Missverständnisse

Dass die Liebe kein angeborener Umstand ist, ist mittlerweile eine Binsenwahrheit. Denken wir nur ans Heiraten. Das war die längste Zeit eine Angelegenheit, die von materiellen Voraussetzungen, gesellschaftlichen Zielen und familiären Traditionen gesteuert wurde. Und so wird das auch heute noch vielerorts gehandhabt – von subtil arrangierten Anbahnungen bis hin zum regelrechten Braut-Verkauf. Selbstverständlich gab es schon immer Liebesgedichte und Minnesänge, und in der christlich geprägten Kultur ist die Liebe zentral. Unsere Popkultur beschwört mit unzähligen Lovesongs die seit dem letzten Jahrhundert angeblich befreite Liebe.

 

«Wie viele Leute hätten niemals geliebt, wenn sie nicht von der Liebe sprechen gehört hätten», schrieb La Rochefoucauld. Zu lieben muss also tradiert und erlernt werden, denn es dient einem gesellschaftlichen Zweck. Welcher dies sein könnte, kann man bei Lacan erahnen, wo ich auch das obige Zitat fand. Er spricht im Zusammenhang mit dem Begehren von einem strukturalen Missverständnis zwischen Mann und Frau, das aber keineswegs einem notwendigen Scheitern gleichzusetzen sei, da gerade «das wirkungsvollste Geniessen … auf den Wegen selbst des Missverständnisses erreicht werden könnte». Und wie? Vermittelst der Liebe! (Dies gilt auch für Liebende gleichen Geschlechts).

 

Heute beschreibt die Soziologin Eva Illouz in «Warum Liebe endet» eine neue «Kultur der Lieblosigkeit», in der selbstoptimierte SexkonsumentInnen auf einem körperfokussierten Liebes- und Sexmarkt berechenbare Leistungen konsumieren. Die altbackene Liebesbindung wird also ersetzt durch distanzierte, warenförmige Nicht-Beziehungen, denen das Schicksalshafte fehlt, da man sie informiert wählt oder eben nicht-wählt.
Diese ‹freie Wahl› ist jedoch eine «imperiale Lebensweise», die sich mit der männlichen sozialen Norm deckt und den (Frauen)körper erneut auf seine Objekthaftigkeit festschreibt. Sie verspricht, jedes Missverständnis auszuschliessen und dem unausweichlichen Unmöglichen zu entkommen. Der Preis dafür heisst Markt-Teilnahme und geldwerte Eingriffe in den Körper – vom Fitnessabo über die Schönheits-OP bis hin zur Geschlechtsumwandlung.

 

In der Jugendzeitschrift ‹Tango› beschreibt eine Jugendliche ihr Unbehagen beim heutigen Aufwachsen zur jungen Frau: «Ich spüre immer stärker, dass ich mich mit meinem sich verändernden Körper nicht identifizieren kann. Je weiblicher mein Körper wird, desto unwohler fühle ich mich darin» usw. Sie möchte mit Weiblichkeit in Ruhe gelassen werden. Wie vielen von uns ging es nicht ebenso! Das heutige Unbehagen führt jedoch nicht mehr zur Auflehnung gegen die Rollenverteilung. Denn selbst das Geschlecht ist wählbar: «Als ich einen Beitrag sehe, der von einer Frau handelt, die ihr Geschlecht wechselt (…), wird mir bewusst, dass ich genau so empfinde. Auch ich bin im falschen Körper geboren.»

 

Das ist in meinen Augen eine bemerkenswerte Verquickung von kulturell überformten Wahlmöglichkeiten (man erfährt medial davon), einem kruden Biologismus (der ‹falscher Körper› impliziert, dass es einen eigentlichen, richtigen gäbe) und einem ungebrochenen Glauben an den Fortschritt-durch-Konsum (Glück kann man technisch herstellen, mithin kaufen).

Dem allumfassend gewordenen Zwang, ‹frei› wählen zu müssen und sich zur Wählbarkeit zu optimieren, lässt es sich jedoch nicht entsagen …

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