Sapere aude!

 

«Bildung ist der einzige Rohstoff der Schweiz». Es gibt wohl keinen Satz, der in der Schweizer Politik häufiger geäussert wird. Völlig unabhängig von der politischen Position. Man müsste daher meinen, er hätte auch Konsequenzen. Die Schweiz wäre mir allerdings bis anhin nicht durch übergrosse Bildungsfreundlichkeit aufgefallen. Zumindest, wenn es um Bildung – und nicht nur um Ausbildung – geht. Natürlich ist das kein reines Schweizer Phänomen.

 

Nirgends auf der Welt – ausser vielleicht in einigen asiatischen Ländern – ist der Streber oder die Streberin beliebt. Alle hätten die Inspiration lieber ohne Transpiration. In der Schweiz kommt dazu: Lieber Praxis als Theorie. Am meisten von einer Sache versteht nicht etwa diejenige, die sich beruflich oder wissenschaftlich mit etwas auseinandergesetzt hat, sondern der gesunde Menschenverstand. Darum können Autofahrer selbstverständlich besser planen als jede Verkehrsplanerin. Am schlimmsten aber, das sind die Geistes- und SozialwissenschaftlerInnen, die sind nicht nur unnütz, seit neustem sind sie auch noch «pseudowissenschaftliche Diktatoren». So meint es jedenfalls der Volkstribun unter grossem Applaus seiner Frauen und Mannen.

 

In der vergangenen Woche organisierten Gymnasien im Kanton Zürich einen Tag der Bildung. Dabei ging es darum, den Wert von Bildung aufzuzeigen und zu debattieren – und natürlich auch gegen die geplanten Sparmassnahmen (die genauen Massnahmen kennt man noch nicht) zu protestieren. Das fanden die Verursacher der Sparmassnahmen – SVP, FDP und CVP – natürlich schlecht. Die neue Bildungsdirektorin, Silvia Steiner (CVP), sagte dazu in einem Interview mit dem ‹Tages-Anzeiger› zwei Sätze, die auf den ersten Blick einleuchtend tönen. Die es aber dann trotzdem nicht sind. Sie findet: «Sparen ist auch eine Chance. Man kann Gewohnheiten hinterfragen. Was brauchen wir noch?» Das ist natürlich richtig. Selbstverständlich soll man Gewohnheiten hinterfragen. Nur mit immer mehr Geld steigt die Qualität nicht zwingend. Vielleicht steigt auch tatsächlich der Druck, Althergebrachtes in Frage zu stellen, wenn ein finanzielles Damoklesschwert über einem hängt. Falsch ist einfach der suggerierte Umkehrschluss: Sparen macht kreativ. Das zeigt sich gleich dort, wo Silvia Steiner vermutlich den Rotstift ansetzen will. Bei den Freifächern: «Zukünftigen Akademikern muss in den Mittelschulen nicht aufgezeigt werden, wie sie ihre Freizeit gestalten können». Auch das erscheint einleuchtend. Sollen die Gymischüler ihre Makrame- und Zumba-Kurse doch selber zahlen. Was gibt es denn überhaupt für Freifächer? Am Literaturgymnasium Rämibühl werden Sprachkurse angeboten in Chinesisch, Englisch, Französisch, Latein, Spanisch und Russisch. Andere Freifächer sind beispielsweise Robotik, Theater oder Philosophie.

 

In den letzten Wochen sind einige Artikel zur Digitalisierung und den Auswirkungen auf die Arbeitswelt erschienen. Eine viel zitierte Studie der Oxford University prognostiziert, dass wegen der Digitalisierung und Automatisierung in den nächsten zwanzig Jahren rund die Hälfte der Jobs in den USA (und wohl auch anderswo) verschwinden und durch Computer ersetzt werden. Ob es so kommen wird oder nicht, wird sich zeigen. Klar ist, dass die Digitalisierung grosse Veränderungen bringen wird. Der MIT-Forscher Erik Brynjolfsson sagte in einem Interview mit der ‹NZZ am Sonntag›, dass jetzt die richtigen Weichen gestellt werden müssen, damit keine sozialen Verwerfungen stattfinden. Die Bildung sei dabei ein wichtiger Punkt: «Wir müssen den Menschen nicht nur Fakten beibringen, denn Maschinen lernen diese sehr gut auswendig, sondern sie lehren, wie sie kreativ sein und ihre sozialen Kompetenzen, Teamarbeit, Führung, Pflege, Überzeugungsarbeit verbessern können.»

