Silber oder Blei

Luz Piedad Caicedo ist eine kolumbianische Anthropologin und untersucht in ihren Forschungen die Auswirkungen des Kokainhandels auf die Menschen in Kolumbien. Im Rahmen einer Veranstaltung von SWISSAID besprach sie ihre Befunde auch in Zürich.

 

 

Leonie Staubli

 

 

 

Bewusster Konsum, Bio und Fair Trade sind im Trend, auch in Zürich, und das betrifft immer mehr Bereiche des Lebens. Etwas ist davon allerdings klar ausgeschlossen: der Konsum von Drogen. Der vor wenigen Monaten erschienene Zürcher Kokain-Report der WOZ-Journalisten Daniel Ryser und Olivier Würgler zeigt gezielt auf, dass die Einnahme von Kokain für viele ZürcherInnen eine alltägliche Realität ist. Woher der Stoff kommt und was von Produktion über Handel bis Konsum damit geschieht, darüber haben VerbraucherInnen jedoch keine Kontrolle. Um darüber zu sprechen und zu untersuchen, welche Auswirkungen der Zürcher Markt im globalen Kontext hat, veranstaltete SWISSAID Zürich am Donnerstagabend ein Podium, zu dem auch die kolumbianische An-thropologin und Menschenrechtsaktivistin Luz Piedad Caicedo eingeladen war.

 

Caicedos Team konzentriert sich in seiner Arbeit hauptsächlich auf die Auswirkungen des Kokain-Marktes auf das Leben und die Arbeit der kolumbianischen Frauen. Warum? «Wir haben festgestellt, dass die Situation sich verändert hat», sagt Caicedo. Seit den 1990er-Jahren ist der Anteil an Frauen in den Gefängnissen stark angestiegen und es wurden mehr Frauen inhaftiert als Männer – die meisten davon wegen des Handels mit Kokain. Der Konsum von Kokain ist in Kolumbien legal, die Produktion und der Handel allerdings nicht. Die Kartelle halten die Macht darüber und heuern Menschen für den Verkauf an – seit den 90er-Jahren besonders Frauen in Notsituationen. Wie viele, das weiss niemand. Klar ist nur, dass unter diesem System halbe Städte und ganze Dörfer und Provinzen leiden.

 

Ein Teufelskreis

Was diese Frauen in den Kokainhandel treibt, ist die Armut. Häufig sind sie gefangen in festen Familienstrukturen, haben darum keine oder bloss eine schlechte Ausbildung und übernehmen als einzige Verantwortung dafür, dass ihre Kinder zu essen bekommen – was unter anderem mit dem lateinamerikanischen Machismo zu tun hat, der dafür sorgt, dass Frauen den Grossteil der Arbeit übernehmen und Männer sich nicht gross zu kümmern brauchen. Gute Jobs gibt es für Frauen in solchen Situationen kaum, denn Kolumbien ist ein riesiges Land mit teils unzugänglichen Gebieten, in denen die Drogenkartelle die einzigen Arbeitgeber sind. Und selbst wenn jemand eine andere Arbeit finden sollte, bekäme sie dafür bei weitem nicht so viel wie im Kokainhandel. Umgerechnet sechs Franken verdient eine Frau in Kolumbien durchschnittlich pro Tag – mit dem Verkauf von Kokain sind es 33. «Ich habe eine gute Ausbildung, und sogar ich würde mit dem Handel mehr verdienen, als ich es jetzt tue», sagt Caicedo. Zudem wissen viele Frauen gar nicht, dass der Verkauf von Kokain illegal ist, weil die Produktion so selbstverständlich ist. Für viele scheint es der einzige Ausweg aus der Armut zu sein, und an mögliche Konsequenzen denken nur die wenigsten.

 

So geraten viele Frauen ins Gefängnis. Für die Polizisten ist es einfacher, die einzelnen Händlerinnen zu verhaften, als ganze Drogenkartelle zu zerschlagen. Denn wie in vielen Ländern, die von Korruption geprägt sind, gilt der Grundsatz «plata o plomo», Silber oder Blei – sprich, man hat nur die Wahl zwischen dem Geld in der Hand und der Kugel im Kopf. Währenddessen landen die Kinder der inhaftierten Frauen auf der Strasse oder bei Verwandten, die bereits zu viele eigene Kinder durchfüttern müssen und bei denen sie nicht willkommen sind, weil schliesslich die verhaftete Mutter an der Situation schuld ist. Diese Kinder werden häufig misshandelt, sind unterernährt, müssen schon früh arbeiten und geraten in den selben Kreislauf. Immer mehr Jugendliche fangen selber an, Kokain zu konsumieren, auch in den Städten. Das macht den Eltern Angst und der Drogenhandel wird zum Sündenbock, der Schuld an allem Leid im Land ist und der nur durch weitere Aufrüstung und Festnahmen bekämpft werden kann. Es ist ein festgefahrenes System – dass eine strukturelle Veränderung nötig ist und dass es andere Lösungen gibt als Gewalt, muss den meisten Menschen erst noch klar werden.

 

Legalisierung als Lösung

Deshalb setzen Caicedo und ihr Team auf Aufklärung. Nebst Diskussionen in anderen Ländern, wie diese Woche in Zürich, halten sie Interviews mit inhaftierten Frauen und organisieren Treffen und Podien mit Betroffenen und lokalen RegierungsvertreterInnen. Aber das ist natürlich nur ein Anfang. Das einzige, was in Caicedos Augen das Problem endgültig beheben könnte, ist die Legalisierung – und zwar weltweit. Denn solange der Kokainhandel illegal ist, bleiben die Kartelle durch Bestechung und Gewalt an der Macht. Uneinigkeiten können nicht juristisch, sondern nur mit der Waffe geregelt werden, unzählige Menschen werden verhaftet oder umgebracht, es gibt keine Kontrolle über die Qualität, Prävention wie bei Alkohol oder Zigaretten ist unmöglich und die Konsumenten müssen sich verstecken, statt Hilfe zu bekommen. Die Kartelle müssten derweil auf andere, weniger lukrative illegale Geschäfte ausweichen, wie etwa Menschen- und Waffenhandel oder die illegale Ausbeutung von Rohstoffen. Doch mit der Zeit würden sie an Bedeutung verlieren, meint Caicedo. Aber dafür reicht eine Legalisierung in einzelnen Ländern nicht aus, sondern nur die globale, denn wie sie sagt: «Illegalität ist Rentabilität».

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