Netto Null 2030 – 4 Strategien zur Umsetzung

Netto Null 2030 ist das richtige Ziel, wenn wir den Klimaschutz ernst nehmen. Nun braucht es rasch gezielte Umsetzungsmassnahmen. Wenn wir das schlau anpacken und auch den Handabdruck berücksichtigen, resultiert ein Plus für das globale Klima sowie die lokale Umwelt und Wirtschaft.

 

Bastien Girod

 

Gewisse Kritiker monieren, dass gemäss Wissenschaft Zeit bis 2050 bleibt, um gemäss Abkommen von Paris auf Netto-Null zu kommen. Das ist falsch, denn es ist auch wissenschaftlich erwiesen, dass indus­trielle Länder ihr Kontigent an Treibhausgasemissionen bereits aufgebraucht haben. Das gilt insbesondere auch für die Schweiz und Zürich. Bereits 1897 bewilligte das Zürcher Stadtparlament einen Kredit für den Bau des damls grössten Gaswerks in Schlieren. Das Steinkohle arbeitende Gaswerk war damals wohl der grösste Emittent der Schweiz. Die Stadt Zürich hat früh viel fossiles CO2 in die Atmosphäre entlassen, es ist nichts als gerecht, dass wir nun zumindest etwas früher damit aufhören. Doch auch bezüglich Machbarkeit der Pariser Klimaziele ist es entscheidend, dass Zürich vorangeht. Denn die Technologien, die es 2050 global braucht, müssen wir bereits heute testen und weiterentwickeln.
Das Netto-Null-Ziel ist schliesslich ein wichtiger Zusatz zum Ziel der 2000-Watt-Gesellschaft. Die Klimaziele können wir nur einhalten, wenn wir zusätzlich zu bestehenden Suffizienz- und Effizienzbemühungen, rasch die Dekarbonisierung vorantreiben. Damit wir das Netto Null 2030 erreichen sollten vier Strategien verfolgen werden:

 

1. Know-how und Ressourcen mobilisieren
Die Stadt Zürich hat beste Voraussetzungen, das Netto-Null-Ziel früh zu erreichen. Mit der ETH Zürich beschäftigt sich eine global renommierte Hochschule mit genau dieser Herausforderung. Und es gibt zahlreiche Professoren, Doktoranden und Studenten, die mit ihrem Know-how gerne zum Gelingen beitragen. Auch verfügt die Stadt mit der EWZ und Energie360 über eigene Unternehmen mit viel Lösungswissen. Weiter gibt es in der Stadt Zürich zahlreiche Unternehmen und Start-ups, die Lösungen für das Netto-Null-Ziel bis 2030 beitragen können.
Um dieses Wissen zu nutzen, sollte die Stadt rasch einen Netto-Null-Fonds äufnen und eine transparente, kompetente aber auch flexible Organisation aufbauen. Damit der Fonds eine möglichst grosse Hebelwirkung erzielt, müssen Privatwirtschaft und Forschung einbezogen werden. Dabei sind auch Partner aus der Finanzwirtschaft gefragt, denn viele Netto-Null-Technologien lassen sich bereits mit einem langfristigen Kredit wirtschaftlich machen.

 

2. Erprobte Lösungen ausrollen
Eine wichtige Voraussetzung für die Dekarbonisierung ist die Elektrifizierung. Alles, was elektrisch versorgt ist, lässt sich einfach auf erneuerbare Energien umstellen. Hier hat Zürich insbesondere punkto elektrischem Individualverkehr Aufholbedarf. Dass in nordischen Ländern der Anteil elektrischer Fahrzeuge so hoch ist, hängt nicht nur mit den dort bezahlten Subventionen zusammen, sondern auch damit, dass in Städten wie Kopenhagen elektrische Fahrzeuge einfacher einen Parkplatz finden als fossile. Das heisst für Zürich, Parkplätze, welche 2030 noch stehen, sind zu elektrifizieren. Der Umbau zu elektrischen Parkplätzen kann zudem als Anreiz für den Wechsel zur Elektromobilität verwendet werden, indem beispielseiweise die bestgelegenen Parkplätze in Parkhäusern nur für Autos mit Steckdose zur Verfügung stehen.
Sehr rasch lassen sich zudem erprobte Lösungen in der Verwaltung ausrollen. Eine Netto-Null-Verwaltung sollte deshalb ein wichtiges Teilziel sein. Hier können wertvolle Erfahrungen gesammelt werden. Neben Personenwagen und Heizungen sollten auch die Nutzfahrzeuge wie Kehrichtabfuhr-Fahrzeuge elektrifiziert werden. Der Vorteil an der Elektrifizierung des Verkehrs: Damit können auch Luft- und Lärmbelastung stark reduziert werden.

 

Dass bei erprobten Technologien das Ausrollen nicht immer einfach ist, zeigt die Wärmepumpe. 80 Prozent der Erdölheizungen werden immer noch mit Erdölheizungen ersetzt. Dies obwohl – über die ganze Lebensdauer gerechnet – Wärmepumpen meist die günstigere Lösung wären. Die Stadt hat bei privaten bestehenden Bauten zwar keinen direkten Einfluss. Doch über den Netto-Null Fond könnte sie Einfluss nehmen. Zusammen mit den eigenen Energieunternehmen und Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft sollte eine Kommission geschaffen werden, die sich dieser Problematik annimmt. Jeder Stadtzürcher, jede Stadtzürcherin, die ihre Erdölheizung ersetzt, sollte kompetent beraten sein, wie sie damit ihre Emissionen auf null senken kann. Durch eine Begleitung könnten auch wertvolle Erkenntnisse gewonnen werden, um die kantonale und nationale Gesetzgebung effizienter zu gestalten.