 

Die Sparmassnahmen, die ganze politische Diskussion in der Bildung, gehen allerdings in die gänzlich gegenteilige Richtung. Von politischer Seite wie auch von der Wirtschaft wird in erster Linie die Nützlichkeit und Anwendbarkeit von Bildung in den Vordergrund gestellt. Eine Klammerbemerkung zum Lehrplan 21: Es ist immer ein wenig ein Problem bei der Bildungspolitik, dass sich jeder als Experte sieht, weil er oder sie auch mal zur Schule gegangen ist. Das heisst nicht, dass man über den Lehrplan 21 nicht auch kritisch diskutieren soll. Ob Lehrpläne besser würden, wenn sie vom Volk gemacht werden, bezweifle ich allerdings sehr. Das ist auch nichts weiter als gesunder Menschenverstand. Aber vielleicht würde der dann endlich in die Stundentafel aufgenommen.

 

Wichtig ist, so heisst es, ob das, was wir in der Schule lernen, dann auch fürs Leben und für die Wirtschaft nützlich ist. Ob die nötigen Fähigkeiten für den Arbeitsmarkt vermittelt werden. Für den aktuellen Arbeitsmarkt notabene, nicht für den zukünftigen. Dazu gibt es dann auch die immer wieder obligaten, wiederkehrenden Artikel, wo ein Schüler oder eine Schülerin darlegen kann, dass sie in der Schule allerlei Unnützes gelernt hat, aber niemals etwas, das man im richtigen Leben einmal brauchen kann, wie zum Beispiel die Steuererklärung auszufüllen. Obwohl man ja meinen könnte, dass Lesen, Schreiben und Verstehen durchaus zu jenen Fähigkeiten gehören, die einem die Schule vermitteln sollte. Niemand kommt auf die Idee, dass Bildung vielleicht ein Wert für sich darstellen könnte. Und dass es darum keinen Sinn macht, zwischen Nützlichem und Unnützem, Wünschbarem und Notwendigem zu unterscheiden.

 

Ebenso beliebt ist die Forderung, die MINT-Fächer zu stärken, die Mathematik und Naturwissenschaften, die ja im Gegensatz zu den pseudowissenschaftlichen GeisteswissenschaftlerInnen als mangelnde Fachkräfte identifiziert wurden. Grundsätzlich: Nichts gegen die MINT-Fächer. Aber es gibt keinen Grund, sie gegen die anderen Fächer auszuspielen.Dass die GeisteswissenschaftlerInnen und sogar die KunsthochschulabsolventInnen eine geringere Arbeitslosenquote aufweisen als diejenigen aus den MINT-Fächern, ist daher nur eine Klammerbemerkung. Grundsätzlich scheint mir aber manchmal, mangelt es in der Schweiz nicht in erster Linie an Leuten, die rechnen können. Sondern an jenen, die auch denken können.

 

Die digitale Revolution ist momentan auch das Thema des Weltwirtschaftsforums WEF in Davos. Dabei schreibt Klaus Schwab selbst in einem Artikel in der Zeitschrift ‹Foreign Affairs›, dass die Gefahr der vierten industriellen Revolution sei, dass die wachsende Ungleichheit durch die digitalen Umwälzungen noch massiv verschärft würde. Passend dazu ist die Studie der englischen Hilfsorganisation Oxfam am Montag erschienen. Sie besagt, dass die 62 reichsten Menschen zusammen gleich viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschheit, rund 3,5 Milliarden Personen. Die Ursache der wachsenden Kluft sieht Oxfam bei der Steuerpolitik und den Steueroasen, die Reiche bevorteilen und den Entwicklungsländern Geld entziehen. Ob das in Davos auch ein Thema sein wird? Manchmal reicht Theorie allein tatsächlich nicht aus. Es muss auch die Praxis verändert werden.

 

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