Selbstherrlich

Das behauptete sich Kümmern um den Fremden entlarvt sich als blosse Krücke für die Selbstverwirklichung.

 

Wie angewurzelt und wortlos steht K. Urbain Guiguemdé in der adrett ausstaffierten Wohnung. Helen (Anna-Katharina Müller) hat ihn auf der Strasse aufgelesen. Ihr Ex Veit (Erich Hufschmid) macht sich Sorgen um ihre Sicherheit. Soweit die Theorie in Eva Rottmanns «Die toten Tiere», das Udo van Ooyen im Kellertheater Winterthur zur Schweizer Erstaufführung bringt. Ob der Fremde irgendwas Unverständliches sagt, sich jemandem von ihnen körperlich zu aufdringlich nähert oder (meist) überhaupt nichts tut. Spielt alles überhaupt keine Rolle. Denn seine Funktion erschöpft sich in seiner Anwesenheit. Das Stück steigert sich dramaturgisch sehr geschickt, auf der Oberfläche beinahe idyllisch harmlos, in eine inhaltlich bissige Anklage gegen das primär der Egozentrik zudienende (sich selber) Vorgaukeln einer altruistischen Absicht. Der namenlose Fremde wird zur Projektionsfläche für ihre insgeheimen Wünsche. Wie ein Spielzeug ist er mal Ersatz für das inexistente Wunschkind, wird um seine Freiheit des besitz-, arbeits- und verpflichtungslosen Daseins beneidet, wird zum feuchten Traum der Sexualtriebe. Aber durch die Anlage einer nicht mehr gelebten Zweierbeziehung inklusive einer abwesenden Dritten – Veits Neuer – dreht sich das Karussell der Möglichkeiten des Missbrauchs in weitere Sphären, die zuletzt darauf hinauslaufen, dass sich die vermeintlich Helfenden auf Kosten des ungefragt zum Hilfsbedürftigen erklärten selber befreien. Beschönigt, finden sie zu sich selbst und getrauen sich, das neue Bewusstsein auszuleben. Weniger freundlich, exerzieren sie an ihrem Objekt sämtliche ihrer niederen Instinkte mit der einzigen Absicht, sich selber gut zu fühlen vor, worin die kolonialistische Selbstüberhöhung noch gar nicht den ärgsten darstellt. Schön herausgearbeitet ist die Diskrepanz zwischen Plan und Wirklichkeit und die Blindheit, diesen Komplex als Problemstellung zu erkennen, gegenüber. froh.

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