerin. Beide Lektionen in «Nachsitzen. Aus Gründen» überzieht sie heillos. Und wertneutrale Wissensvermittlung ist ihr Ding auch nicht gerade. Dafür ist sie die personifizierte Geduld und verfügt über sehr raffinierte didaktische Tricks. Zuerst zusammenfassen, worums geht, dann zwei Stunden lang ausschweifen und zuletzt nochmals zusammenfassen, was war. Schliesslich tendiert heute auch das intelligenteste Publikum zur Bequemlichkeit alias Denkfaulheit. Dieser rückt sie anhand zahlloser aktueller Beispiele aus dem öffentlichen Leben auf die Pelle. Für die Grundvoraussetzung schwört sie ihr Publikum darauf ein, anzuerkennen, dass wir alle «Sklaven unserer Gene» sind. Also sie selbst nicht. Sie ist ein alter, weisser Mann im falschen Körper oder wahlweise ein Aargauer Apéro alias alte Zwetschge im Speckmantel. Also eigentlich niemand. Aber für diese Erläuterung muss sie ein wenig ausholen und verwendet dazu die Mittel der Logik. Denn wenn das Wissen in den Zellen hockte, müsste sie selbst hochbegabt sein, was ihr aber in ihrem bisherigen Leben sicherlich aufgefallen wäre. Es gibt aber sehr wohl steinzeitliche Prädispositonen, die sich auch noch nach Geschlecht aufteilen lassen. Wie die rot-grün-Farbblindheit, die hauptsächlich Männer trifft – und Chantal Galladé. Bei ihrem Vorzeigenachbar Bösiger, geschlagen mit der Hauptsorge um das ungebremste Fortkommen der Tochter Shanaia Chanel, führt diese Anlage jedoch noch weiter. Vor lauter eifersüchtigem Starren auf das Grün von ennet der Reuss, wo es natürlich noch grüner ist, als vor der eigenen Haustür, hat sich die Farbblindheit seines gesamten Farbspektrums bemächtigt und jetzt sieht er nur noch schwarz/weiss. Im Zusammenhang mit Migration und so, zeitigt das keine sonderlichen Probleme, aber im Kleinen plagen ihn schon Widersprüche. Etwa, wenn er grosser Fan von Sven Epiney ist und lieber mit Eichel und Schelle spielt als mit Herz und Kreuz, fühlt er sich des öftern ungefragt zum Bekenntnis genötigt, deswegen aber noch lange nicht schwul zu sein. Womit der Freipass zur weitreichenden Sphäre unter der Gürtellinie für die Kabarettistin und ihren Klavierbegleiter Philippe Kuhn offen steht. Wichtigste Lektion: Ein Cervelat ist keine externe Festplatte. Selbst wenn der Begriff ursprünglich von Cerebellum abgeleitet wurde, was Kleinhirn meint, wo allerlei Steuerung für die Feinabstimmung hockt. Also ist ein grobschlächtiger Formenvergleich erwiesenermassen falsch, selbst wenn es die Herren gern so sähen. Aber das rührt vom Irrglauben her, Frauen litten unter einem Penisneid, wo es sich in Tat und Wahrheit doch ein Neid um den höheren Lohn handelt. Also müssen sie doppelt so viel arbeiten und wenn das Thema schon da ist, sind Doppelbesteuerungsabkommen und duales Bildungssystem gleich wieder auf dem Tapet, womit sich der Abend wieder auf seine Kernkompetenz zurückbesinnt: Das Vermitteln von Wissen. Weil: Der Bedarf ist gross. Grad im Erwachsenenalter. Wie das Politik undWirtschaftt kontinuierlich beweisen. Patti Basler rät zur Besinnung, wo Hysterie herrscht. Aufklärung im Kindergarten aber hält sie für verfrüht, den Dreikäsehochs traut sie einfach noch nicht zu, den Caterianischen Dualismus begreifen zu können. Erfasst: Patti Baslers Kabarett besteht zu einem grossen Teil darin, links anzeigen und dann doch rechts vorbeidribbeln. Sie lockt also das Denkvermögen durchaus auf die Fährte Faulheit und überrascht dann die eigene Bequemlichkeit, sich dem Vorurteil noch so gerne hinzugeben (was niemand gerne zugibt), mit einer vollends neuen Perspektive aufs Ganze.

 

«Nachsitzen. Aus Gründen», 6.10., Casinotheater, Winterthur. Tourdaten: pattibasler.ch

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