Orientierung

Die seit Anfang Jahr verantwortliche Direktorin des Fotomuseums Winterthur, Nadine Wietlisbach, nutzt das Jubiläum zur gross angelegten Reflektion über die Verortung der Institution in der Zukunft.

 

 

Der Spiegel auf dem Deckblatt der Pu­blikation mit dem Untertitel «Fast Forward» zum 25. Jubiläum des Fotomuseums Winterthur ist blind. Ganz im Gegenteil zum Innern, wo Nadine Wietlisbach neben Fragen zur Herkunft und Entwicklung bis heute den Fächer bezüglich der Zukunft sehr weit aufspannt. Weil die Ausstellung auf der hauseigenen Sammlung beruht, wo die Direktorin 25 ausgewählte Gäste ihr Lieblingsstück aussuchen liess und diese je mit einer eigenen Position daraus ergänzt, befassen sich die Fragen zur Zukunft auch im Buch vornehmlich mit dem Sammeln. Die Digitalisierung verändert alles. Ohne physisches Filmnegativ und einer sammel-/ausstellbaren Vergrösserung erweitern sich nicht nur Urheberrechtsfragen in nachgerade philosophisch anmutende Sphären. Auch die reine Feststellung, was jetzt genau das Werk ist, wird noch trickreicher. Stellen FotografInnen ihre Arbeiten à la Open Source zur freien Verfügung oder schaffen mittels Blockchain-Technologie einen sich kontinuierlich vergrössernden Komplex, ist nicht nur das Finden einer zukunftstauglichen Speicherform das Problem. Noch viel früher in den Überlegungen stellt sich eine Definitionsfrage, was jetzt genau das Werk darstellt. Der Binärcode? Ein Datenträger? Ein Link? In mehreren Interviews wird erahnbar, welch komplexen Herausforderungen ein Haus wie das Fotomuseum Winterthur gegenübersteht. Das Lesen wirkt ein wenig, wie wenn man dem Denken Nadine Wietlisbachs in Echtzeit beiwohnen könnte. Die Vorgeschichte mit ihren langjährig prägenden Figuren wie dem Gründungsdirektor Urs Stahel, der die Geschicke des Fotomuseums während zwanzig Jahren lenkte, und dem Sammlungskurator Thomas Seelig, der im Frühling nach fünfzehn Jahren ausschied, erscheint vor den Herausforderungen der Zukunft vergleichsweise einfach fassbar. Nicht zuletzt auch, weil bei diesem ursprünglich wagemutigen Unterfangen das freundschaftlich zugeneigte Mäzenatentum lange gleich direkt im Stiftungsrat sass. Statt sich hingegen mit dem schnöden Mammon allzulange zu beschäftigen (jede institutionelle Sammlung hat immer zu wenig Geld), proträtiert ein gewichtiger Teil der Publikation erfrischenderweise ein allzuoft unterschätztes Kapital: Das Personal.

 

Im Zentrum: Der Mensch
Der Mensch im Mittelpunkt schlägt dann auch die Brücke zur Jubiläumsausstellung. Sie ist nur sehr partiell ein Wiedersehen der häufig erinnerten Ausstellungen der Vergangenheit. Die formale Breite – von der Langzeitreportage über Einzelschauen, Geschichtsaufarbeitung bis zur nur noch indirekt fotografischen Konzeptkunst – spiegelt aber die Arbeit der vergangenen 25 Jahre schön. Auffallend an der Auswahl von Nadine Wietlisbach ist die Dominanz der Frau(en). Als Fotokünstlerin und/oder als Sujet. Der berechtigte Stolz auf das Erreichte wird auch in einem regelrechten Namedropping erkennbar, wofür Valie Exports Strumpfhaltertattoo-Bild als ikonografisches Beispiel genannt sei. Der Körper in Makroaufnahmen, der Mensch als sich selber mit Beton in seiner Freiheit einschränkendes und immer wieder an den Herausforderungen der Entwicklung ge- bis überfordertes Wesen, der Untertan als Spielball eines rigiden Regimes, und seien dies auch die Verlockungen des Kapitalismus, die Faszination für die Ränder und Subkulturen der Gesellschaft, die Überführung einer einfach dechiffrierbaren Symbolik in reine Poesie und die hintersinnige Infragestellung von Moden bis zu menschengemachten Übeln und nicht zuletzt immer wieder das Eingreifen in die Kunst anderer alias Aneignung. All das erinnert an den meist geglückten Balanceakt im Ausstellungsprogramm der vergangenen Jahre, bei dessen Weiterzirkeln der neuen Direktorin nur ein gutes Händchen und Ausdauer gewünscht werden kann. Denn die Vorstellung einer Kunstwelt ohne Fotomuseum Winterthur – wie das mal tatsächlich der Fall war – erscheint einem nach dieser inspirierenden Auseinandersetzung recht surreal. Denn ein Bild sagt noch immer mehr als tausend Worte und wenn dies mit Geschick und Können aufgearbeitet wird, können sich im Idealfall Intellekt wie Emotion gleichermassen beschenkt fühlen. Nur das Hinsehen braucht noch eigenständig vollbracht zu werden – was wiederum das Universum Mensch aus dem Ausstellungsverhältnis als Abhängigkeit von einem Publikum zurück ins Draussen trägt.

 

«25 Jahre! Gemeinsam Geschichte(n) schreiben»,
bis 10.2.19, Fotomuseum, Winterthur. Katalog.

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