Rebellionszwang

Als Pädagogin über 50 und Mutter einer mittlerweile erwachsenen Tochter mache ich mir so meine Sorgen zum gesellschaftlichen Erbe meiner Generation…

 

Als Pädagogin über 50 und Mutter einer mittlerweile erwachsenen Tochter mache ich mir so meine Sorgen zum gesellschaftlichen Erbe meiner Generation…
Als junge Fachlehrerin bekam ich von den Silberrücken im Lehrerzimmer oft zu hören: «Du hast die Klasse halt nicht im Griff». Dass die Jugend zwar rebelliert, man diese Rebellion aber niederschlagen sollte, war nicht zu hinterfragen. Die schwarze Pädagogik, erst gerade frisch überwunden, hallte noch nach. Nach der Befreiung von rigiden Gesellschaftsnormen in den siebziger Jahren erzog der Patriarch nicht mehr mit Gewalt und Gehorsam. Aber er sass noch auf seinem Thron. Selbst im Hippiekostüm ging er noch selbstverständlich davon aus, dass auch in der künftigen, befreiten Gesellschaft einer sagt, wo es langgeht. Also der Vater seinen Kindern, der Aussteiger seiner Kommune, der Pädagoge seinen Zöglingen, der Lehrer seiner Arbeitskollegin, der Guru seiner Gefolgschaft, usw.

Heute ist das anders. Immer öfter begegnet mir das Credo: «Pubertierende müssen rebellieren, das ist ihre erste Pflicht» (und darauf müssen die Eltern oder Lehrpersonen irgendwie reagieren). Fast scheint es, als sei ein Machtvakuum entstanden, in das die Jugendlichen nachgerückt seien, die heute den Erwachsenen zu zeigen scheinen, wo es langgeht: Wann sie mit dem Gamen aufhören und zu Bett gehen, wann sie ein Handy brauchen und was für eine Haarfarbe. Sie bestimmen über ihre Lerntechniken, ihre Möbel, ihr Essen, ihre Laufbahn, … Wir Erwachsenen sind bestenfalls ihre Coaches.

Für diese Selbstständigkeit scheint der Jugend ein Kompass angeboren. Und die Erwachsenen überbieten einander darin, die Insignien der Jugend und ihrer Subkultur zu kopieren. Vorbildliche Erwachsene meistern nicht mehr rechtschaffen langweilig ihr Leben, sondern sie trainieren als ewigjugendliche Alltagsrebellen Muckis, tragen die neuste Mode mit Löchern in den Hosen, suchen das Abenteuer auf dicken Töffs und in entlegenen Ländern und beugen oder brechen, so gut es eben straffrei geht, da und dort die Regeln, weil Anpassung für Bünzlis ist und der Selbstverwirklichung im Weg steht.

Damit ist die jugendliche Rebellionspflicht bereits wieder zum Anachronismus geworden. Sie richtet sich gegen die Rigidität eines moralischen Regimes, die die Elterngeneration eben gerade nicht mehr einfordert. Und obwohl niemand sich eine miefige, beengte patriarchale Vergangenheit zurückwünscht, ist dies kein Grund zum Jubeln. Denn das Machtvakuum war gar keins. Die strukturierende Macht der patriarchalen Ordnung hat sich nicht in Freiheit oder in Nichts aufgelöst, sondern die «Befreiten» wurden einem allumfassenden Markt anheimgestellt, der seine Pole, Koordinaten, Meridiane und Himmelsrichtungen stetig wechselt und die jugendliche Kompassnadel stets dahin zieht, wo der grösste Profit winkt. Er tut dies mit immer neuen Genussversprechen, besonders gerne, indem er die solitären Subjekte mit wohlfühl-«Communities» lockt, oder mit der Aufforderung, den «richtigen», d.h. wirtschaftskonformen Lebensstil zu wählen.
Was kann man sich für Heranwachsende Anstrengenderes, Verloreneres und Beängstigenderes vorstellen, als diese abgrundtiefe Orientierungslosigkeit bei gleichzeitiger Pflicht, stets die Antithese darzustellen? Wo es doch zum Imperativ «Rebelliere!» oder «Wähle selbst!» gar keine Alternative geben kann…

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