 

Notwendige Technologien erproben
Nicht alle Technologien, die wir für netto null brauchen, sind schon erprobt. Hier könnte die Stadt Zürich wertvollste Pionierarbeit leisten, indem sie Pilot- und Demonstrationsprojekte, sowie Nischenmärkte für Netto-Null-Technologien schafft. Die zu erprobenden Technologien lassen sich grob in drei Kategorien teilen:

 

a) Klimaneutrale Treib- und Brennstoffe: Etwas Treibstoff werden wir wohl auch 2030 noch brauchen. Schon nur, weil ein Plug-in- Hybrid mit einem kleinen Verbrennungsmotor ökologisch mehr Sinn macht als eine teslamässig überdimensionierte Batterie. Auch wird es wohl trotz allen Bemühungen 2030 noch einige erdgasbeheizte Gebäude haben. Hierzu sind synthetische und organische Treib- und Brennstoffe weiterzuentwickeln und sicherzustellen, dass deren Umweltbilanz und Wirtschaftlichkeit verbessert wird. Die Aussicht auf diese Lösungen darf aber nicht dazu führen, dass bezüglich Elektrifizierung (z.B. Wärmepumpe) zugewartet wird. Denn die direkte Verwendung von erneuerbarem Strom ist stets ökologischer und meist auch wirtschaftlich die beste Lösung.

 

b) CO2-negative Technologien: Es wird oft davon gesprochen, dass wir global die Treibhausgas-Emissionen auf Null senken müssen. Das ist richtig, aber was ist ein Jahr danach? In allen wissenschaftlichen Szenarien braucht es anschliessend negative Emissionen. Negative Emissionen können entweder mit der Aufforstung oder durch die CO2-Abtrennung und Speicherung erreicht werden. Um die Klimaziele von Paris zu erreichen, braucht es beides. Entsprechende Technologien sollten deshalb erprobt werden. Beispielsweise die Technologie des Zürcher Start-up ‹climeworks›, welche erlaubt CO2 aus der Luft zu holen. Aber auch die CO2-Abtrennung bei Kerichtverbrennungsanlagen sollte geprüft werden.

 

c) Lösungen für Nicht-CO2-Treibhausgase: Eine weitere Kategorie beinhaltet verschiedenste Quellen von Treibhausgasen: von industriellen Gasen über Zement bis zu landwirtschaftlichen Emissionen. Denn das Netto-Null-Ziel betrifft ja nicht nur CO2 aus fossilen Emissionen, sondern alle Treibhausgas-Emissionen. Hier gibt es noch die eine oder andere Nuss zu knacken. Aber an jeder noch so harten Nuss arbeiten weltweit und gerade auch in Zürich, Menschen an Lösungen und sind froh, wenn die Stadt Zürich hier Unterstützung bietet.

 

Fussabdruck mit Handabdruck ergänzen:
Der Fussabdruck ist ein wichtiges Konzept. Er berücksichtigt die Umweltbelastung, die wir hinterlassen. Gleichzeitig ist das Konzept auch etwas deprimierend. Denn es ist fast nicht möglich, ohne Fussabdruck zu leben. Wer sich lange mit seinem Fussabdruck beschäftigt, kommt unweigerlich einmal zum Punkt, wo er sich fragt: Wäre die Welt besser ohne mich? Und ja, der Fuss­abdruck wäre wohl tiefer, wenn es mich und dich nicht gäbe, aber es gibt eben auch noch den Handabdruck. Also das, was wir aktiv mit unserem Händen (und Köpfen) bewirken. Der Fussabdruck der Stadt Zürich beinhaltet auch alle importierten Waren und deren Umweltbelastung. Der Handabdruck berücksichtigt alle Lösungen, welche die Stadt Zürich entwickelt. Wenn das EWZ einen Windpark erstellt, hat es einen positiven Handabdruck. Ebenso, wenn das Zürcher Unternehmen Susi & Partners effizienz- und erneuerbare Energieprojekte finanziert und wenn ‹South Pole› oder ‹my climate› helfen, Wälder aufzuforsten.

 

Das grösste Potenzial zum Schutz des Klimas liegt wohl in den Händen und Köpfen der ZürcherInnen. Sie alle können mit ihrem Handabdruck helfen, das Klima zu schützen. Im Unterschied zum Fussabdruck ist der Handabdruck aber schwieriger zu messen. Noch besteht hier kein anerkannter Standard. Die Entwicklung eines solchen Standards zusammen mit der ETH, den städtischen Unternehmen und punkto Klimaschutz führenden Firmen kann helfen, den Beitrag Zürichs und später auch der Schweiz nochmals deutlich zu erhöhen. Wir können ein Vielfaches zum Klimaschutz beitragen, wenn wir helfen, den Fussabdruck anderer zu reduzieren und klimapositive Lösungen zu schaffen. Dabei verbessern wir erst noch unsere wirtschaftliche Zukunft, denn früher oder später wird die ganze Welt netto null erreichen müssen. Doch nicht nur wir profitieren davon, die Entwicklung und der Export dieser Lösungen erlaubt auch einen Know-how-Transfer, welcher es anderen Städten einfacher macht, das Netto-Null Ziel zu erreichen.

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