Mehr als tausend Worte

Hunderte Seiten Theorie oder Bloglaufmeter lesen, bringen die Stellung der Frau nicht dermassen auf den Punkt wie ein Gang durch die grosszügig gehängte Ausstellung von Anne Collier im Fotomuseum Winterthur.

 

Die Amerikanerin mit Jahrgang 1970 arbeitet zwischen Found-Footage und Appropriation Art. Im ersten Saal ist man umzingelt von sieben grossformatigen Augen und müsste sich rein vom Setting her eigentlich unangenehm beobachtet fühlen. Die Erinnerung an den gefühlten Spiessrutenlauf durch einen Spalier von Blicken, die einen mit nur einem Hintergedanken eindringlich mustern, ist sofort abrufbar. Aber bloss im Kopf, denn die hier massiv vergrösserten Frauenaugen blicken nicht begierlich. Sie weinen. Je nach gewähltem Ausschnitt der Abbildungen aus den 1970er- und 1980er-Jahre aus Magazinen und (Plakat-)Werbung ist eine vermeintliche Unterscheidbarkeit zwischen kämpferischem Trotz und finaler Aufgabe hinein interpretierbar. Allein, es sind nur Frauen, die weinen. In einem Kabinett dahinter wiederholt sich dieses Stereotyp in grobkörnig gerasterten Fundstücken aus dem Comic. Diese Zuschreibung ermöglicht durch die Versimplifizierung der Frau als Äusserlichkeit auch den Umkehrschluss der Überhöhung im Sehnsuchtssinne. Eine Nackte schreitet in die Brandung, vor ihr die Unendlichkeit. Einmal positiv, einmal negativ vergrössert, spricht diese Kombination Bände. Doch das Ende der Fahnenstange ist längst nicht erreicht, wie Annoncen von grossen Kamera-, Stativ- und Objektivfirmen belegen. Ist der Werbeträger ein Mann, trägt er Abenteurerlook und es genügt die Abbildung vom Knie bis unters Kinn, der neuste technische Fortschritt liegt ihm locker auf dem Oberschenkel – frei assoziierend mit der Schusswaffe oder dem Schwellkörper in fantastischer Wunschdimension. Der Blick richtet sich aufs Produkt. Selbstredend verhält es sich komplett umgekehrt, wenn zur Umsatzsteigerung eine Frau ins Bild gerückt wird. Die Hauptattraktion der Werbung ist dann nicht mehr das eigentlich beworbene Produkt, sondern der bare pralle Busen eines zeitgeistig für attraktiv gehaltenen Models. Der wirtschaftlich und technisch Fähige für den professionellen Umgang mit der Fotografie ist unverkennbar männlich. Und das exklusiv. In Ergänzung stellt Anne Collier die Diaprojektion «women with cameras» auf, worin sich in (hauptsächlich) prädigitalen Zeiten Frauen vor Spiegeln oder sich spiegelnden Fensterfassaden in möglichst vorteilhaften Posen selber ablichten. Dass damals erst Tage oder Wochen nach dem Abdrücken festgestellt werden konnte, ob Belichtung etc. richtig gewählt worden waren, muss man mitdenken. Aber primär blasen die paar Minuten Fundstücke ins genau gleiche Horn der stereotypen Annahme, Frauen wären schlicht nicht fähig. Statt dem Kopf das Blitzlicht, der Raum so dunkel wie die Silhouette. Im Resultat – für welchen Zweck ein solches Bild überhaupt geschossen wurde, ist zweitrangig – unbrauchbar. Wofür Frauen allerdings nachgerade prädestiniert sind, sind Illustriertenfragebogen à la «How do you tink others see you?» Die Intelligenz hat es bei zwanzig Fragen grad noch auf die Liste geschafft (Platz 16), dominierender sind Gang, Kleidung, Manieren, Körperbau,… «Photographic» thematisiert gemäss der Kuratorin Nadine Wietlisbach exemplarisch, dass «das unschuldige Bild eine Illusion» ist und geht zeitgleich weit darüber hinaus. Während die 1970er-Jahre als befreiend in vielerlei Hinsicht in Erinnerung sind, zeigt dieses nicht bloss angenehme und schon gar nicht voyeuristische Wiedersehen mit dem damaligen Zeitgeist, wie tief verinnerlicht die Geschlechtersegregation sitzt. Damals äusserte sie sich extrem plakativ. Heut nicht mehr so. Ist sie deshalb automatisch nicht mehr da? Eine sehr raffinierte Infragestellung des Heute mit den Mitteln des Gestern.

 

«Anne Collier – Photographic», bis 26.5., Fotomuseum, Winterthur. Katalog.

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