Mehr Politik, viel mehr SVP

Immer mehr Politik, vor allem aber: Immer mehr SVP-Politik. So lautet das Fazit einer Auswertung des redaktionellen Teils der ‹Winterthurer Zeitung› zwischen März 2017 bis Dezember 2018. Die Studie des Vereins für Medienvielfalt widerlegt die Beschwichtigungen durch die Herausgeber bei der Übernahme der Zeitung durch Christoph Blocher 2017.

 

Matthias Erzinger*

 

Interessant ist bei den Reaktionen auf die Veröffentlichung der Studie, dass von Seiten der Zeitungshaus AG von Christoph Blocher einerseits der Befund zurückgewiesen und abgestritten wird, dagegen aber der Winterthurer SVP-Präsident Simon Büchi es begrüsst, dass «wenigstens eine Zeitung» über die SVP berichte, da die Medien ja grundsätzlich die SVP stiefmütterlich behandelten – so auch der in der Wahrnehmung von Büchi «linke» Winterthurer ‹Landbote›. Doch was erzürnte Rolf Bollmann, den CEO des Blocherschen Zeitungsimperiums, so sehr, dass er von «Fake News» spricht und rechtliche Schritte androht? Unter anderen kritisiert Bollmann, dass in der Auswertung die wöchentliche Kolumne Christoph Blochers als SVP-nahe gewertet wurden…

 

Der Verein für Medienvielfalt hatte, wie viele andere, bei der Übernahme der ‹Winterthurer Zeitung› und 24 weiterer Lokalzeitungen durch Christoph Blocher im August 2017 die Meinung vertreten, dass sich damit auch die redaktionelle Linie der Zeitung verändern und verstärkt die SVP-Meinung vertreten werde. In einem Interview mit dem ‹Landboten› vom 17. August 2017 wurde dies jedoch von Rolf Bollmann als «dummes Zeugs» bezeichnet, und er betonte, die Zeitungshaus AG werde vor allem in unpolitische Lokalberichterstattung investieren… Aufgrund von partiellen Wahrnehmungen, spezielle im Vorfeld der Gemeindewahlen von März 2018, entschloss sich der Verein für Medienvielfalt, die Entwicklung sorgfältig zu verfolgen, um über Fakten zu verfügen. Zusammen mit dem emeritierten Professor für Publizistik, Heinz Bonfadelli, wurde ein Studienlayout erstellt und Richtlinien für die Auswertung festgelegt. Die erfolgte dann in ehrenamtlicher Arbeit durch Mitglieder des Vereins. Um Vergleichsdaten zu haben, wurden auch die Ausgaben rund ein halbes Jahr vor der Übernahme ausgewertet.

 

 

 

 

 

Überaschend deutliche Veränderung
Analysiert wurden knapp 100 Ausgaben zwischen März 2017 und Dezember 2018. Die Deutlichkeit der Resultate war überraschend: Die ‹Winterthurer Zeitung› wurde deutlich politischer: Von März bis August 2017 waren rund 92 Prozent der redaktionellen Artikel unpolitisch oder politisch neutral. Vom
1. September 2017 bis Ende 2018 waren dagegen nur noch 47 Prozent der Beiträge unpolitisch oder politisch neutral. Die SVP konnte in der ‹Winterthurer Zeitung› eine starke Präsenz aufbauen. Wurde sie im halben Jahr vor der Übernahme der Zeitung lediglich in vier Prozent der Artikel erwähnt, liegt dieser Anteil zwischen September 2017 und Dezember 2018 bei 30 Prozent, wobei die SVP kurz vor den Gemeindewahlen in Winterthur vom 8. März 2018 mit 62 Prozent Anteil den Spitzenwert erreichte. Im Dezember 2018 lag der Anteil der SVP bei 56 Prozent.

 

Transparenz herstellen
Soweit so klar. Grundsätzlich steht es Besitzenden frei, den parteipolitischen Kurs einer Zeitung zu bestimmen. Dies gilt selbstverständlich auch für Christoph Blocher. Problematisch ist jedoch, wenn diese politische Linie abgestritten und die ganze Nordwestschweiz trotzdem davon geprägt wird. Die Zeitungshaus AG umfasst inzwischen 31 Titel, darunter auch das ‹Tagblatt der Stadt Zürich› mit amtlichen Anzeigen und einer gesamten Auflage von über 800 000 Exemplaren. Mit der Veröffentlichung der Studie ist es gelungen, die schleichende redaktionelle Veränderung eines der wichtigsten Titel des Blocherschen Imperiums zu dokumentieren und eine faktenbasierte Transparenz zu schaffen, welche auch bei anderen Titeln zu grösserer Aufmerksamkeit führen wird. Im Zürcher Gemeinderat ist zu dieser Thematik bereits ein Vorstoss lanciert worden, und auch Stadtpräsidentin Corine Mauch gab öffentlich bekannt, die redaktionelle Linie des ‹Tagblattes› genau zu verfolgen.

 

Bewusst wurde durch den Verein bei der Veröffentlichung der Studie und ergänzenden Ausführungen auf eine Wertung der Entwicklung verzichtet. Umso stärker überrascht die harsche Reaktion der Zeitungshaus AG, aber auch der Kommentare in den betroffenen Blättern selbst, zum Beispiel in der ‹Ostschweiz›, in welcher der Kommentator gleichzeitig auf das Recht einer partepolitischen Ausrichtung pochte, die Auswertung selbst aber trotzdem als «gezielte Kampagne und SVP-Bashing» dämonisierte. Trotzdem will der Verein für Medienvielfalt an seiner Strategie festhalten: In den kommenden Wochen werden die Resulate der Auswertung mit einer Flyerak­tion in Winterthur breit gestreut.
Aktuell übersteigt eine weiterführende Auswertung der von Herrn Blocher geführten Lokalzeitungen die Möglichkeiten des Vereins. Die ‹Winterthurer Zeitung› wurde von ihrem CEO Rolf Bollmann aber bei der Übernahme als eine der wichtigsten Akquisitionen bezeichnet. Wir gehen daher davon aus, dass sich auch die weiteren Medien der Zeitungshaus AG in dieselbe Richtung entwickeln.

 

* Matthias Erzinger ist ehemaliger Journalist und Mitglied des Vereins Medienvielfalt.

 

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